Porträt Der neue Gianni Agnelli

In Italien wird er verehrt wie ein Popidol. In der Klatschpresse findet er so viel Beachtung wie auf den Treffen von Italiens Industrieadel. Marco Tronchetti Provera gilt als der Mann, der eines Tages in die Fußstapfen von Gianni Agnelli treten wird.

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Verehrt wie ein Popidol: Marco Tronchetti Provera
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Verehrt wie ein Popidol: Marco Tronchetti Provera

Mit seinem Einstieg bei der Telecom Italia hat der Chef des Pirelli-Konzerns die Grundlage dafür geschaffen, um es dem charismatischen Fiat-Patriarchen gleichzutun. Denn Europas viertgrößter Telefonkonzern ist mit einer Marktkapitalisierung von 55 Milliarden Euro das wichtigste Börsenunternehmen des Landes.

Auch die übrigen Ämter des dynamischen Lombarden sichern ihm Macht und Einfluss. So sitzt er im Spitzengremium des Arbeitgeberverbandes Confindustria und ist Präsident der wichtigsten italienischen Wirtschaftszeitung, "Il Sole-24 Ore", die diesem Verband gehört. Außerdem mischt er, wegen der finanziellen Verzahnung der verschiedenen Pirelli-Gesellschaften mit anderen Wirtschaftsgruppen, hinter den Kulissen in Banken und Konzernen mit.

Marco Tronchetti Provera verkörpert in Italien wie kein anderer den Erfolg. Vom "Phänomen Tronchetti Provera" ist die Rede, wenn es um die außergewöhnliche Popularität des charmanten Unternehmers und Hobbyseglers geht. Ohne Schaden für das unternehmerische Ansehen katapultiert ihn seine Liaison mit dem tunesischen Ex-Model Afef Jnifen seit einigen Jahren regelmäßig auf die Titelseiten der italienischen Klatschpresse. Die lässt das mondäne Traumpaar nicht mehr aus den Augen.

Noch mehr allerdings sind die Italiener von seiner außergewöhnlichen Karriere fasziniert. Die begann Tronchetti Provera zunächst auf dem klassischen Wege über die Mailänder Managerschmiede Bocconi. Durch die Heirat mit Cecilia Pirelli wurde er in die Pirelli-Dynastie aufgenommen. Obwohl die Ehe bald wieder geschieden wurde, bewahrte er ein gutes Verhältnis zu seinem Schwiegervater Leopoldo Pirelli, der ihm nach seinem Debakel bei Continental in Hannover 1992 das Familienunternehmen anvertraute.

Und Tronchetti Provera erwies sich als genau der richtige Mann, um das angeschlagene Unternehmen aus der Krise zu führen. Er schloss unrentable Fabriken und setzte ineffizient arbeitende Manager vor die Tür. Zielstrebig setzt er auf neue Technologien und das Internet. Seit 1994 macht die Gruppe wieder Gewinn. Die Einführung hochmoderner Techniken bei der Reifen- und Kabelherstellung betreibt der Chef mit solchem Nachdruck, dass Pirelli inzwischen als eines der fortschrittlichsten Großunternehmen Italiens gilt.

Ein echter Coup gelang ihm mit der Entwicklung von optischen Komponenten, die auf dem US-Markt Gold wert waren; der Verkauf der Sparte brachte 3,5 Milliarden Dollar in bar in die Pirelli-Kassen - genug Geld, um gemeinsam mit seinem engen Freund Gilberto Benetton den Großaktionären der Telecom Italia 4,17 Euro pro Aktie zu bieten.

Auch seine bisher heikelste Mission überstand Tronchetti Provera ohne Blessuren. Seinem Geständnis, dass er Fan des Fußballclubs Inter Mailand ist und sogar ein größeres Aktienpaket hält, begegnete sein Ex-Schwiegervater Leopoldo mit Milde. Leopoldo schwärmt nämlich für den Lokalrivalen AC Milan.



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