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LÖHNE Praktikum bei der Basis

In der IG Metall wird weiter über Lohnnachschläge gestritten. Die Arbeitgeber fürchten, daß die Gewerkschaftsführung in der nächsten Lohnrunde besonders hart auftrumpfen wird.
aus DER SPIEGEL 34/1979

Dieter Kirchner, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, lobte in der vergangenen Woche eine Prämie aus. 100 Mark bot er für jeden Hinweis auf ein Metallunternehmen, das seinen Beschäftigten einen Lohnnachschlag zahlt.

Anlaß für die Offerte war die Behauptung des Stuttgarter IG-Metall-Funktionärs Ernst Eisenmann, er kenne mehrere Unternehmen, die solche Nachschläge gezahlt hätten. Die Namen der Betriebe wollte der Gewerkschafter allerdings nicht nennen, weil diese dann mit Repressionen des Arbeitgeberverbandes rechnen müßten.

Bis zum Freitagabend letzter Woche hatte sich noch niemand die Kirchner-Prämie verdient. Zwar wissen die Arbeitgeber jetzt, welche Unternehmen Eisenmann meinte. Aber diese Fälle haben in Wahrheit nichts mit dem von vielen Gewerkschaftern geforderten, von der IG-Metall-Führung jedoch abgelehnten Nachschlag zu tun.

So wurde bei der Gießerei Schenk in Maulbronn, die Eisenmann als Beweis anführte, lediglich der Lohnabstand zwischen Zeitlöhnern und Akkordarbeitern verringert. Schon seit März erhalten die Zeitlöhner pro Stunde 26 Pfennig mehr. Außerdem gibt es für alle Arbeiter in der Gießerei pro Schicht sechs Mark Zulage, wenn die Außentemperatur über 26 Grad klettert.

Genausowenig handelt es sich bei der Heidenheimer Gießerei Wiedenmann um einen Teuerungszuschlag. In dieser Firma erhalten nur 15 von insgesamt 42 Beschäftigten eine zusätzliche Überstundenpauschale von 10 bis 15 Pfennig pro Stunde.

Auch die ebenfalls genannte Siemens-Niederlassung in Bruchsal zahlt keinen Lohnnachschlag. Die Siemens-Manager hatten 80 Löterinnen einen zusätzlichen Wochenlohn geboten, wenn sie wegen der angespannten Auftragslage ihren Urlaub auf den Herbst verschieben würden. Doch keine der Frauen war dazu bereit.

Selbst Eisenmanns Paradebeispiel brach zusammen: Die bei der Maschinen-Fabrik Voith in Heidenheim gezahlte Sonderzulage von 250 bis 400 Mark wurde schon Anfang Mai ausgehandelt, um die Voith-Mannschaft für Überstunden zu belohnen.

Aufbesserungen, wie sie Voith und andere Unternehmen zahlen, werden in Phasen, in denen die Konjunktur gut läuft, häufig gezahlt. Dann nämlich sind die Betriebe auf Überstunden ihrer Belegschaft angewiesen, um die Aufträge ohne allzulange Lieferfristen ausführen zu können. Lohnnachschläge aber sind dies nicht.

Gleichwohl rechnen Arbeitnehmer wie Gewerkschafts-Funktionäre mit weiteren Nachschlagsforderungen. Im Büro des IG-Metall-Vorsitzenden Eugen Loderer gehen nahezu täglich Protest-Resolutionen gegen die Politik des Gewerkschafts-Vorstandes ein.

»Wir können Eure abwartende Haltung nicht verstehen«, schrieben etwa die Vertrauensleute der Untertürkheimer Daimler-Benz-Werke an die Frankfurter Gewerkschaftszentrale. Die Vertrauensleute der Ammer KG in Reutlingen werfen dem IG-Metall-Vorstand »unterentwickeltes Gespür für die Bedürfnisse der Mitglieder« vor und empfehlen »ein mehrmonatiges Betriebspraktikum bei seiner Basis

Eugen Loderer und sein Vorstand aber wollen sich vertragstreu zeigen. Überdies geht es um das Prestige des obersten Metallers. Würde Loderer sich nach den Wünschen der schwäbischen Metaller richten, dann wäre das eine nachträgliche Bestätigung für seinen innergewerkschaftlichen Hauptrivalen, den baden-württembergischen IG-Metall-Chef Franz Steinkühler, der das Nachschlagsthema als erster intoniert hat.

Gelingt es Loderer? seinen von Unternehmern, Bundesbank und Bundesregierung mit Beifall bedachten Kurs durchzuhalten, dann wird er um so energischer in der Lohnrunde des kommenden Jahres auftrumpfen müssen.

Dem wollen die Unternehmer vorbeugen, indem sie schon frühzeitig Entlastung von einem Dritten erbitten. Bundesfinanzminister Hans Matthöfer soll die Lohnerhöhungen durch Steuersenkungen in Grenzen halten.

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