Porsche und VW Ein Wildschwein nimmt Anlauf

Stuttgarter Salami-Taktik: Porsche stockt seinen Anteil an VW nun doch weiter auf und gibt ein Pflichtangebot an alle Aktionäre ab. Eine vollständige Übernahme ist zwar derzeit nicht geplant. Die Grundlage dafür haben Porsche und der machthungrige Ferdinand Piëch nun aber geschaffen.

Hamburg - Die Halbwertszeit der Ankündigung war kurz. Bemerkenswert kurz für einen wie Wendelin Wiedeking, der sonst so gerne den Strategen mimt und in langen Zeiträumen denkt.

Es war der 8. März, als der Porsche-Chef auf dem Genfer Automobilsalon versprach, sein Unternehmen wolle die Beteiligung am Wolfsburger VW-Konzern nur bis 29,9 Prozent aufstocken. Bis zur Hauptversammlung des Wolfsburger Konzerns im April solle das geschehen. Mehr als 30 Prozent an VW, so Wiedeking, wolle Porsche erst einmal nicht.

Nur zwei Wochen später ist das Genfer Gelöbnis Geschichte.

Denn um 12.12 Uhr am Samstag gab der Stuttgarter Sportwagenhersteller per Ad-hoc-Mitteilung bekannt, er wolle seinen VW-Anteil von 27,3 Prozent auf 31 Prozent der Stammaktien hochschrauben. Damit rutschen die Stuttgarter über die im deutschen Börsenrecht vorgegebene Schwelle, ab der sie formal ein Übernahmeangebot an sämtliche anderen Aktionäre abgeben müssen. "Pflichtangebot" nennt sich das. Und tatsächlich nannte Porsche schon einen Preis: Man biete voraussichtlich 100,92 Euro für jede VW-Stammaktie.

Was hat all das zu bedeuten?

"Porsche will Volkswagen übernehmen", titelte die Nachrichtenagentur Reuters - und fing sich prompt ein Dementi ein. "Wir zielen nicht auf eine Mehrheit", wiegelte ein Porsche-Sprecher ab. Alle anders lautenden Meldungen seien eine Fehlinterpretation. Dass ein Pflichtangebot an alle Aktionäre abgegeben wurde, sei bloß eine Formalie. Erst einmal.

Der Porsche-Vorstoß ist in der Tat noch nicht das Signal für eine Übernahme Volkswagens durch Porsche. Aber die kann noch kommen - und der Machtwille des VW-Aufsichtsratschefs Ferdinand Piëch spricht dafür, dass sie nur eine Frage der Zeit ist. Warum? Drei Thesen.

Das aktuelle Angebot ist absichtlich mies: Eine englische Nachrichtenagentur verspottete den von Porsche offerierten Preis prompt als "low-ball offer", als Billigangebot. Tatsächlich bietet Porsche den VW-Aktionären bewusst wenig. Am Freitag hatten die VW-Stammaktien mit einem Kurs von gut 117,70 Euro geschlossen. Zum derzeitigen Zeitpunkt wird also kein vernünftiger VW-Anteilseigner auch nur daran denken, seine Aktien für 101 Euro das Stück an Porsche zu verramschen.

Das spricht dafür, dass es Porsche im Moment in der Tat nur auf 31 Prozent oder etwas mehr abgesehen hat. Schon das wird die Stuttgarter rund eine Milliarde Euro kosten. Eine vollständige Übernahme von Volkswagen (Marktwert der Stammaktien am Freitag: 33 Milliarden Euro) wäre für Porsche reichlich teuer. Sie wäre wohl nur mit einer Kapitalerhöhung zu stemmen - und dann würden die Familien Piëch und Porsche entweder ihre komfortable 100-Prozent-Mehrheit an Porsche abgeben, weil dritte Investoren einsteigen - oder sie müssten selber Geld zuschießen.

Piëch taktiert im Hintergrund weiter: Piëch, der Porsche-Enkel, Strippenzieher in Stuttgart und Aufsichtsratschef bei VW in Wolfsburg, wäre nicht er selbst, wenn er nicht schon mehrere Schachzüge in die Zukunft geplant hätte. Kaum einer, der ihn kennt, zweifelt daran: Der bald 70-Jährige will zum König der europäischen Autowelt aufsteigen und ein Imperium mit den Bestandteilen VW, Porsche und MAN kommandieren.

Das aktuelle Billig-Pflichtangebot an alle VW-Aktionäre hat für die Familien Piëch und Porsche einen praktischen Vorteil: Es wird das letzte sein. Sollte Porsche in der Zukunft seinen VW-Anteil weiter aufstocken, wäre laut Gesetz kein weiteres Pflichtangebot an alle mehr nötig. Porsche könnte sich - zu Zeitpunkten eigener Wahl - Schritt für Schritt und relativ geräuschlos über die Mehrheitsmarke von 50 Prozent hinwegkaufen. Porsche stehen damit alle Optionen offen. Ein Sprecher der Stuttgarter formulierte es blumig: "Jetzt sind wir durch die Wolken durchgestoßen, und jetzt haben wir den blauen Himmel über uns."

Andere trauen Piëch noch viel mehr zu: Am Aktienmarkt kursierten in den vergangenen Tagen Gerüchte, die Porsches und Piëchs kauften mit eigenem Geld Vorzugsaktien von VW. Auf den ersten Blick wirkt das widersinnig. Anders als die Stammaktien von VW bringen die "Vorzüge" zwar eine höhere Dividende mit sich, aber keine Stimmrechte. Porsche dementierte die Gerüchte: Wenn schon, dann werde man Stämme kaufen, also Einfluss, beteuerte Wiedeking.

Nun gilt Wiedeking zwar als brillanter Manager - doch als bloßer Angestellter der Porsche-Eigner ist er nicht notwendigerweise in die Mysterien der Piëchschen Planungen eingeweiht. Möglich jedenfalls wäre, dass die VW-Hauptversammlung zu einem späteren Zeitpunkt schlicht die Umwandlung von stimmrechtslosen Vorzugsaktien in stimmberechtigte Stämme beschließt. Sollten die Porsches und die Piëchs selbst oder über Mittelsmänner Vorzüge gekauft haben - dann könnte ihr Einfluss auf die Wolfsburger durch diesen Handstreich um einen Schlag bedeutend steigen.

Gegen und ohne Piëch geht ohnehin nichts mehr: Der Patriarch kann sich bei seinen Machtspielen Zeit lassen. Zunächst einmal kann Piëch bis zum Jahr 2012 bei VW als Aufsichtsratschef walten. Dass das "Wildschwein" (Piëch über Piëch) den Ministerpräsidenten Christian Wulff, den Vertreter des zweitgrößten VW-Aktionärs Niedersachen, locker auszumanövrieren versteht, hat er schon bewiesen. Nach dem überstürzten Abgang des Manager-Duos Pischetsrieder-Bernhard bei VW steht an der Konzernspitze mit Martin Winterkorn ein Mann, der Piëch alles verdankt und dessen Wünsche und Visionen erfüllt.

Und dann wird auch noch das Schicksal in Gestalt des Europäischen Gerichtshofes Piëch zu Hilfe kommen: Dass die Luxemburger Richter das VW-Gesetz kippen werden, gilt inzwischen als völlig unzweifelhaft. Damit fiele die gesetzliche Hürde, die bisher den Stimmrechtanteil jedes VW-Aktionärs auf 20 Prozent beschränkt und Piëchs Machtausübung begrenzt.

Es wäre ein Wunder der Natur, wenn der Strategie-Großmeister dann der Versuchung widerstehen könnte, den letzten Schachzug zu wagen. Und bevor er zuschlägt, wird er seine Gegner mächtig verwirren.

Mehr lesen über