Post-Chef Zumwinkel Die gelbe Eminenz

Er ist länger im Amt als TUI-Chef Frenzel, sitzt in mehr Aufsichtsräten als Josef Ackermann - und hat eine graue Behörde zum gelben Weltkonzern umgekrempelt: Kaum ein Dax-Chef ist mächtiger als Klaus Zumwinkel. Jetzt bereitet der Gigant seinen Abgang vor - ein Lebenslauf.

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Hamburg - Würde Klaus Zumwinkel, 64, selbst als Briefträger arbeiten, dürften die meisten Deutschen ihm diese Rolle wohl abkaufen. Sanft und bodenständig, fast onkelhaft wirkt der Deutsche-Post-Chef. Die Öffentlichkeit kennt ihn als Mann der leisen Töne, als angenehmen Gegenentwurf zu den Basta-Bossen und Testosteron-Titanen, die sich sonst noch Manager schimpfen. "Ich bin eigentlich immer gleich temperiert", hat Zumwinkel mal über sich selbst gesagt.

Doch der Schein trügt: Zuchtmeister Zumwinkel ist einer der mächtigsten Firmenbosse der Welt, eine gelbe Eminenz, die bei Arcandor und Morgan Stanley im Aufsichtsrat sitzt und in den Aufsichtsräten von Postbank und Telekom gar den Vorsitz hält. Mitte der achtziger Jahre, mit knapp Vierzig, reformierte er im Rekordtempo den damals angeschlagenen Quelle-Konzern. Es gibt nur noch einen anderen Dax-Chef, der ähnlich lange im Geschäft ist wie er: TUI-Boss Michael Frenzel, der 1994 sein Amt antrat. Zumwinkel und Frenzel sind Deutschlands Dax-Dinosaurier.

Jetzt steht Zumwinkel der "Financial Times" zufolge kurz vor seinem Abschied als Post-Chef und Telekom-Aufsichtsratschef. Sein Vertrag läuft Ende 2008 aus. Da der Dax-Dino im Dezember 65 Jahre alt werde, sei ein Wechsel "unausweichlich", will das Blatt aus dem Chef nahestehenden Kreisen gehört haben. Ein Pressesprecher dementierte den Zeitungsbericht gegen Mittag. Zumwinkel werde sich erst im Sommer zu seinen Zukunftsplänen äußern.

Dass Zumwinkel seinen Post-Posten in diesem Jahr vermutlich abgibt, wird indes schon länger vermutet - allein schon deshalb, weil er systematisch einen Thronerben aufbaut: den Vorstand Frank Appel, dessen Kompetenzen im Post-Vorstand in den vergangenen Jahren kontinuierlich erweitert wurden.

Minimale Mimik signalisiert Zustimmung und Unmut

Bei der Post gebietet die gelbe Eminenz über ein globalisiertes Heer. Über 500.000 Menschen arbeiten inzwischen für den Weltkonzern. Sie verwalten die Bankkonten von Millionen Deutschen, tragen Briefe in Japan aus oder beliefern britische Krankenhäuser mit Arzneien und Gummihandschuhen. Zumwinkels Mitarbeiter sind daran gewöhnt, bei ihrem Chef auf leise Regungen zu achten, da er bekanntlich nur durch minimale Mimik Zustimmung und Unmut äußert.

Das "manager magazin" klassifiziert Zumwinkels Gesichtsausdrücke wie folgt: "Nur die Mundwinkel arbeiten rege. Sie weisen nach oben, wenn es etwas zu loben gibt. Nach unten, wenn ein Projekt zur Unzeit vorgeschlagen wird. Angespannt nach hinten, wenn ein Vorstandskollege einen Etatposten um 16 Millionen Euro überzieht."

Zumwinkel ist sehr gut vernetzt: Zu prominenten Managern pflegt Zumwinkel engen Kontakt. Im erlauchten Kreis steigt er mit Deutschlands Spitzenkräften und unter Reinhold Messners Führung auf Berge, zuweilen im Himalaja.

Von der Schneckenpost zum Weltkonzern

Post-Chef ist Zumwinkel inzwischen im neunzehnten Jahr, der Konzern ist sein Gesamtkunstwerk, er hat ihn von Anfang an mit aufgebaut. Vor Zumwinkel gab es nur den Post-Minister. Es ist Juli 1989, Deutschland steht kurz vor dem Mauerfall, als Zumwinkel die Post übernimmt. Sie ist damals eine Behörde, mehr grau als gelb, mit umständlichen Arbeitsabläufen und viel zu vielen Angestellten.

Zumwinkel beginnt schnell mit dem Umbau: Von 1990 bis 1998 sinkt die Zahl der Post-Mitarbeiter von 380.000 auf eine Viertelmillion, die Zahl der Postfilialen halbiert sich bis 2002 auf gut 12.700. Anfang der Neunziger macht Zumwinkel die Schneckenpost schnell, indem er die Briefsortierung weitgehend automatisiert. Ab 1998 werden Postämter zu Service-Stationen, in denen auch Bankgeschäfte getätigt und Schreibwaren gekauft werden.

Ab 1997 startet der Ausbau der ehemaligen Behörde zum Weltkonzern. Zum neuen Millennium tauft Zumwinkel den Konzern in "Deutsche Post World Net AG" um. 2000 ist auch das Jahr, in dem die Post an die Börse geht, angepriesen von einem prominenten Moderatoren, der bis dahin im Fernsehen meist Gummibärchen anpries.

Mit der Jahrtausendwende bekommt die Deutsche Post World Net AG aber auch ernste Probleme. Die EU verdonnert den Konzern zu zwei Kartellstrafen in Rekordhöhe; die Bonner Regulierungsbehörde fordert Zumwinkel dazu auf, zum Januar 2003 das Briefporto zu senken. Zumwinkel legt sich mit der Regierung an, er sagt, er finde diese Forderung "nicht nachvollziehbar". Er droht, Tausende Arbeitsplätze zu streichen und weitere Post-Filialen zu schließen. Die Post-Aktie rauscht in den Keller, verliert fast die Hälfte ihres Werts.

Dicker Kratzer im Reformer-Image

In den letzten Jahren kriselt Zumwinkels Weltkonzern an vielen Ecken. Vor allem das US-Geschäft hat sich zu einem wahren Desaster entwickelt. Die Zustellung von Eilsendungen innerhalb der USA kostete den Konzern bislang geschätzte sieben Milliarden Euro, der Gewinn der Post-AG ist durch die Verluste aus Übersee stark eingebrochen. Zumwinkels Image als Reformer, der Wirtschaftsgeschichte schrieb, hat seitdem einen dicken Kratzer.

Auch das Image des netten Managers ist seit Ende 2007 angeknackst: Kurz nachdem die Regierung den Post-Mindestlohn beschloss, den viele für eine Zementierung des Post-Monopols halten, wurde bekannt, dass Zumwinkel aus Aktienverkäufen 4,73 Millionen Euro erlöst hat. Kritiker warfen dem Post-Chef vor, er habe sich bewusst bereichert, den Schub, den die Aktie nach Bekanntgabe des Mindestlohns erhielt, ausgenutzt. Zumwinkel bestreitet das.

In den letzten Monaten scheint die gelbe Eminenz ihren Abtritt vorzubereiten. Viel hat sich bei der Post bewegt. Über den Verkauf der Postbank darf nachgedacht werden, über den Verkauf des defizitären US-Geschäfts ebenso - sofern sich keine bessere Lösung findet. Es scheint, als versuche Zumwinkel sein Lebenswerk zu kitten, ehe er es an einen Nachfolger übergibt.

"Der wirft nach knapp 20 Jahren nicht einfach hin", zitiert das "Handelsblatt" einen Mitarbeiter in Bonn. Erst müsse alles geregelt sein im Weltkonzern. "Sonst packt der das nicht." Sonst schaffe er den Absprung nicht.



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