Polit-Filz Herr Stronach kauft sich Österreich

Er ist der reichste Mann Österreichs, beherrscht die österreichische Fußball-Bundesliga und macht sich, wie Kritiker klagen, die Politik dienstbar. Frank Stronach sorgt für reichlich Wirbel zwischen Bregenz und Wien. Jetzt gerät auch Wolfgang Schüssels Finanzminister in Erklärungsnöte - wegen seiner Stronach-Connection.
Von Dominik Baur

Hamburg - Dies ist die Geschichte eines amerikanischen Traums - oder auch eines österreichischen: die Geschichte des jungen steirischen Werkzeugmachers Franz Strohsack, der auszog, in Kanada sein Glück zu suchen. Er fand es. Aus Franz Strohsack wurde Frank Stronach, und als solcher kehrte er mehr als 30 Jahre später wieder nach Österreich zurück und beglückte seine Landsleute mit Milliarden-Investitionen, Arbeitsplätzen und Millionen für den Fußball.

Es ist aber auch die Geschichte eines österreichischen Klein-Berlusconi, wenn sich auch die politische Dimension im Vergleich zu dem Unternehmerkollegen aus Mailand harmlos ausnimmt. Es ist die Geschichte einer Verquickung von Wirtschaft und Politik, wie sie die Österreicher zuvor nur jenseits des Brenners kannten.

"Ein Land kniet vor Frank Stronach", schreibt die konservative Tageszeitung "Die Presse" über den Chef von Magna, einem der größten Autozulieferer der Welt, der 67.000 Menschen beschäftigt. "Kauft dieser Mann die ganze Republik?", fragt die Illustrierte "News", und setzt nach: "Gehört ihm bald ganz Österreich?" Vor allem die Verbindung von Finanzminister Karl-Heinz Grasser zu Stronach sorgt dieser Tage für Furore in der zweiten Republik.

Unbestritten ist, dass der 70-jährige Austrokanadier mittlerweile in der österreichischen Wirtschaft und Politik fast überall seine Finger mit im Spiel hat. An Stronach kommt keiner mehr vorbei. Dabei baut der Multimillionär vor allem auf ein Netz von ehemaligen Politgrößen. Im Aufsichtsrat seines Magna-Konzerns sitzen Ex-Kanzler Franz Vranitzky (SPÖ) und der Aufsichtsratchef der Bank Austria, Gerhard Randa. Als Topmanager zieht der frühere SPÖ-Geschäftsführer Andreas Rudas bei Magna die Fäden. Ihm hat Stronach insbesondere den Aufbau eines eigenen Wettkanals im Fernsehen aufgetragen.

Ebenfalls eng mit dem Stronach-Imperium verbandelt: der frühere Verkehrsminister Mathias Reichhold, der auch kurzzeitig Riess-Passer als FPÖ-Chef nachfolgte und sich jetzt bei Magna für eine halbe Million Euro im Jahr um "Weltraumtechnologie und Verkehrsfragen" kümmern soll; außerdem der jüngst geschasste, SPÖ-nahe Wiener Polizeigeneral Franz Schnabl und die steirische ÖVP-Landesregierung um Landeshauptfrau Waltraud Klasnic, die dem Großinvestor äußerst gewogen ist. Auch der Ehemann der ehemaligen Vizekanzlerin und FPÖ-Chefin Susanne Riess-Passer, Michael Passer, steht als Steuerberater auf Stronachs Lohnliste.

"Stronach kauft sich die politischen Eliten"

Die "Presse" spricht von "Magnatizing", dem "gezielten Auf- und Ausbau von Macht und Einfluss, wie ihn Stronach praktiziert - und dafür viel Geld in die Hand nimmt". Der Innsbrucker Politologe Anton Pelinka sieht darin "eine sehr neue Art einer offenen Verflechtung von dem Interesse eines multinationalen Unternehmens und der politischen Klasse eines kleinen Landes". Früher habe sich die Politik die wirtschaftlichen Eliten an der Leine gehalten. "Jetzt erleben wir zum ersten Mal, dass die Wirtschaft sich die politischen Eliten an der Leine hält", konstatiert Pelinka. "Stronach kauft sich mit einer überraschenden Direktheit, man könnte sagen Schamlosigkeit, die politischen Eliten. Und die lassen sich das gefallen."

Am stärksten tritt Stronachs zweifelhaftes Engagement für die politische Landschaftspflege freilich in der "Causa Grasser" zutage, wie sie von Österreichs Medien längst genannt wird. Der Vorwurf wiegt schwer: Ausgerechnet Finanzminister Karl-Heinz Grasser soll den Kauf von 18 Eurofightern durchgedrückt haben, obwohl die von Saab angebotene schwedische Variante um einiges billiger gewesen wäre. Der Verdacht: Grasser wollte seinem ehemaligen Arbeitgeber Magna etwas Gutes tun - schließlich ist der Eurofighter-Hersteller EADS eine Tochter von Daimler-Chrysler, dem wichtigsten Geschäftspartner von Magna. Auch beim Verkauf des staatlichen 34,7-Prozent-Anteils an dem Stahlkonzern Voestalpine soll sich Grasser für den Kaufinteressenten aus der Steiermark eingesetzt haben.

"Ein globalisierter Unternehmer mit quasi-proletarischem Auftreten": Lesen Sie im zweiten Teil über die steile Karriere des steirischen Tellerwäschers und die sportlichen Träume des 70-Jährigen

Nach den Vorwürfen hat der 34-Jährige Grasser jetzt auf sein umstrittenes Rückkehrrecht zu dem früheren Arbeitgeber verzichtet. "Aber was heißt das schon", fragt Pelinka. "Wenn der Stronach ihn wieder haben will, dann bekommt er halt ohne Rückkehrrecht seinen Job zurück." Grassers früherer Gönner, der Kärtner Rechtspopulist Jörg Haider, rechnet schon mit einem Rücktritt, die Opposition fordert ihn. Dass es dazu kommt, hält Pelinka für unwahrscheinlich, da Bundeskanzler Wolfgang Schüssel fest zu seinem Minister hält. Aber keinesfalls werde Grasser unbeschädigt aus der Affäre kommen. Der "Chefideologe des Feschismus", wie ihn das Wiener Stadtmagazin "Falter" schon mal verspottet hat, ist sein Strahlemann-Image endgültig los.

Frank Stronach ficht das alles nicht an. Über seine Verstrickungen mit der Politik spricht der Unternehmer nicht gern. Ein Problem sieht er aber offenbar nicht darin. "Es war schon immer so, dass der die Regeln aufstellt, der das Geld hat", wird Stronach gerne zitiert. Lieber spricht der Magnat jedoch über seine philosophischen Grundsätze, über den hohen Wert der Freiheit jedes Einzelnen, darüber, dass kein Kind hungrig zur Schule gehen soll und viel mehr Sport an der Schule unterrichtet werden sollte, denn der fördere das Konkurrenzgefühl.

"Magna Charta" statt Betriebsrat

Die Stronach'sche Erfolgsgeschichte beginnt 1954 in Weiz, einem kleinen Nest in der Steiermark. Mit 200 Dollar in der Tasche, so will es die Legende, macht sich der gelernte Werkzeugmacher Franz Strohsack auf den Weg nach Kanada. Der amerikanische Traum nimmt seinen Lauf. Eine Zeitlang - klassischer geht es nicht mehr - will Stronach, wie er sich inzwischen nennt, sogar Teller gewaschen haben. In Toronto gründet er in einer Garage seine erste kleine Werkzeugmacherei, drei Jahre später bekommt der Handwerker einen Auftrag von General Motors, wenig später ist er ein gemachter Mann. Schließlich beherrscht er den Magna-Konzern, einen der größten Autozulieferer der Welt.

1989 kehrt Stronach zurück in die Steiermark und gründet eine Niederlassung in seiner Heimatstadt Weiz, knapp zehn Jahre später kauft er den Steyr-Daimler-Puch-Konzern. Inzwischen beschäftigt die Magna Steyr, unter deren Dach alle österreichischen Standorte zusammengefasst sind, 11.000 Mitarbeiter. 1,5 Milliarden Euro will Stronach nach eigenen Angaben bislang in Österreich investiert haben.

Das Auftreten Stronachs ist hemdsärmelig. Pelinka bezeichnet ihn als "globalisierten Unternehmer mit quasi-proletarischem Auftreten". Über sein Firmen-Imperium herrscht Stronach wie ein gütiger Monarch - so zumindest dürfte er das sehen. Die Firmengrundsätze sind in der "Magna Charta" festgeschrieben, die für alle 67.000 Mitarbeiter weltweit gilt. Die Mitarbeiter werden am Gewinn beteiligt, aber nicht an den Entscheidungen. Gewerkschaftsbeiträge bezeichnete Stronach schon mal als "Schutzgeldzahlungen an die Mafia", von Betriebsräten hält er gar nichts. Bei ihm gibt es nur "Vertrauensleute".

Ein Fußballverein als Hobby

Seit einigen Jahren hat sich Stronach auch einen anderen Traum erfüllt: Er kaufte sich - AC-Milan-Boss Silvio Berlusconi lässt grüßen - einen Fußballverein: Austria Wien. 20 bis 35 Millionen Euro soll er schon in den Club gesteckt haben. Als Trainer verpflichtete Stronach international bekannte Namen wie die früheren Bundesliga-Trainer Christoph Daum und neuerdings Joachim Löw. Aus Dankbarkeit für sein finanzstarkes Fußball-Engagement wählte man Stronach auch gleich zum Präsidenten der Bundesliga. Deren neuer Geschäftsführer: Peter Westenthaler, ehemals Fraktionsobmann der Freiheitlichen im österreichischen Parlament.

Und Stronach hat noch viele Träume zu verwirklichen. Im nächsten Frühjahr will der Besitzer des größten Rennstalls der Welt (1500 Pferde) im niederösterreichischen Ebreichsdorf den ersten Pferdsportpark in Europa in Betrieb nehmen. 600 Boxen und drei Rennbahnen soll der Park bekommen.

Für einen richtigen "Alpen-Berlusconi" fehlen Stronach nach Meinung Pelinkas nur noch zwei Elemente: Stronach müsste sich auch in der österreichischen Medienszene engagieren, und er müsste höchstpersönlich in die Politik gehen - nicht nur via Mittelsmänner. "Ich kann mir vorstellen, dass ihn das reizt", sagt der Politologe, auch wenn er skeptisch sei, dass Stronach bei den Wählern wirklich Erfolg haben würde. Einmal schon hatte "Fränk" den Gang in die Politik geprobt - als Kandidat der Liberal Party in der kanadischen Provinz Ontario. Damals vermochte der Unternehmer es nicht, die Wähler für sich einzunehmen. Trotz seines Wahlslogans: "Let's Be Frank!"

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