Poker um KirchMedia Banken, Haie und Pygmäen

Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi greifen nach der Kontrolle über die Fernsehsender von Leo Kirch. Dem Münchner ist es nach eigenen Angaben inzwischen egal, ob Banken, Konkurrenten oder "Pygmäen" KirchMedia übernehmen.


Kirch-Zentrale in Ismaning: Der Medienzar hat resigniert
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Kirch-Zentrale in Ismaning: Der Medienzar hat resigniert

Frankfurt am Main - Die Gläubigerbanken stehen einer mehrheitlichen Übernahme der KirchMedia durch Murdoch, Berlusconi und anderer Investoren nicht mehr im Wege, hieß es am Dienstag in Finanzkreisen. Die Banken wollten die Kontrolle über den Medienkonzern aber nicht ganz verlieren und würden einen Teil der Kirch-Anteile für sich selbst behalten.

Auch Kirch selbst soll sich inzwischen damit abgefunden haben, dass er in Zukunft das Geschäft nicht mehr führen wird. Nach einem Bericht der "Financial Times" habe Kirch bei einem Investorentreffen gesagt, ihm sei es gleichgültig, ob ausländische Medienunternehmen oder ein Bankenkonsortium die Kontrolle bei KirchMedia übernähmen. "Von mir aus könnten Pygmäen mein Unternehmen leiten", wird Kirch zitiert.

Den ausländischen Medienunternehmern geht es Beobachtern zufolge vor allem um KirchMedia, das Juwel der KirchGruppe. Darin ist das profitable Kerngeschäft der KirchGruppe mit dem Filmrechtehandel, den Fernsehsendern ProSieben und Sat.1 sowie den Fernsehübertragungsrechten für die Fußball-Bundesliga und die Weltmeisterschaften 2002 und 2006 gebündelt. Auch auf die Spielfilmbibliothek mit 11.000 Titeln dürften es Murdoch und Berlusconi abgesehen haben.

Stittig ist jedoch weiterhin die Frage, wer den Schuldenberg von rund 6,5 Milliarden Euro abträgt. Nach Informationen der "Financial Times Deutschland" droht der KirchGruppe deshalb die Insolvenz. Murdoch und Berlusconi seien unter den aktuellen Umständen nicht bereit, das Unternehmen von Leo Kirch finanziell zu retten. Bei einem Treffen mit den Gläubigerbanken hätten sich ihre Vertreter am Dienstag nicht geeinigt. "Im Augenblick ist ein Bankrott von Kirch wahrscheinlicher als eine sofortige Übernahme durch uns", wird ein Vertreter der Investorengruppe zitiert.

Um fällige Rechnungen zu begleichen, benötige Kirch rund 200 Millionen Euro, schreibt die Zeitung. Sollte er dieses Geld binnen 24 Stunden nicht auftreiben, müsse er Insolvenz anmelden.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet dagegen, dass sich ein Konzept zur Rettung für die Mediengruppe abzeichnet. Entscheidend für den Fortschritt der Verhandlungen dürfte der Zeitung zufolge eine Lösung für Kirchs Formel-1-Paket sein.

Von "unerwartet großen Hindernissen" berichtet das "Handelsblatt". Die KirchMedia-Gesellschafter wollten bisher zum Nulltarif einsteigen, was die Banken aber ablehnten. Jetzt zeichne sich eine gemeinsame Lösung von Banken und Gesellschaftern zur Rettung der Gruppe ab, wobei noch um Einzelheiten gerungen werde. Nach letztem Stand könnte die Mehrheit an die Investoren gehen, die Banken würden 25 Prozent übernehmen, um den Erfolg der Restrukturierung sicherzustellen, schreibt das Blatt. "Das ist ein zähes Ringen und Feilschen", sagte ein Finanzexperte. Nach Informationen aus Verhandlungskreisen waren die Gespräche am Montagabend wegen Widerstände der Italiener ins Stocken geraten. Am Dienstag teilte Mediaset aber nach Beratungen in Mailand mit, keinen Alleingang einschlagen zu wollen. "Wir möchten unterstreichen, dass wir keine alternativen Initiativen zu den Plänen der deutschen Banken ergriffen haben."

Murdoch hält bislang knapp 2,5 Prozent an der KirchMedia. Zu den weiteren Gesellschaftern der Gruppe gehört neben Mediaset auch der Handelskonzern REWE und der saudische Prinz Al Walid. Selbst nach einer Übernahme der KirchMedia wird Leo Kirch nach Einschätzung seiner Vertrauten aber nicht aus der deutschen Medienlandschaft verschwinden. "Er wird sicher nicht auf der Parkbank sitzen und Tauben füttern", sagt einer, der ihm nahe steht. "Er ist immer noch ein Vollblutunternehmer."

Am Dienstag hatten zahlreiche deutsche Medienvertreter die Sorge geäußert, ein Einstieg Murdoch gefährde die Medienvielfalt in Deutschland. Murdoch, den sie in der Branche "den Hai" nennen, hat eine differenzierte Meinung zum Thema Machtkonzentration: "Ein Monopol ist eine schlimme Sache, außer man hat selber eins."



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