Potpourri der Vorschläge Verzweifelter Kampf gegen die Kreditklemme

Die Politik hat ein neues Aktionsfeld: Die drohende Kreditklemme und die Frage, wie sie bekämpft werden kann. An Vorschlägen mangelt es nicht - doch die Banken warnen vor dem Zwang zu hohen Risiken. Unterstützung bekommen sie von vielen Industrie- und Handelskammern: Die Banker seien nur vorsichtig.

Frankfurt am Main - Über Geldmangel können sich die Banken eigentlich nicht beklagen - findet zumindest der Münchner Professor Klaus Fleischer. "Die Europäische Zentralbank hat die Schleusen geöffnet. Die Banken schwimmen inzwischen im Geld." Satte 442 Milliarden Euro stellte das Haus von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet den Geldinstituten der Gemeinschaft zur Verfügung, für ein Jahr, zum Superzins von einem Prozent.

Wadan Yards in Wismar: Der Schiffbau ist hart getroffen von der Finanzkrise

Wadan Yards in Wismar: Der Schiffbau ist hart getroffen von der Finanzkrise

Foto: Z1003 Jens Büttner/ dpa

Passiert ist seitdem so gut wie nichts.

Zumindest nicht das, was mit der Aktion erreicht werden sollte: Die Kreditmöglichkeiten für darbende Unternehmen haben sich kaum verbessert.

Die Geldinstitute sind misstrauisch: Was, wenn immer mehr Firmen von der Rezession mitgerissen werden, fragen sie, und ihre Darlehen reihenweise nicht mehr zurückzahlen können? Der Ausfall könnte die Bilanzen demnächst schwer belasten, warnen auch viele Experten.

Deshalb parken Fleischer zufolge kleine Banken das frische Geld gern da, wo es hergekommen ist - bei der EZB. Und die Großen nutzen es im schlimmsten Fall für gewitzte Investmentbanking-Geschäfte.

Dabei ist die Lage laut Bundesregierung ernst. Die Mitglieder der Großen Koalition haben sich die Kreditnöte der Wirtschaft zur Herzensangelegenheit gemacht. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht "Riesenprobleme bei Investitionen über zehn Millionen Euro". Im Bundeswirtschaftsministerium spricht man gar von einer "ernsten Gefahr".

Also hagelt es Vorschläge, wie man die nervösen Bankenmanager zu mehr Freigiebigkeit bewegen kann. Einem Bericht zufolge ist in Berlin sogar die lang verschmähte Zwangs-Finanzspritze für Banken wieder ein Thema. Das Eigenkapital ist eines der Hauptprobleme vieler Geldinstitute. Sowohl der Markt als auch die Regeln des Basler Ausschusses für Bankenaufsicht (Basel II) verlangen höhere Reserven - jetzt, da die Ausfallrisiken immer weiter steigen.

Freiwillige Kapitalzuschüsse scheuen aber viele Geldinstitute wegen des schlechten Eindrucks, der in den Finanzmärkten dadurch entstehen könnte. Sich öffentlich als Problemfall zu outen, soll nach Möglichkeit nach wie vor vermieden werden.

"Bald brauchen wir keine Banken mehr"

Auch über die direkte Kreditvergabe durch die staatliche Förderbank KfW und die Bundesbank wird in Berlin diskutiert. Und der jüngste Vorschlag des Präsidenten des Bundesverbands Öffentlicher Banken (VÖB), Christian Brand, im "Handelsblatt" lautet: Staatliche Hilfe bei der Verbriefung von Krediten.

Das Prinzip hinter Verbriefungen ist einfach: Banken wandeln Kredite in Wertpapiere um, bündeln sie in einzelne Tranchen und verkaufen sie an Anleger. So soll Risiko minimiert werden. Doch mit der Finanzkrise ist das Geschäft, das oft im Exzess betrieben und für Spekulationen missbraucht wurde, in Verruf geraten - jetzt liegt es weitgehend brach. Wenn der Staat einen Teil des Risikos aber übernehme, könnte der Markt wieder lebendig werden, sagt Brand. "Ich denke an ein Modell, bei dem der Bund und die Geschäftsbanken bestimmte Tranchen der Verbriefungen garantieren würden."

Eine absurde Idee, findet dagegen der Hohenheimer Banken-Professor Hans Burghof. "Die Gefahr wäre groß, dass die Banken Kredite nicht mehr seriös vergeben." Der Markt könnte, wie es Burghofs Münchner Kollege Fleischer formuliert, schnell wieder "als Müllhalde für überhöhte Risiken missbraucht werden".

Fleischer werden die vielen Vorschläge über mögliche Garantien des Bundes langsam zu bunt. "Der Staat garantiert ja inzwischen überall. Bald brauchen wir gar keine Banken mehr", witzelt er. Der Münchner Professor will die zögerlichen Geldinstitute auf anderem Weg in die Pflicht nehmen - mittels klarer Vorgaben für die Kreditvergabe. Für die EZB-Gelder etwa sollte es "klare Quoten" geben, "wie viel davon an kleine und mittlere Unternehmen als Kredit zu gehen hat", findet er. Denkbar wäre auch ein breit angelegtes "Meldesystem, bei dem die Banken über ihre Kreditvergabe genau Auskunft geben müssen". Für Großkredite bestehe die Berichtspflicht bereits, das müsse in der Krise ausgebaut werden, sagt Fleischer. Denn für ihn ist klar: "Gute Worte alleine helfen nicht."

Es sei verständlich, dass Kreditgeber derzeit viele Risiken scheuten, sagt Fleischer. Aber der Professor ist auch überzeugt: "Die Banken versuchen auch, ihre Kreditpositionen abzubauen - beziehungsweise ihre Gewinnmargen zu erhöhen. Also die Krise zu nutzen."

Die Banken freilich weisen diesen Vorwurf weit von sich - und verteidigen die Scheu als reine Vernunft. Der Branchenverband der Volksbanken und Raiffeisenbanken BVR etwa warnt: Das Ausfallrisiko bei Krediten werde für viele Banken erst in den kommenden beiden Jahren richtig gravierend. Bei den Kunden der kleinen Banken - dem kleineren Mittelstand - komme die Krise zuletzt an, sagte Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied des BVR. "Wir gehen davon aus, dass die Jahre 2009 und 2010, wahrscheinlich auch noch 2011 von höheren Abschreibungen im Kreditgeschäft geprägt sein werden, weil die Insolvenzgefahr im Unternehmenssektor und auch bei den privaten Haushalten zunimmt." Der Firmenkundenvorstand der UniCredit-Tochter HVB, Lutz Diederichs, sagt im Wirtschaftsmagazin "Capital": "Die Politik sollte nicht versuchen, uns Banken dazu zu zwingen, Kredite zu vergeben, die wir betriebswirtschaftlich nicht vertreten können."

Der Schiffsbau leidet besonders

Ob die viel beschworene Kreditklemme, die mittels der Staatseingriffe behoben werden soll, tatsächlich Realität ist, liegt wohl im Auge des Betrachters. Viele Industrie- und Handelskammern etwa scheuen sich, den Begriff zu verwenden, wenn sie von den härteren Bedingungen für Kreditnehmer berichten. Was natürlich auch daran liegt, dass Banken und Sparkassen in der Regel ebenso zu den Mitgliedern der Verbände gehören wie ihre Kunden.

Eine Analyse der Industrie- und Handelskammer Frankfurt ergibt dennoch ein "sehr schillerndes und sehr differenziertes Bild", wie Geschäftsführer Hand-Joachim Reinhardt sagt. Der Mittelstand etwa, der für den Großteil der bundesdeutschen Wirtschaft steht, ist zumindest im Rhein-Main-Gebiet demnach noch recht gut versorgt.

Unter Geldnot leiden derzeit vor allem ganz kleine Unternehmen - Existenzgründer mit bis zu zehn Leuten. Die IHK Bayern etwa berichtet von enorm hohen Anforderungen der Banken. Und dabei geht es für die ganz Kleinen oft nicht um Gelder für neue Investitionen - sondern schlicht um Darlehen für die Betriebskosten. Sprich: Um die unmittelbare Existenz.

Auch einige Großunternehmen klagen den Kammern zufolge, dass sie zwar noch relativ problemlos Kredite mit kurzer Laufzeit kriegen könnten - langfristige Refinanzierung über fünf Jahre oder mehr aber kaum noch möglich sei. Auch Konsortialkredite, also gemeinschaftliche Darlehen mehrerer Banken, kämen zurzeit nicht mehr zustande, heißt es bei der IHK Frankfurt.

Schiffsbau leidet besonders

Einige Branchen hätten "bereits erhebliche Schwierigkeiten, Kredite zu bekommen", schlussfolgert IHK-Geschäftsführer Reinhardt nach der Analyse. So etwa Automobilbranche und Zulieferer, exportabhängige Elektrohersteller, Maschinenbauer und die Chemiebranche.

Auch der Schiffsbau im Norden leidet offensichtlich - werden doch vor allem wegen der langen Bauzeit hohe Kreditsummen nötig. Die Reeder zahlen bei einem Auftrag im Regelfall nur 20 Prozent an, wie eine Sprecherin des Verbandes für Schiffsbau und Meerestechnik erklärt. Den Rest müssen die Werften bis zur Übergabe der Schiffe vorschießen. Doch der Glaube der Banken in die Rentabilität einer großen Handelsfähre sei derzeit sehr niedrig.

Die Frage ist, ob man das den Banken wirklich verübeln kann.

Christian Bebek, der bei der IHK Hannover zuständig für den Bereich Kreditvergabe ist, sagt, dass viele Firmen ihre Verärgerung über strengere Prüfungen in das Gefühl einer Kreditklemme umdeuteten. "Die empfinden das als unbequem." Auch Heinz Oberlach von der Handwerkskammer Hamburg berichtet, dass die Außenberater des Hauses derzeit oft auf wütende Handwerksmeister träfen, die die intensiven Kontrollen nicht einsehen wollten. Doch die höheren Hürden bei der Kreditvergabe dürfe man nicht notwendigerweise mit einer Kreditklemme verwechseln.

Auch für den Frankfurter IHK-Geschäftsführer Reinhardt ist es verständlich, dass die Banken die Unternehmen genauer unter die Lupe nehmen, für die sie Geld bereitstellen. Ein Problem allerdings gebe es: Es dürfe nicht sein, dass bei der Bonitätsprüfung fast nur noch das Geschäft der vergangenen sechs Monate eine Rolle spielt, statt dass die Kreditwürdigkeit über die vergangenen drei Jahre geprüft würde, warnt Reinhardt. "Für viele Firmen ist das ein gravierender Unterschied."