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09. Dezember 2002, 12:49 Uhr

Potenzprobe

Chinesische Konzerne streiten für Billig-Viagra

Gleich zwölf chinesische Unternehmen fordern vor Gericht den Pharmariesen Pfizer heraus: Sie wollen das Viagra-Patent für nichtig erklären lassen und den Markt legal mit Billigkopien des Potenzmittels überfluten, das in China unter dem Namen "mächtiger Bruder" bekannt ist.

Viagra-Pillen: In China auch billiger zu haben, viel Spaß mit den Nebenwirkungen
DPA

Viagra-Pillen: In China auch billiger zu haben, viel Spaß mit den Nebenwirkungen

Peking - Der Pfizer-Konzern ist Neider gewöhnt, seitdem er das Erektionsmittel 1998 auf den US-Markt brachte. Inzwischen haben Konkurrenten wie Bayer eigene Potenzdrogen in Arbeit, die Markteinführung steht teils kurz bevor.

Einen besonders schweren Stand hat Pfizer in der Volksrepublik China, ein potenziell immens umsatzstarker Markt. Allerdings kosten die Pillen, im Volksmund "Wei Ge" (mächtiger Bruder) genannt, nach Verschreibung umgerechnet zwischen 8,50 und 30 Dollar pro Packung - bis zu einem Sechstel des chinesischen Durchschnittslohnes.

Kein Wunder also, dass vor einigen Jahren noch neunzig Prozent der in China verkauften "Viagra-Pillen" in Wahrheit nur örtlich angefertigte, billige Kopien waren - teilweise übrigens wirkungslos oder mit starken Nebenwirkungen. Für den US-Konzern beunruhigend: Um aus der einst gängigen nun auch eine legale Praxis zu machen, haben zwölf chinesische Pharmafirmen Pfizers Exklusivrechte an dem Patent angefochten. Die chinesische Regierungsamt für intellektuelles Eigentum könnte schon bald eine Entscheidung fällen. Wann genau dies der Fall sein werde, wollte Pang Tiejun, einer der fünf Zuständigen noch nicht sagen.

Die zwölf chinesischen Viagra-Konkurrenten haben sich eine ausgeklügelte Argumentation überlegt. Aus ihrer Sicht hat Pfizer kein Anrecht auf Patentschutz, da Viagra keine wirkliche Innovation sei. Wan Naiwu, Manager der klagenden Firma Tianjin Lianxiang Pharmaceutical Viagra sei eine Variante früherer Medizin gegen Herzkrankheiten und Bluthochdruck - und nach chinesischen Gesetzen demnach nicht geschützt.

Für Pfizer ist das Verfahren von grundsätzlicher Bedeutung. Es geht darum, einen neuerlichen Angriff der Kopisten und Konkurrenten abzuschmettern - und darum, das Patentrecht in der Volksrepublik China zu festigen, die lange als Tummelplatz von Produktpiraten aller Art galt.

Manche chinesische Patentawälte sehen aber bereits in der Tatsache, dass die zwölf Konzerne überhaupt vor Gericht gegen Pfizer vorgehen, einen bedeutenden Fortschritt. Nach dem Beitritt zur Welthandelsorganisation WTO und unter dem Druck des Westens nähmen die Chinesen den Schutz intellektuellen Eigentums offenbar zunehmend ernst, urteilt der Schanghaier Anwalt Gao Jun. In früheren Zeiten hätten die Konzerne Viagra einfach kopiert, ohne vorher die Richter zu fragen.

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