Postdienst Springer lässt Pin-Chef zappeln - und attackiert die Kanzlerin

Die Zukunft der Brieffirma Pin ist unsicherer denn je: Springer-Chef Döpfner lehnt einen Verkauf der Pin-Beteiligung für einen symbolischen Mini-Betrag ab. Im SPIEGEL attackiert er indirekt die Bundeskanzlerin: Wegen des Mindestlohns sei sein Vertrauen in Politikerzusagen "unter null" gesunken.


Hamburg - Auf den ersten Blick sah das Angebot attraktiv aus: Pin-Chef Günter Thiel wollte den Springer-Anteil an der Brieffirma für einen symbolischen Euro übernehmen - und der Verlag wäre seinerseits alle Sorgen mit dem defizitären Unternehmen los. Doch so einfach will es Axel-Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner Thiel nicht machen: "So wie er sich das vorstellt, geht das nicht", sagte er dem SPIEGEL.

Döpfner über Pin: "Meine bisher größte Niederlage"
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Döpfner über Pin: "Meine bisher größte Niederlage"

Persönlich sieht Döpfner die Investitionen des Verlags in die Brieffirma Pin als seine bisher größte Niederlage an: "Jetzt werden gerade bis zu 600 Millionen Euro vernichtet. Das ist bitter." Es sei enttäuschend, dass die Politik einen freien Markt im Briefgeschäft verhindere: "Ein solch hohes Maß an Willkür hatten wir nicht erwartet."

Der Bundestag hatte am Freitag einen verbindlichen Mindestlohn für die Postbranche beschlossen. Springer und andere Post-Konkurrenten sehen dadurch die Gefahr, dass das Monopol der Deutschen Post zementiert werde. Springer hatte deshalb direkt nach der Bundestagsentscheidung bekanntgegeben, der angeschlagenen Pin kein weiteres Geld zur Verfügung zu stellen. "Mehr geht nicht", sagte Döpfner dem SPIEGEL.

Massive Kritik übte der Verlagschef an der Bundesregierung: "Große Koalitionen könnten Reformbündnisse sein. Die jetzige ist es nicht. Das Mindestlohngesetz ist Gift für den Wirtschaftsstandort." Indirekt griff er dabei auch die Bundeskanzlerin an. Auf die Frage, ob er einer Zusage von Angela Merkel vertraut habe, dass der Mindestlohn nicht komme, sagte Döpfner: "Unser Vertrauen in Politikerzusagen war nie sehr hoch. Jetzt ist es unter null."

Eigene Managementfehler will der Springer-Chef dagegen bei Pin nicht erkennen: "Es ist an Zynismus und Wahrheitsverdrehung kaum noch zu überbieten, wenn man uns nun vorwirft, wir würden die Politik als Alibi für unseren unternehmerischen Misserfolg missbrauchen."SPD-Politiker hatten Springer vorgeworfen, die Mindestlohn-Entscheidung zu missbrauchen, um sich aus dem ohnehin defizitären Pin-Geschäft zurückzuziehen.

Die Verantwortung für die finanzielle Lage der Pin trügen aber auch die Miteigner, gab Döpfner zu: "Wir waren ja ohnehin die letzten Gesellschafter die noch Geld nachgeschossen haben. Das geht nun nicht mehr, jetzt sind die anderen dran." In den nächsten Wochen bemühe man sich gemeinsam um ein "Weiterführungsszenario" für Pin.

wal



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