Einweg-Verbot Das unternimmt die EU gegen Plastikmüll

Mit der neuen Richtlinie gegen Einwegplastik wollen Europas Politiker den Plastikmüll bekämpfen. Ihr Normenwerk kann die globale Abfallschwemme wohl kaum stoppen. Aber es ist ein Anfang.

Plastikmüll im Bauch eines Wals
REUTERS

Plastikmüll im Bauch eines Wals

Von


War es das Video des Tauchers, der vor Bali durch eine Müllsuppe schwamm? Oder das von dem Grindwal, der an der thailändischen Küste an mehr als 80 Plastiktüten im Magen verendete? Waren es die Bilder des abgemagerten Wals, der an einem philippinischen Strand mit mehr als 40 Kilogramm Müll im Bauch starb? Oder waren es die Berichte über winzige Plastikteilchen, die Forscher im menschlichen Stuhl entdeckt haben?

Wie auch immer: So einig wie beim Thema Einweg ist das EU-Parlament selten gewesen. Mit 560 gegen 35 Stimmen bei 28 Enthaltungen haben die Abgeordneten an diesem Mittwoch die Einweg-Plastikrichtlinie abgesegnet. Das Normenwerk, das die Mitgliedsstaaten nun in nationale Gesetze gießen müssen, soll die Vermüllung der Umwelt und der Meere bekämpfen.

Aber ist es dafür überhaupt weitreichend genug? Der Überblick:

Was wurde entschieden?

Das Europaparlament hat beschlossen, dass bestimmte Einwegartikel aus Kunststoff von 2021 an EU-weit nicht mehr verkauft werden dürfen. Dazu gehören unter anderem Einwegteller, -besteck, Trinkhalme, Kaffeebecher aus geschäumtem Polystyrol, Watte- oder Rührstäbchen. Nicht verboten werden Plastikflaschen. Von 2025 an sollen die Flaschen zu mindestens 25 Prozent aus Recyclingmaterial bestehen, bis 2029 sollen 90 Prozent der Flaschen getrennt gesammelt werden.

Dazu sollen Hersteller von Zigaretten und von Fischfanggerät zur Kasse gebeten werden, sich an den Kosten für die Reinigung der Natur von weggeworfenen Kippen und Netzen sowie für bessere Verbraucheraufklärung zu beteiligen. Zigarettenstummel etwa sondern giftige Chemikalien ab, die Tiere und Pflanzen umbringen können.

Insgesamt konzentrieren sich die Vorschriften auf zehn Einwegprodukte aus Kunststoff, die in Europa am häufigsten an Stränden und in Gewässern gefunden werden. Sie machen zusammen mit Netzen und Schnüren gut zwei Drittel aller Abfälle im Meer aus.

Was soll die neue Richtlinie bringen?

Sie soll dazu beitragen, die Unmengen von Kunststoffmüll in der Umwelt und in den Weltmeeren einzudämmen. Mehr als 140 Millionen Tonnen Plastikmüll treiben inzwischen in fünf riesigen Strudeln durch die Ozeane. Mikroplastik, also winzigste Kunststoffteilchen, lassen sich in fast jedem Gewässer der Erde, in der Arktis und auch im menschlichen Körper nachweisen. Die Uno befürchtet, dass es 2050 mehr Plastik als Fisch in den Meeren geben könnte.

Mehr als 140 Millionen Tonnen Plastikmüll treiben durch die Ozeane (Symbolbild)
Jorge Silva / REUTERS

Mehr als 140 Millionen Tonnen Plastikmüll treiben durch die Ozeane (Symbolbild)

In der EU entstehen jedes Jahr rund 26 Millionen Tonnen Plastikmüll. Und in keinem Mitgliedsstaat fällt mehr Verpackungsmüll an als in Deutschland. Laut der Brüsseler Kommission sollen bis 2030 Umweltschäden im Wert von 22 Milliarden Euro vermieden werden. Verbraucher könnten bis zu 6,5 Milliarden Euro sparen, heißt es.

Gesamtproduktion 348 Millionen Tonnen

Werden die Weltmeere jetzt spürbar sauberer?

Kaum. Die globale Plastikproduktion wächst seit Jahren. Alle Staaten in Europa haben zusammen weniger als 20 Prozent Anteil an der weltweiten Plastikherstellung. Und ihr Anteil am Plastikmüll in den Meeren ist noch geringer. Schließlich ist die Abfallwirtschaft in Europa besser entwickelt als auf anderen Kontinenten. Hier wird ein größerer Teil des Mülls verbrannt oder recycelt als etwa in vielen Schwellenländern.

Allerdings exportieren viele europäische Staaten ihren Müll in solche Schwellenländer. Deutschland etwa verschiffte bis einst gut zehn Prozent seiner Plastikabfälle nach China. Die Volksrepublik hat Anfang 2018 den Import bestimmten Mülls verboten, doch dafür geht nun umso mehr in andere asiatische Länder. Und dort wird der Umgang mit dem Abfall oft nur lax überwacht. EU-Politiker hoffen darauf, dass die neue Richtlinie anderswo Nachahmer findet.

Welche anderen Ansätze gibt es, um die Plastikschwemme einzudämmen?

Forscher und Start-up-Unternehmen tüfteln an unterschiedlichen Technologien, um den Müll aus dem Meer zu holen.

  • Beim Projekt "Ocean Cleanup" des Niederländers Boyan Slat etwa sollen Hunderte Meter lange schwimmende Barrieren den Müll zusammentreiben - und vor allem größere Plastikteile einfangen.
  • Der "Seabin", das Werk zweier Australier, ist eine Art schwimmender Müllsauger, der an der Oberfläche treibt, durch eine Pumpe Wasser anzieht und auch kleine Teilchen herausfiltern kann.
  • Die deutsche Architektin Marcella Hansch hat mit ihrem Team vom "Pacific Garbage Screening" eine schwimmende Plattform entwickelt, deren spezielle Bauweise es ermöglichen soll, Plastikpartikel aus dem Wasser zu fischen, ohne dabei Meereslebewesen zu gefährden.
  • Forscher haben Bakterien entdeckt, die bestimmte Kunststoffe fressen, und versuchen nun Enzyme zu entwickeln, die Plastik zersetzen.

Allerdings sind die Projekte oft noch im Anfangsstadium oder haben technische Probleme - oder beides. Von einem Großeinsatz im Kampf gegen die Verschmutzung der Weltmeere sind sie noch weit entfernt. Umso wichtiger ist es, Plastikmüll von vornherein zu vermeiden - oder ihn wenigstens besser als bisher wiederzuverwerten.

Im Video: Die Müllkippen der Meere

NASA

Was läuft in Deutschland falsch?

Grüner Punkt, gelber Sack: viele Deutsche trennen seit Jahrzehnten ihren Müll sorgfältig. Dennoch wird nur ein Teil des Abfalls am Ende auch recycelt. Laut Umweltbundesamt sind es 39 Prozent; Experten zweifeln selbst diesen Wert an.

Seit Jahren werden Massen von Müll in andere Länder exportiert. Und ein großer Teil der Abfälle wird verbrannt. Dabei entstehen giftige Rückstände, die Hunderte Meter unter der Erde gelagert werden müssen.

Kann ich überhaupt selbst etwas gegen das Plastikmüllproblem tun?

Ja - zum Beispiel den Müll trennen. Zwar ist nicht sicher, dass der Abfall aus dem Gelben Sack recycelt wird. Nicht getrennter Müll aber wird garantiert nicht wiederverwertet. Auf keinen Fall sollten Sie Plastikverpackungen in die Biotonne werfen; sonst könnte das Material als Mikroplastik in der Natur landen.

Auf Flugreisen können Passagiere einiges tun, um die Müllberge auf dem Klapptischchen vor ihnen zu vermeiden. Und auch beim täglichen Einkauf lohnt es sich, nach Produkten ohne Plastikverpackung Ausschau zu halten.

Und: Je mehr Menschen die Mitarbeiter von Fluglinien und Supermärkten oder politische Entscheider gezielt auf das Thema Plastikmüll ansprechen, desto größer wird das Bewusstsein für das Problem. Und desto eher werden die Verantwortlichen über Alternativen nachdenken. Auch über solche, die ihnen die neue EU-Richtlinie nicht aufzwingt.

insgesamt 48 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
ruhepuls 27.03.2019
1. Es ist ein Anfang...
Sicher werden die Europäer die Plastikflut nicht stoppen können. Aber es ist ein Anfang. Schon viele Jahre, bevor es bei uns Einweg-Flaschen-Rücknahme-Automaten gab, hatte ich in Schweden solche im Supermarkt gesehen. Heute haben sie fast alle. Es wird ein langer Weg, von der heutigen Wegwerfgesellschaft, die bequem für Hersteller und Konsumenten ist, hin zu einer "nachhaltigeren". Aber was wäre die Alternative?
Europa! 27.03.2019
2. Exportverbot für Müll?
Vielleicht würde ja ein Verbot für grenzüberschreitende Beförderung von Müll helfen? Dann müssen die Mitglieder der EU vor der eigenen Tür kehren.
gluonball 27.03.2019
3. Effektivität
Alle Maßnahmen in Ehren. Wenn ich mir die auch bei Spon hochgeladenen Videos ansehe wo Flüsse voll von Plastik ins Meer fließen dann muss man doch erkennen, dass man hier ansetzen muss. Warum dort nicht Entwicklungshilfe leisten und die Flüsse säubern oder vorher (leider schwieriger) ein Recyclingsystem aufbauen? Aber selbst wenn man nur an den Flüssen alles rausfischen würde und dann verbrennte wäre das ein großer Beitrag der nicht mal viel kosten würde.
ziehenimbein 27.03.2019
4.
Verboten wurde nur wofür es keine wirkliche Lobby gibt. Aus dem Kunststoff der 6 Beutelchen Futter, die der dicke Nachbarskater täglich bekommt, schließlich braucht er ja Abwechslung, könnte man für mich den Wattestäbchenbedarf der nächsten Jahre produzieren. Plastikgeschirr bei öffentlichen Veranstaltungen muß nicht sein, aber die zwei Teller jährlich, die ich beim Picknick brauche, sind weitaus weniger Müll als die Plastikschalen für das Obst oder Gemüse, welches fast jeder wöchentlich einkauft. Beim Einzelhandel könnte man ein Vielfaches aus dem Stand heraus einsparen! Hat man das vergessen oder traut man sich nur nicht?
perino 27.03.2019
5. Unverpacktläden
In fast jeder mittelgroßen Stadt gibt es mittlerweile wenigstens einen Unverpacktladen. Das Prinzip ist einfach und effektiv. Es gibt keine Ausrede mehr, nicht selber etwas zu tun, außer Faulheit und/oder falsche Prioritätensetzung im Zeitmanagement.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.