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Geld Post aus Polynesien

Ein Fall für den Staatsanwalt: Windige Finanzberater locken mit sensationell günstigen Krediten ostdeutsche Unternehmer.
aus DER SPIEGEL 32/1996

Das Treffen an der ostdeutschen Raststätte Massow im Oktober 1994 schien für Rolf Papsdorf die Rettung. Endlich war da jemand, der ihm einen Kredit anbot.

Sein Baustoffbetrieb im sächsischen Kamenz, 1991 von der Treuhand gekauft, befand sich seit Jahresbeginn in Gesamtvollstreckung. Auch die Sanitärfirma, die er zwischenzeitlich gegründet hatte, litt an Geldmangel. Der gelernte Reprofotograf hatte sich nicht vorstellen können, wie »schwierig es ist, von einer deutschen Bank einen Kredit zu bekommen«.

Doch nun saß er am Rande der A 13 zwischen Berlin und Dresden mit Heinz Schmaler zusammen, der über scheinbar unbegrenzte Mittel verfügte. Er vertrete ein amerikanisches Unternehmen, das über einen Sonderfonds von 500 Millionen Dollar gebiete, eröffnete der Ost-Berliner dem finanzschwachen Firmenchef. Die Gelder seien speziell für junge Investoren in Osteuropa bestimmt.

Noch in der Raststätte unterschrieb Papsdorf einen Kreditvertrag über vier Millionen Dollar mit der Finsbury Industries Federation. Der Auszahlungstermin sollte im Dezember 1994 sein.

Auf das Geld wartet der Unternehmer noch heute. Nur mit dem Kassieren von Gebühren hatten es die Kreditgeber eilig. Rund 13 000 Dollar zahlte Firmenchef Papsdorf als Ausgleich für »administrative Kosten«.

Die Firma aus Kamenz ist möglicherweise Opfer eines Kreditschwindels, bei dem eine sonderbare Gesellschaft aus ausgedienten Stasi-Leuten und windigen Bankgesellschaften beteiligt ist. Längst beschäftigt das dubiose Kreditgeschäft auch die deutschen Ermittlungsbehörden. Bereits im Frühjahr filzten Fahnder des Berliner Landeskriminalamtes die Büroräume von Kreditvermittler Schmaler, einem ehemaligen Stasi-Oberst, einst in der »Arbeitsgruppe Mielke« für die Terrorismusbekämpfung zuständig.

Nach Erkenntnis der Ermittler waren die Kreditgeber vor allem in Ostdeutschland erfolgreich. Seit 1994 konnten sie über 60 Verträge abschließen, in denen Darlehen bis zu 50 Millionen Mark vereinbart wurden.

Das Geschäft lohnte sich bislang nur für die Anbieter: Einige Kunden überwiesen 250 000 Mark an Gebühren und Provisionen auf amerikanische Konten, ohne je die vereinbarte Gegenleistung zu erhalten.

Das Finsbury-Angebot ist für kapitalschwache Unternehmer in den neuen Bundesländern, die bei den Banken nicht landen können, geradezu maßgeschneidert. Es verspricht hohe Kredite, die sich fast von selbst tilgen sollen.

So erhalten die Kreditnehmer laut Vertrag 60 Prozent der vereinbarten Gesamtsumme ausgezahlt. Das restliche Geld werde, erklärte Vermittler Schmaler den Kunden, überwiegend in amerikanischen Bundesschatzbriefen angelegt, um nach 25 Jahren mit dem Erlös das Darlehen zu tilgen. Als Belastung blieben für den Kreditnehmer nur noch 3,36 Prozent Zinsen - so günstig ist kaum eine Bank.

Klangvolle Namen sollen Zweifel an der Offerte zerstreuen: Mit Interbankings & Brokers Investment stehe »ein elitäres Brokerhaus« zur Verfügung, heißt es in einer Selbstdarstellung. Die Finsbury sei ein »auf internationaler Ebene tätiges Kreditinstitut«, und die Atlantis Financial Association sei ein »kompetenter und wettbewerbsfähiger Bürgschaftsgarant«.

Das pompöse Unternehmensgeflecht hat nur einen Schönheitsfehler: Die meisten Firmen residieren dort, wo es Postfächer und Firmenmäntel von der Stange zu kaufen gibt - zum Beispiel im amerikanischen Bundesstaat Nevada. Oder sie operieren von Ländern wie Südafrika und den Seychellen, wo der Zugriff für deutsche Behörden fast unmöglich ist.

So meldeten sich im Zuge der Kreditabwicklung bei den Kunden immer neue Gesellschaften aus allen Teilen der Welt: Mal schickte die Royalty Development and Investment Bank Ltd. aus »Lost City/Atalania Island, Polynesien« Kontoeröffnungsunterlagen. Mal meldete sich die Schweizerische Treuhand- und Creditanstalt Plc. aus dem britischen Torquay.

Die Betrugsklage eines Unternehmers aus Südwestdeutschland gegen Finsbury, Atlantis und Interbankings vor dem Bezirksgericht Nordkalifornien konnte nur über Umwege zugestellt werden. Die Firmenbüros in San Francisco existierten nicht mehr, die Privatwohnung des Finsbury-Präsidenten Manfred Zachel in Amerika ist aufgelöst, der Deutsche selber nur noch per Fax in Südafrika erreichbar.

Die meisten deutschen Kreditnehmer hielten bislang still, weil sie immer noch auf das versprochene Geld hoffen. Ein Unternehmer aus Oberlichtenau bei Chemnitz weiß von 19 geplatzten Auszahlungsterminen binnen 8 Monaten zu berichten.

An Ausreden mangelte es nicht: Mal gab das amerikanische State Department angeblich die Gelder nicht frei, mal fehlten Unterlagen von Kreditkunden, oder Finsbury äußerte den Verdacht, daß mit den Krediten illegale Geschäfte finanziert werden sollten.

Den Vorwurf des Betrugs weisen die Beteiligten weit von sich. Kreditvermittler Schmaler behauptet, er sei monatelang im Ausland unterwegs gewesen, um die versprochene Kreditsumme von jetzt 650 Millionen Dollar zu besorgen: Nun sieht er sich selbst als Betrogenen und erwägt eine Anzeige gegen Zachel. Schmaler: »Ich glaube, das Geld kommt nicht mehr.«

Finsbury hingegen, vom SPIEGEL um eine Stellungnahme gebeten, kündigte an, daß die »Ausreichung der Kredite« bevorstehe: »Die erste Rate wird in diesen Tagen überwiesen.«

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