Preissturz in Deutschland Sinkende Energiepreise bremsen Inflation aus

Die Teuerungsraten in Deutschland stürzen ab: Rapide sinkende Energiepreise haben die Inflation auf das niedrigste Niveau seit zwei Jahren gedrückt. Nun wächst die Angst vor einer Deflation. Experten fordern deshalb rasche Steuersenkungen.


Wiesbaden/Berlin/Frankfurt am Main - Die Verbraucherpreise seien im November um 1,4 Prozent gestiegen, erklärte das Statistische Bundesamt am Mittwoch unter Berufung auf Zahlen aus sechs Bundesländern. Damit fiel der Anstieg der Preise so niedrig aus wie seit Dezember 2006 nicht mehr.

Einkaufswagen: Konsumenten können auf sinkende Preise hoffen
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Einkaufswagen: Konsumenten können auf sinkende Preise hoffen

Vor allem der rapide Rückgang gegenüber den Oktoberdaten erstaunte die Experten. Im Vormonat lag die Teuerungsrate noch bei 2,4 Prozent. Der Einbruch ist laut Statistikamt der stärkste seit Herbst 1992. Die Importpreise für Energie und Rohstoffe fielen im Oktober sogar so stark wie noch nie.

Vor allem der Rückgang der Preise für Benzin und Diesel habe dämpfend auf die Inflation gewirkt, teilten Statistiker unter Berufung auf die vorläufigen Zahlen mit, die meist bereits sehr genau sind. Die Kraftstoffpreise fielen demnach in den ausgewerteten Ländern um bis zu 14,5 Prozent. Den Angaben zufolge war die Teuerungsrate für November auch deshalb so niedrig, weil die Preise im November 2007 stark gestiegen waren.

Damit hat sich die Inflation binnen weniger Monate in Deutschland drastisch abgeschwächt. Die Inflationsrate hatte im Juni und Juli mit jeweils 3,3 Prozent ihren Höchststand erreicht. Besonders die stark steigenden Preise für Sprit und Lebensmittel hatten in Deutschland für Unruhe gesorgt.

Jetzt können die Verbraucher wieder hoffen: Der Handel werde die sinkenden Importkosten an seine Kunden weitergeben, sagte HDE-Sprecher Hubertus Pellengahr. Die niedrigeren Importpreise würden bei den Konsumenten "zwar mit zeitlicher Verzögerung, aber mit entsprechender Größenordnung" ankommen, prognostizierte Pellengahr.

"Das sind gute Nachrichten. Die Energiepreise haben ganz stark nachgegeben. Das entlastet die Verbraucher deutlich", sagte auch Marco Bargel, Ökonom bei der Postbank. Auch verstärkte Rabatte, etwa beim Autokauf, hätten auf die Preise gedrückt. "Wir haben jetzt wieder Preisstabilität erreicht. Inflation ist nun kein Thema mehr. Eher wird es eine Deflationsdebatte geben in den kommenden Monaten", so Bargel.

Tatsächlich warnen erste Beobachter vor negativen Folgen des Preisverfalls. Die sinkende Teuerungsrate und die Abschwächung der Konjunktur haben Deutschland nach Einschätzung des Wirtschaftsexperten Thomas Straubhaar bereits akut in die Gefahr einer Deflation gebracht. Der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) forderte, der Staat müsse sehr schnell die Steuern senken, um die Menschen zu mehr Konsum zu veranlassen.

Tatsächlich kann der Preissturz im schlimmsten Fall in eine schädliche Deflationsspirale münden. Sinkende Preise führen dann zur Konsumzurückhaltung, weil Verbraucher auf weitere Senkungen hoffen. Die fallende Nachfrage drückt auf die Auftragslage der Unternehmen und führt zu weiter sinkenden Preisen. In den neunziger Jahre geriet die japanische Volkswirtschaft in diesen Abwärtsstrudel, aus dem sie sich lange nicht befreien konnte.

Eine Deflation ist laut Straubhaar sehr viel schwieriger in den Griff zu bekommen als eine Inflation, da die Leitzinsen ja praktisch nicht unter null gesenkt werden könnten. Dass die Europäische Zentralbank die Preisstabilität bei einer Teuerungsrate knapp unter zwei Prozent definiere, solle eine rechtzeitige Warnung ermöglichen. "Wir sind eindeutig in der Vorwarnzone", sagte Straubhaar. Bei einer Teuerung zwischen null und zwei Prozent "können wir schon davon ausgehen, dass das Preisniveau insgesamt zu fallen beginnt", auch wenn einzelne Waren oder Dienstleistungen noch teurer würden, sagte der Ökonom.

Kurzfristig sei die einzige Lösung, sehr schnell sehr viel für die Binnenkonjunktur zu machen, betonte Straubhaar. Es sei nötig, die Erwartung der Verbraucher wieder zu drehen, dass alles ja noch billiger werde. "Der Staat muss die Steuern sehr schnell senken, um den Menschen mehr Konsummöglichkeiten zu schaffen, dass sie nicht widerstehen können zu kaufen." Eine Möglichkeit wäre die von einigen Politikern schon vorgeschlagene Ausgabe von Konsumcoupons beispielsweise über 500 Euro pro Person mit einer Verfallszeit Ende Februar. "Es muss massiv und schnell kommen", verlangte Straubhaar.

suc/AFP/Reuters/AP

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