Porträt Reitzle, der ewige Kandidat

In der Gilde der Deutschen Spitzenmanager gilt er als einer der Überflieger - Linde-Chef Wolfgang Reitzle. Logisch, dass er auch als Kandidat für die Nachfolge von Siemenschef Kleinfeld im Gespräch ist.


Wiesbaden - Den Gerüchten folgten prompt die Dementis. "Sie können davon ausgehen, dass Herr Reitzle weiter Vorstandschef von Linde bleiben wird", erklärte ein Sprecher des Konzerns heute. Doch unabhängig davon, welchen Verlauf die Entwicklung noch nimmt - auffällig ist, dass regelmäßig der Name Reitzle ins spiel kommt, wenn es um komplizierte Managementaufgaben geht. Spätestens seit der Übernahme des britischen Gaseherstellers BOC, die Linde zum Weltmarktführer machte, gilt Reitzle als Mann selbst für schwierigste Aufgaben.

Linde-Chef Reitzle: Übernahme als Akt der Selbstverteidigung
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Linde-Chef Reitzle: Übernahme als Akt der Selbstverteidigung

Der eilige Schwabe hatte zuvor schon Linde kräftig aufgeräumt. Die Kältetechnik, verlustträchtige Keimzelle des Unternehmens, stieß er schon kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2002 ab, die Gabelstaplersparte gliederte er aus und verkaufte sie später an Finanzinvestoren, den Linde-Firmensitz verlegte er aus dem beschaulichen Wiesbaden nach München. Reitzle senkte Kosten und die Schulden von Linde drastisch, was ihm Handlungsspielraum für seinen bislang größten Coup gab.

2006 übernahm der Gasehersteller den britischen Industriegasespezialisten BOC für 12,4 Milliarden Euro. Dass Reitzle den Kauf des Konkurrenten mit großer Energie vorantrieb, war auch ein Akt der Selbstverteidigung. Ohne BOC wäre Linde selbst zum Übernahmeobjekt für Finanzinvestoren geworden. Der Deal selbst brachte dem Linde-Chef im vergangenen Jahr den Titel eines "Manager des Jahres" ein.

Expresszug unter Volldampf

Reitzle macht auf Beobachter den Eindruck eines stets unter Volldampf stehenden Expresszuges. Bei öffentlichen Auftritten trägt er seine Gedanken in der Regel in rasendem Stakkato vor. Der Mann hat es immer eilig. Nicht umsonst war der Linde-Vorstandschef in seinem Leben fast immer der Erste, der Beste, der Jüngste.

Schon mit 22 Jahren hatte der aus dem schwäbischen Ulm stammende Reitzle sein Diplom als Maschinenbauingenieur in der Tasche. Mit 25 promovierte er "summa cum laude" an der TU München. Nebenher absolvierte er ein Ökonomiestudium.

Im Januar 1976 startete Reitzle seine Karriere als Fertigungsspezialist bei BMW. Nach sage und schreibe drei Monaten stieg der 26-Jährige zum Abteilungsleiter auf. 1985 wurde Reitzle Entwicklungschef bei BMW. 1987, als 38-Jähriger, rückte er in den Vorstand auf. Lange Zeit schien es so, als sei der ehrgeizige Schwabe der geborene Nachfolger von BMW-Chef Eberhard von Kuenheim.

Stopp-Signal bei BMW

Doch als Kuenheim 1993 in den Aufsichtsrat wechselte, wurde Reitzle ebenso übergangen, wie bei der Ablösung von Bernd Pischetsrieder sechs Jahre später. Gut möglich, dass er zu oft gegen die Etikette des Hauses verstoßen hatte. Denn Reitzle lässt andere Menschen gern spüren, dass er der Überlegene ist.

Frustriert verließ Reitzle den Münchener Autobauer und wechselte zum Konkurrenten Ford. Hier rückte der Ingenieur und Manager an die Spitze der gerade erst geschaffenen Premiumsparte des US-Konzerns, in dem so edle Marken wie Jaguar, Lincoln und Aston Martin zusammengefasst worden waren. Geradezu ideal schienen die chromblitzenden Nobelautos zum Image des Mannes mit dem Menjou-Bärtchen und den stets perfekt geföhnten Haaren zu passen, der mit dem TV-Star Nina Ruge verheiratet ist.

Doch als Ford 2001 die Premiumsparte wieder enger an die Konzernführung in Dearborn band, sah Reitzle für sich offenbar keine Perspektive mehr. Im April 2002 kündigte er und ging wenig später zum eher langweiligen Linde-Konzern. "Gabelstapler sind ja auch ganz schön", meinte Reitzle launig auf einer seiner ersten Pressekonferenzen.

Von Guido Rijkhoek, AP

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