Powerseller-Pleite Europas größter eBay-Händler ist insolvent

Der eBay-Händler Qentis war etwas zum Vorzeigen für das Internetauktionshaus. Millionenumsätze machte das Handels-Unternehmen über die berühmte Internetplattform. Existenzgründern machte das Mut, ebenfalls diesen neuen Berufsweg einzuschlagen. Jetzt ist Europas größter Powerseller pleite.


Hamburg - "Bis zuletzt hat die Geschäftsführung versucht, das Unternehmen zu retten", heißt es seit kurzem auf der Internetseite tichnak.de des eBay-Händlers Qentis. Trotz aller Bemühungen habe man jedoch Insolvenz anmelden müssen. Dabei hatte eBay den Werdegang dieses Powersellers bis zuletzt stolz als Erfolgsstory der neuen Branche der eBay-Händler verkauft. Geschäftsführer Michael Marcovici war sogar zum Referenten an der "eBay-University" ernannt worden, einem Schulungsprogramm für eBay-Kunden und werdende Händler.

Internetauktionshaus eBay: Handel ist hartes Geschäft

Internetauktionshaus eBay: Handel ist hartes Geschäft

Schon 2003 war Qentis mit 3,6 Millionen Euro zum größten eBay-Händler Europas avanciert - nachdem das Unternehmen erst 2002 mit seinen Geschäften begonnen hatte. Niederlassungen in Italien, Frankreich, den USA, Hongkong und Italien wurden gegründet. Für 2005 hatte Qentis 20.000 Transaktionen im Internetauktionshaus eBay mit einem Gesamtumsatz von 21 Millionen Euro angepeilt, wie der Online-Dienst Heise berichtet.

Letztlich hat sich das Unternehmen aber offenbar finanziell auf sehr dünnem Eis bewegt. Schließlich kaufte Qentis nicht nur viele Waren am Spotmarkt, sondern ließ auch zahlreiche Produkte in Asien unter verschiedenen Markennamen produzieren - ein kapitalintensives Vergnügen. Eine "geplatzten Finanzierung Ende vergangenen Jahres" habe das Unternehmen schließlich in unüberbrückbare Schwierigkeiten gestürzt, begründet Qentis seine plötzliche Pleite.

Gegenüber dem "Handelsblatt" erläuterte Geschäftsführer Marcovici den Hintergrund. Hauptgrund für die Insolvenz sei "eine geplatzte Übernahme beziehungsweise Kapitalerhöhung durch einen neuen Gesellschafter und den damit verbundenen Finanzierungen durch die Mezzaninbank und weitere österreichische Banken".

In diesem Zusammenhang seien am Dienstag auch Waren durch einen der Hauptlieferanten eingezogen worden, was den Unternehmensbetrieb unmöglich gemacht habe. Das Scheitern sei umso "tragischer", als das Geschäftsmodell gut funktioniert habe und das operative Geschäft durchaus profitabel verlaufen sei. Der Geschäftsführung sei es nur nicht gelungen, die Finanzierung rechtzeitig auf die Beine zu stellen.

Nun müssen hunderte von eBay-Kunden fürchten, für bereits geleistete Vorauszahlungen keine Gegenleistung zu bekommen. Das Auktionshaus entschädigt leer ausgegangene Kunden allerdings im Rahmen eines Käuferschutzprogramms bei Powersellern unter bestimmten Voraussetzungen mit bis zu 200 Euro und signalisierte im Fall Qentis bereits Kulanz. Die eBay-Tochter PayPal zahlt unter Umständen sogar bis zu 500 Euro ohne Eigenbeteiligung.

Konkurrenz der Powerseller wird immer härter

Doch die Pleite verdeutlicht einmal mehr das hohe Risiko, das Powerseller eingehen. Mit dem zunehmenden Erfolg des Internetauktionshauses eBay hat sich diese neue Branche entwickelt, in die scheinbar jeder einsteigen kann: Um eBay-Händler zu werden, also die Verkaufs- und Einkaufsgeschäfte für andere zu übernehmen oder Waren im Netz ein- und weiterzuverkaufen, braucht man zunächst nicht viel mehr als einen Internetzugang und ein bisschen Startkapital. Mindestens 10.000 selbständige eBay-Händler gibt es inzwischen, wie Beobachter schätzen. Dabei geht die Spannweite von Hausfrauen, die am heimischen Schreibtisch werkeln, bis zu mittelständischen Unternehmen wie Qentis.

Doch die immer stärker werdende Konkurrenz macht den Super-Verkäufern zu schaffen. Spionage-Sofware, die im Netz kostenlos zu finden ist, lässt neue Verkaufsideen außerdem nicht lange unentdeckt. Hinzu kommt, dass viele eBay-Händler offenbar die Nischen im Netz auf höchst zweifelhafte Weise ausnutzen, wie etwa Powerseller Alfred Arnold vor einiger Zeit in der Fachzeitschrift "Werben und Verkaufen" bemängelte. Sie zahlten keine Sozialabgaben für ihre Mitarbeiter, verkauften die Ware ohne Mehrwertsteuer oder handelten mit gefälschter Markenware. Komme ihnen jemand auf die Schliche, machten sie ihren Laden einfach zu und fingen unter neuem Namen wieder an. Ohne profunde Marketingkentnisse, einen sicheren Kundenstamm und vor allem ohne ein dickes Fell geht deshalb nichts mehr im Geschäft, warnen Profis.



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