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BETRIEBSZEITUNGEN Politik macht kaputt

Mit einigen Dutzend Betriebszeitungen will die SPD die Belegschaften der Großbetriebe für die Bundestagswahl mobil machen.
aus DER SPIEGEL 6/1976

Im Hause des deutschen Verlegers Axel Springer kursiert seit einigen Wochen eine Zeitung, die so gar nicht nach Art des Hauses geraten ist: Ihr Layout ist unattraktiv, das Papier ist billig und ihr Lesereiz kaum aufzuspüren.

Dafür ist der Inhalt um so aufregender -- jedenfalls für die Springer-Getreuen. Ungeniert kritisieren die Artikelschreiber die Topmanager des Konzerns und die Würdenträger der Unionsparteien. Unverhohlen auch machen sie für das sozialliberale Bündnis Deutschlands Propaganda.

Die Artikel stammen fast ausnahmslos aus der Feder von Verlags-Bediensteten, lediglich der Herausgeber der neuen Springer-Betriebszeitschrift »Zur Sache« stammt von außerhalb: Dieter Sick verdient sein Geld als Funktionär der Hamburger SPD-Zentrale.

Wie die vergleichsweise kleine SPD-Gruppe im Axel Springer Verlag versuchen derzeit etliche Hundert treue Sozialdemokraten, beizeiten vor der Bundestagswahl wahlwirksame Zeitschriften zu produzieren. Sie alle wollen mit SPD-Geschäftsführer Holger Börner »an den feindlich gesinnten Monopolzeitungen vorbei an den Wähler herankommen«.

Rund 20 westdeutsche Großunternehmen werden derzeit mit SPD-Betriebszeitungen umworben. Bei dem Leverkusener Chemiegiganten Bayer und der Ludwigshafener BASF werben regelmäßig gut 20 000 Exemplare für die Kanzlerpartei. Mehr als 12 000 Parteipostillen werden an die Mitarbeiter der Daimler-Benz AG verteilt, die Arbeitnehmer der Farbwerke Hoechst AG und der Opel-Werke in Rüsselsheim dürfen jeweils etwa 10 000 Exemplare nach Hause tragen.

Schon in den nächsten Wochen sollen SPD-Zeitungen in zehn weiteren Großbetrieben Premiere haben und die Gesamtauflage der Wahlkampfblätter auf etwa eine Viertelmillion Exemplare steigern.

Die Presseoffensive in den Betrieben wird zentral vom SPD-Parteivorstand gesteuert, der die Journalisten finanziell unterstützt und mit den passenden Argumentationshilfen versorgt. Ein zentraler Artikeldienst und technische Tips erleichtern den schreibenden Kollegen das Gewerbe.

Für die freiwilligen Wahlhelfer bleibt dennoch genug zu tun. »Mit allen technischen Mängeln, aber mit unheimlicher Akribie« basteln die Genossen nach dem Urteil des zuständigen Parteireferenten Werner Henninghaus ihre Gesinnungsblätter zusammen.

Wohlverpackt in kritische Aufsätze über innerbetriebliche Streitfragen und Probleme propagieren die Amateur-Journalisten die Errungenschaften der Koalition: die Steuerreform des SPD-Finanzministers Hans Apel und die Sozialgesetze des SPD-Arbeitsministers Walter Arendt. Lediglich ein »Frühstücksrätsel« lenkt gelegentlich von der Polit-Lektüre ab.

Dennoch kamen sämtliche der Blätter bei der Kundschaft an. Bei der BASF in Ludwigshafen etwa gingen schon in einer Dreiviertelstunde rund 18 000 Exemplare weg, die Genossen in den Chemischen Werken Hüls mußten eine zweite Auflage nachschieben, und der für die Bayer-Zeitung verantwortliche Funktionär Rudi Dreßler stellte zu seiner Überraschung fest, daß am Tage der Auslieferung »die Papierkörbe leergeblieben waren«.

Diese unverhoffte Attraktivität verdanken die Funktionäre nach eigenem Urteil vor allem ihrer Betriebs- und Basisnähe. Anders als das vom SPD-Vorstand herausgegebene Arbeitnehmerblatt »debatte« nämlich gehen die Betriebsblätter intensiv auf die spezifischen Unternehmens- und Arbeitsplatzprobleme der Kollegen ein.

Schon in ihrem Titel geben sie sich firmennah. Die in den Chemischen Werken Hüls erscheinende Zeitung etwa nennt sich »Wir von Hüls«. Das bei der Hamburger Howaldtswerft erscheinende Blättchen heißt schlicht »Werftsozi«. Und wenn sie den Firmennamen wegen Widerspruchs der Manager nicht im Kopf der Zeitung verwenden dürfen, reizen sie zumindest mit betriebsnahen Schlagzeilen.

Der »Scheinwerfer« von Bosch etwa macht mit der »Mitbestimmung in der Bosch-Hilfe« auf. »Impuls« von der BASF (Badische Anilin- & Soda-Fabrik) lockt mit der Zeile »Aniliner brauchen Sicherheit«.

Parteipropaganda darf dagegen nicht allzu auffällig sein, mit »zuviel Politik«, gibt SPD-Mann Henninghaus zu, »macht man die Zeitungen kaputt«. Auch bei innerbetrieblicher Kritik ist Vorsicht geboten. Allzu leicht könnten die SPD-Werber mit sozialdemokratischen Betriebsräten kollidieren oder mit DKP-Blättern verwechselt werden.

Dennoch: Die SPD-Offensive in den Betrieben hat inzwischen auch CDU-Funktionäre aufgeweckt. So wollen die CDU-Sozialausschüsse in den nächsten Wochen ein Konzept für wahlwirksame CDU-Betriebszeitungen vorlegen.

Dabei denken die Unionschristen weniger an Wandel als vielmehr an Annäherung. Parteireferenten aus dem Bonner Konrad-Adenauer-Haus sagten dem SPD-Journalisten Henninghaus, der gerade eine Anleitung zum »Zeitung machen« verfaßt hat: »Euer Handbuch können wir so übernehmen.«

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