Preiskampf Milchbauern planen Machtprobe in Molkereien

Erst forderten sie den Handel heraus - jetzt auch die Chefs von Molkereien: Nach den Milchlieferstreiks planen betroffene Bauern, die Leitung genossenschaftlich organisierter Abfüllfirmen zu übernehmen. Ihr Vorwurf: Die jetzige Führung stecke unter einer Decke mit den Lebensmittelmärkten.


München/Osnabrück - Agrarminister Horst Seehofer (CSU) hat für diesen Donnerstag zum "Milchgipfel" geladen - und die Stimmung in der Branche bleibt angespannt. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete nun, der Verband Deutscher Milchviehhalter (BDM) rufe in einem internen Schreiben zu einem Machtwechsel in den Molkereien auf. Molkereivertreter, die den Boykott der Milchbauern bekämpft hätten, seien "nicht länger tragbar", heiße es in dem Brief an die BDM-Mitglieder.

Milchbauern-Protest (in Berlin Anfang Juni): "Die Mehrheiten werden sich verschieben"
AP

Milchbauern-Protest (in Berlin Anfang Juni): "Die Mehrheiten werden sich verschieben"

Die genossenschaftlich organisierten Molkereien verarbeiten etwa zwei Drittel der deutschen Milch. Um eine neue Führung zu wählen, können die Bauern jederzeit außerordentliche Mitgliederversammlungen einberufen.

Ein BDM-Sprecher bestätigte der "Süddeutschen": Es werde versucht, neue Vorstände und Aufsichtsräte zu installieren. "Die Mehrheiten werden sich auf jeden Fall verschieben." In dem Schreiben attackiert der BDM das Verhalten der Molkereien während des Boykotts. "Statt die Milcherzeuger in ihrem Überlebenskampf zu unterstützen, haben es die Molkereien vorgezogen, alles zu unternehmen, um den Streik der Bauern zu unterlaufen und zum Scheitern zu bringen. (...) Noch dümmer kann man nicht agieren!", zitierte die Zeitung aus dem Brief.

Der relativ kleine BDM hatte sich während des Lieferboykotts der Bauern besonders profilieren können. Der Vorsitzende Romuald Schaber sagte jetzt der "Neuen Osnabrücker Zeitung" zufolge: "Was wir jetzt erleben, hat mit sozialer Marktwirtschaft nichts mehr zu tun. Der Handel diktiert, die Molkereien geben die Preise weiter, und wir Bauern sind die Dummen."

Schaber sagte, dass der nach dem Lieferstopp mit dem Handel erzielte Kompromiss über eine Preissteigerung von zehn Cent bei Milch verwässert sei. "Die Discounter sind zurückgerudert", kritisierte er. "Es ist längst nicht klar, ob die zehn Cent tatsächlich bei den Bauern ankommen." Zudem habe der Handel Butter, Käse, Quark und Joghurt vom Preisaufschlag ausgenommen, obwohl diese Produkte einen größeren Marktanteil hätten als Milch.

An diesem Donnerstag will Seehofer mit Vertretern der Bauern in Berlin die Probleme der Branche diskutieren. Das Bundeskartellamt wehrte sich gegen Vorwürfe Seehofers. Der hatte kritisiert, dass zwar die Bauern kartellrechtlich geprüft würden, der "konzentrierten Marktmacht der Handelsketten" und deren Preispolitik aber keine Beachtung geschenkt würde. "Ein gleichförmiges Verhalten von Anbietern ist für sich genommen noch nicht wettbewerbswidrig", sagte der Sprecher des Bundeskartellamts, Markus Zeise.

itz/ddp/AP



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