Preisschub Dürre, Fluten, Chinas Durst - wieso Milch so teuer wird
Hamburg - In Australien herrscht Dürre - und das seit Monaten. Die Deutschen bekommen zwar nicht die dortige Hitze, aber doch deren Folgen zu spüren: "Australiens Milchbauern produzieren quasi nur für den Export, sie beliefern zehn Prozent des Weltmarktes", sagt Verena Nopper, Milchbäuerin und im Aufsichtsrat von Breisgaumilch, einer mittelständischen Molkerei in Freiburg.
Das heißt im Umkehrschluss: Wenn die Milch aus Australien fehlt, wird sie auf dem Weltmarkt knapper - und der Preis pro Liter steigt.
Genau das hatte die Zentrale Markt- und Preisberichtsstelle (ZMP) am Wochenende angekündigt. Butter, Quark und Milch würden bis zu 50 Prozent teurer, hatte Erhard Richarts von der ZMP gesagt - und erhält seitdem Prügel von allen Seiten.
"Abzocke der Verbraucher", "Preisexplosion" und "reine Interessenpolitik" beklagen Verbraucherschützer und Einzelhandel. Selbst die Bundesregierung ließ mitteilen, dass sie den drohenden Anstieg der Milchpreise für nicht nachvollziehbar halte. Das Bundeskartellamt die angekündigten Erhöhungen der Milchpreise beobachten - ein konkretes Vorgehen der Behörde sei allerdings derzeit nicht geplant, sagte eine Sprecherin.
Dabei kommt die Aufregung deutlich zu spät - denn "die Milch ist schon Anfang Juni um fünf bis zehn Cent pro Liter teurer geworden", sagt Richarts heute SPIEGEL ONLINE. An dem Milchpreis, der seither gilt, werde sich vorerst auch nichts ändern. Tatsächlich teurer werde die Butter - was aber ein Nachziehen auf Grund der schon hohen Milchpreise sei. Tatsächlich hat der Lebensmitteldiscounter Aldi nach Branchenangaben schon am Wochenende seine Butterpreise um 50 Prozent erhöht und damit ein Signal für andere Anbieter gesetzt.
Außerdem sind die Gründe keineswegs überraschend: "Weltweit sind die Milchmengen rückläufig, der Markt ist weiter angespannt", sagt Richarts. Milchbäuerin Nopper sieht "tatsächlich klimatische Gründe für den hohen Milchpreis". Dürreperioden in Australien, aber auch im Süden Europas und schlechte Ernten wegen Regen und Überschwemmungen im Norden Europas könnten die Milchproduktion längere Zeit einschränken. "Gleichzeitig wächst weltweit die Nachfrage nach Milch", sagt Nopper. In der gesamten Lebensmittelproduktion wird zwar keine Frischmilch, aber Milchpulver verwandt - und seit auch in Regionen wie China, Russland oder den arabischen Ländern immer mehr Milch verbraucht wird, steigt der Bedarf enorm.
In den kommenden fünf bis acht Jahren erwarte er vor allem in China ein Ansteigen der Milchproduktion, hatte Henry van der Heyden, Chef der weltgrößten Export-Molkerei Fonterra, erst kürzlich in einem Interview gesagt. Schon jetzt wachse sie dort jährlich um 20 bis 25 Prozent. "Aber auch in Südamerika, vor allem in Brasilien, Chile, Argentinien und Uruguay nimmt die Erzeugung zu", sagte der Chef der neuseeländischen Molkerei der "Deutschen Landwirtschaftszeitung". Außerdem erwarte er eine Steigerung in der Ukraine und den ehemaligen Staaten der Sowjetunion.
Die dortige Produktion kommt der Nachfrage allerdings nicht hinterher - und deshalb wird immer mehr aus europäischen Ländern importiert. Allein Deutschland hat 2006 Milch und Milchprodukte im Wert von 4,4 Milliarden Euro exportiert, 5,6 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Bei 20 Milliarden Euro Gesamtumsatz macht das immerhin ein Fünftel der gesamten Produktion aus. "Die deutschen Einzelhändler und vor allem die Discounter haben lange ihre Stärke ausgespielt und die Preise gedrückt, sagt ZMP-Experte Richarts. "Das geht jetzt nicht mehr." Wegen der großen internationalen Nachfrage könnten deutsche Molkereien ihre Produkte derzeit besonders gut im Ausland verkaufen.
Vom Preisaufschlag im Handel bleibt dem Bauern wenig übrig
Die niederländische Rabobank, einer der weltweit größten Kreditgeber für landwirtschaftliche Produkte, hat ausgerechnet, dass der Milchkonsum seit dem Jahr 2000 um jährlich 13 Milliarden Liter zugenommen hat. Das entspricht ziemlich genau der Jahresproduktion Neuseelands. Schon deshalb schoss im vergangenen halben Jahr der Milchpreis weltweit nach oben. Manchen Produzenten kommt das zugute: So hat Fonterra ihre Milchpreise für die Bauern um 27 Prozent angehoben.
Davon träumen die Milchbauern in Deutschland. Denn sie bekommen von der jetzt angekündigten Preiserhöhung nicht besonders viel ab. "Bisher haben wir rund 27 Cent pro Liter als Grundpreis bekommen, jetzt sind es 30 Cent", sagt Egon Rattei, Milchbauer aus dem östlichen Brandenburg. Das zeige, dass beim Landwirt am wenigsten ankomme - und das, obwohl gleichzeitig die Kosten für Futtermittel und Energie deutlich nach oben gehen. "Das macht einen schon wütend, wenn man sieht, was alles im Handel und der verarbeitenden Branche bleibt", so Rattei.
"Der Preissprung im Einzelhandel und der Preissprung bei den Bauern muss nicht übereinstimmen", sagt auch Nopper, die als Landwirtin und Aufsichtsratsmitglied beide Seiten kennt. Bei der Breisgaumilch gehe tatsächlich ein Großteil der Mehrerlöse an die Bauern - allerdings sei die Molkerei eine Genossenschaft - und damit nicht repräsentativ. Tatsächlich seien aber auch die Kosten gerade für Energie deutlich in die Höhe geschossen - allein bei Breisgaumilch um rund 40 Prozent. Durch den hohen Öl- und Aluminiumpreis würden außerdem die Plastikbecher und die Aludeckel etwa für Joghurt teurer.
Dazu kommt: Jahrelang sind die Preise für Lebensmittel in Deutschland gesunken - auch weil sie von der EU hoch subventioniert waren. Doch inzwischen sind die riesigen Butterberge und Milchpulverhalden leergefegt, die sich in Europa, aber auch den USA gebildet hatten. Was jahrelang als staatliche Miss- und Subventionswirtschaft gegeißelt worden war, ist inzwischen nur noch Geschichte. Erst im April verkaufte die EU ihre letzten 6000 Tonnen Butter - vor 20 Jahren lagerten hier noch 1,4 Millionen Tonnen.
"Man hat sich in Deutschland an billige Lebensmittel gewöhnt - egal, ob es dem realen Erzeugerpreis entspricht oder nicht", sagt auch Milchproduzentin Nopper. "Dabei gibt es bei anderen Produkten wie Coca-Cola überhaupt keine Diskussion." Langfristig müsse man sich auf höhere Preise einstellen.
Tröstlich für den jetzt empörten Verbraucher ist vielleicht, dass der Einkommensanteil, den er für Lebensmittel ausgibt, laut Statistischem Bundesamt nur bei rund neun Prozent liegt. Von dem Geld werden an erster Stelle Fleisch und Wurst (22,7 Prozent) und an zweiter Stelle Brot und Getreidewaren (17,2 Prozent) gekauft.
Erst an dritter Stelle liegen mit rund 14 Prozent die Milch- und Molkereiprodukte. Preissteigerungen sind für den Durchschnittsverbraucher durchaus verkraftbar - auch wenn sie auf den ersten Blick enorm erscheinen.