Polnischer Milliardär Kulczyk "Großes Geld braucht Ruhe"

Er ist einer der reichsten, aber auch umstrittensten Männer im Land: Kaum ein Unternehmer hat den jungen Kapitalismus in Polen so geprägt wie der Milliardär Jan Kulczyk. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über seine Karriere, Expansionspläne und Kritiker in der Politik.


SPIEGEL ONLINE: Herr Kulczyk, welche Biermarke ist Ihnen am liebsten?

Kulczyk: Ich trinke gar kein Bier. (lacht) Aber es macht mir Spaß, dass meine Firma an einer der besten Brauereien der Welt beteiligt ist.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Unternehmen, die Kulczyk Holding, kontrolliert in Polen Biermarken wie Tyskie, Zubr und Lech. Aber sind die aus Ihrer Sicht wirklich Weltspitze?

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Kulczyk: Unsere Anlagen arbeiten effizienter als die meisten anderen auf dem Globus. Und wenn die Sorten nicht gut wären, würden die Leute sie im Supermarkt ja nicht kaufen. Als wir die Brauereien 1992 vom Staat erworben haben, hatten wir sieben Prozent Marktanteil. Heute sind es 40 Prozent. Wie wir wissen, haben sich viele deutsche Bieranbieter in derselben Zeit leider eher traurig entwickelt.

SPIEGEL ONLINE: Weil den Deutschen im Vergleich zu den Polen der Unternehmergeist fehlt?

Kulczyk: Wir in Polen sind noch hungrig nach Erfolg. Die Begeisterungsfähigkeit ist bei uns größer. Wir erleben die echte Freiheit ja erst seit 15 Jahren. Diese einmalige Chance, die uns die Geschichte geboten hat, haben wir bei der Privatisierung der Brauerei und anderer Firmen genutzt. Solche Gelegenheiten hat es für Polen seit 50 Jahren nicht gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Etwas nüchterner könnte man sagen: Sie haben im Kommunismus heruntergewirtschaftete Firmen günstig vom Staat übernommen - und als der Aufschwung einsetzte, davon profitiert, dass der Wert stieg.

Kulczyk: Wir haben nicht günstig gekauft - sondern zu dem Wert, den die Firmen damals hatten. Nehmen Sie noch mal unsere Brauereifirmen als Beispiel: Vor der Privatisierung haben sie weniger als eine Million Hektoliter im Jahr produziert - heute sind es über 14 Millionen. Die Gewinne sind sogar 50 Mal größer! 1992 gab es zwölf Mitarbeiter im Vertrieb, die Sekretärinnen eingeschlossen. Heute sind es 1000. Dafür mussten wir Stellen in ineffizienten Bereichen streichen. Wir haben eine total neue Welt geschaffen. Das zeigt doch eindrucksvoll, dass eine private Firma wie unsere viel mehr erreichen kann als eine staatliche.

SPIEGEL ONLINE: Nun besitzt Ihre Kulczyk-Holding auch diverse Unternehmen aus anderen Branchen - Mobilfunk, Straßenbau, Auto-Import. Steckt hinter all diesen sehr verschiedenartigen Investments eine gemeinsame Philosophie?

Kulczyk: So unterschiedlich sind die Branchen gar nicht. Wir engagieren uns vor allem in Bereichen, die mit Infrastruktur zu tun haben, die eine makroökonomische Bedeutung besitzen. Die Kulczyk-Holding sehe ich als eine Mischung aus einer Private-Equity-Gesellschaft und einer Investitionsbank. Oft engagieren wir uns nicht allein, sondern zusammen mit westlichen Partnern.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Unternehmen in Polen oder weltweit, mit denen Sie sich vergleichen würden?

Kulczyk: Ich sehe eigentlich keine ... Die großen amerikanischen Private-Equity-Gesellschaften wie Kohlberg Kravis Roberts sind viel stärker auf kurzfristige Geschäfte konzentriert. Wir binden uns langfristiger - es gibt genug Investitionen, die ich seit zehn, 15 Jahren halte.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie vom Vergleich mit den russischen Oligarchen? Auch die sind durch das richtige Gespür in einer jungen Marktwirtschaft in nur wenigen Jahren sehr reich geworden.

Kulczyk: Solche Vergleiche gefallen mir nicht. Das was wir geschafft haben, verdanken wir unserer Energie, unseren Visionen. Wir leben nicht davon, dass man uns eine Quelle oder eine Geldgrube geschenkt hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie galten jahrelang immer als reichster Mann Polens - nach neueren Schätzungen sind Sie vielleicht "nur" noch der zweitreichste. Was stimmt denn nun?

Kulczyk: Wir leben nicht von Statistiken. (lacht) Und großes Geld braucht Ruhe, sehr großes sogar Stille. Aber meine Unternehmen und ich, wir sind immer noch einer der wichtigsten Steuerzahler im Land - leider, könnte man sagen. Fragen Sie unseren Finanzminister.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben über Jahre hinweg vor allem Unternehmen übernommen, die gerade privatisiert worden sind, und sie dann saniert und teils weiterverkauft. Mittlerweile scheint die Ära der Privatisierungen in Polen vorbei zu sein. Ist das nicht ein Problem für Sie?

Kulczyk: Wir haben bei den Privatisierungen der Vergangenheit großes Know-how erworben - wir wissen so gut wie nur wenige andere Firmen weltweit, was zu tun ist, wenn sich ein System vom Sozialismus zur freien Marktwirtschaft wandelt. Diese Kompetenz wollen wir weiterhin nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Auch im Ausland?

Kulczyk: Wir müssen unsere Chancen in anderen Ländern suchen, natürlich. Ich denke an Investitionen in Asien und Afrika. Aber es ist noch ein bisschen zu früh für Details dazu. Den Unternehmen, die wir in Polen erworben haben, bleiben wir treu. Die polnische Wirtschaft ist heute eine gut funktionierende Wirtschaft. Man verdient sehr gut. Die Wachstumsraten für Firmen liegen zwar nicht mehr bei 200 Prozent im Jahr, aber 10, 20 Prozent sind möglich. Polen liegt mir sehr am Herzen.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben aber mittlerweile in London.

Kulczyk: Weil es das wichtigste Finanzzentrum Europas ist. Von dort aus führe ich meine internationalen Geschäfte. Wenn man die Chance hat, die Welt zu erobern, dann muss man sie nutzen. Das macht jede Firma so, egal ob sie aus Deutschland, Schweden oder Italien stammt. Aber ich war immer die führende Person in der polnischen Wirtschaft, und das bin ich weiter.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind aber auch eine politisch sehr umstrittene Person. Im polnischen Unterhaus, dem Sejm, gab es bis 2005 einen Untersuchungsausschuss zur Affäre namens "Orlengate" - und Sie waren eine der Schlüsselfiguren.

Kulczyk: Wenn man große Projekte anführt, steht man natürlich in der Diskussion. Aber wenn die Politik in der Wirtschaft weniger präsent wäre, bräuchte man auch keine Kommissionen.

SPIEGEL ONLINE: Einige Ihrer größten damaligen Kritiker sind nun an der neuen polnischen, rechtskonservativen Regierung beteiligt. Wie beurteilen Sie deren bisherige Arbeit?

Kulczyk: Es ist zu früh, das zu sagen. Ich finde auch, dass wir Unternehmer uns um die Wirtschaft kümmern sollten und die Politiker um den Staat. Wenn man das mischt, ist es ungesund.

SPIEGEL ONLINE: Gerade Ihnen wurde aber unterstellt, dass Sie zu den Regierungen und der Staatsführung in der Ära Kwasniewski gute Beziehungen unterhalten haben.

Kulczyk: Die Frage ist nicht: War ich zu nah an der Politik? Vielleicht war ja die Politik zu nah an mir. Sehen Sie: Auch in Frankreich oder Deutschland gibt es Dialog zwischen Regierung und Wirtschaft. Das ist normal. Schade ist nur, wenn das als Argument in der politischen Debatte genutzt wird. Dann ist man immer verdächtig, egal ob man etwas getan hat oder nicht. Dann haben alle Angst, wir und die Politiker.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie aus den politischen Turbulenzen Lehren gezogen?

Kulczyk: Ich habe in der letzten Zeit nichts privatisiert, nichts gekauft. Ich hatte ein Mandat im Aufsichtsrat von PKN Orlen, davon bin ich zurückgetreten. Wenn der Staat über das Unternehmen bestimmen will, dann kann ich als privater Unternehmer keine Rolle dafür spielen.

SPIEGEL ONLINE: Obwohl Sie das gerne getan hätten?

Kulczyk: Ich hatte die Vision, die drei Energiefirmen Orlen, MOL und OMV aus Polen, Ungarn und Österreich zu verschmelzen. Wenn wir das realisiert hätten, wäre einer der absolut größten Konzerne in diesem Teil Europas entstanden - mit einem Börsenwert von 50 Milliarden Euro, Minimum. Für Polen war das meiner Meinung nach der richtige Weg, nur war es politisch nicht durchsetzbar.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn aus Ihrer Sicht ein unpolitischer Mensch?

Kulczyk: Ich bin sehr liberal, und das ist für mich Demokratie. Echte Demokratie besteht nicht darin, dass wir alle vier Jahre zur Wahl gehen dürfen, so bedeutend das ist. Wichtiger ist, dass wir selbst bestimmen dürfen, was wir mit unserer Freiheit und unserem Geld machen. Dass uns niemand vorschreibt, wo wir Urlaub machen oder welchen Arzt wir besuchen müssen, wie im Sozialismus. Für mich ist das Schönste, dass ich jeden Tag gewählt werde: Wenn man im Supermarkt mein Bier kauft, wenn man auf meiner Autobahn fährt, über meine Firma telefoniert. Die wichtigsten Wahlen - das sind die, die wir täglich haben.

Das Interview führte Matthias Streitz



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