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14. Dezember 2009, 11:25 Uhr

Preisverfall bei Luxuspräsenten

Diamanten-BH billig abzugeben

Von , New York

Nobel geht der Preis zu Grunde: US-Luxushersteller geben in diesem Jahr großzügig Rabatt auf diamantenbesetzte Büstenhalter und andere VIP-Geschenke, die sich nur die Reichsten leisten können. Plötzlich wirkt selbst das edelste Sortiment bescheiden - in der Krise ist opulenter Luxus verpönt.

Der juwelenbeladene "Phantasie-BH" wird einem heute geradezu nachgeworfen. 12,5 Millionen Dollar kostete dieses Vorzeigestück des Dessouskonzerns Victoria's Secretauf dem Höhepunkt des Wall-Street-Booms. Zu Weihnachten 2008, als die Finanzkrise schon durchschlug, mussten Liebhaber noch fünf Millionen Dollar für den mit 2900 Diamanten bestickten Büstenhalter hinblättern. Und in diesem Jahr geht es noch weiter nach unten.

Victoria's Secret hat einen neuen "Phantasie-BH" herausgebracht, rechtzeitig zur Shoppingsaison vor Weihnachten: das Modell "Harlekin", mit 2351 weißen, champagner- und cognacfarbenen Steinen von 150 Karat. Schleuderpreis: drei Millionen Dollar.

Verkauft wurde zwar noch keiner der exorbitanten Büstenhalter - das ist gar nicht der Sinn, die noblen Objekte dienen vor allem der Firmen-PR. Doch der Preisverfall zeigt, dass sich selbst die Edelbranche an die neue Bescheidenheit nach der Krise anpasst.

Das reiche Amerika denkt um. Luxus ist out - oder zumindest verpönt.

"Luxus light" lautet nun das Motto, nicht nur bei hochkarätiger Reizwäsche. Früher fuhren Edelfirmen und Nobelkaufhäuser wie Sak's Fifth Avenue oder Neiman Marcus zu Weihnachten immer ihre größte, teuerste, tollste Ware auf. In diesem Jahr machen sie lieber einen auf - relativ - schlicht.

"Unsere Kunden sorgen sich um die Zukunft", sagt Burton Tansky, der Chef von Neiman Marcus. "Der Kunde ist sehr vorsichtig geworden."

Seit 1952 offeriert die Luxusfirma aus Texas zu Weihnachten ihre "Fantasy Gifts", die "Phantasiegeschenke", in einem Hochglanzkatalog der unerhörtesten Unerschwinglichkeiten. Da gab es mal einen Zeppelin zu kaufen (10 Millionen Dollar, 2004), ein Privatkonzert mit Elton John (1,5 Millionen Dollar, 2005), ein U-Boot (20 Millionen Dollar, 2000), einen Charterflug ins Weltall (1,7 Millionen Dollar, 2006) und einen ganzen Stall voller Rennpferde (10 Millionen Dollar, 2008).

Diesmal findet sich, zum ersten Mal in diesem Jahrzehnt, auf der Krösusliste kein einziger siebenstelliger Preis. "Die Phantasiegeschenke schrumpfen", klagt das "Wall Street Journal". Ebenso schrumpfte der letzte Quartalsumsatz von Neiman Marcus - um fast 14 Prozent.

Schon der Rennstall voller Pferde 2008 wirkte leicht deplaziert angesichts des Niedergangs der US-Finanzindustrie und der Rezession. Neiman-Marcus-Marketingchefin Ginger Reeder sagte der Zeitung "Arizona Republic": "Wenn wir das in einem Jahr nicht überwunden haben, sollen wir dann noch 'Fantasy Gifts' machen?"

Die Antwort: Na klar. Der Konzern beschloss, die Tradition nicht sterben zu lassen, sondern das Angebot zu reduzieren. "Wir sind schließlich Neiman Marcus", sagte Reeder. "Wir sind bekannt dafür, die allerfeinsten Waren anzubieten."

Ein Leichtflugzeug für 250.000 Dollar

Was also ist in diesem Jahr im Angebot?

Ein Blick ins Geschenk-Portfolio zeigt: Das Allerfeinste allein reicht wohl nicht mehr. Wer heute teuer schenkt, muss sich wenigstens krisen- oder ökobewusst zeigen.

Zum Beispiel mit dem teuersten Phantasiegeschenk dieses Jahres, einem Leichtflugzeug für 250.000 Dollar, inklusive Flugstunden "für sie und ihn". Das Gerät ist amphibisch, fliegt wahlweise mit Flug- oder Autobenzin, hat Klappflügel (praktisch beim Straßentransport), einen MP3-Player und herausnehmbare Seitenfenster, "um die Arme im Wind baumeln zu lassen". Keine Frage: "Jetzt können Sie so einfach fliegen, wie Sie in Ihren Cabrio oder Ihr Schnellboot springen." Und gleichzeitig den teuren, klimaverpestenden Privatjet im Hangar lassen.

Etwas billiger, wenn auch nicht unbedingt umweltfreundlicher kommt einem da die bodennähere Fortbewegung - mit einem 2010 Jaguar XJL "Supercharged" (105.000 Dollar). 470 PS, 1200-Watt-Lausprecher, Massagesitze, beheiztes Lenkrad und ein interaktiver Computerbildschirm statt Armaturenbrett: "Ein Mix aus futuristischer Ingenieurskunst und Weltklasse-Luxus, der das Herz rasen lässt." Vom Neiman-Marcus-Exklusivmodell, in schwarz-metallic, gibt es nur 50 Exemplare.

"Bitte nicht rasen, blablabla"

Wem vier Räder zu viel sind, der kann aufs "schnellste elektrische Motorrad der Welt" umsteigen, das Bike "Mission One" aus der Werkstatt des VIP-Designers Yves Behar, das 240 Kilometer pro Stunde erreicht (73.000 Dollar). Die Maschine, die "dem Verbrennungsmotor ein Ende setzen" soll, kommt mit ihrem Lithium-Ionen-Akku mehr als 200 Kilometer weit und stößt keinerlei Schadstoffe aus.

Doch nicht vergessen: "Bitte nicht rasen, blablabla."

Langsam geht es mit dem "Sahnetörtchen-Auto" zu (25.000 Dollar), einem bizarren Elektrogefährt in Form eines pastellfarbenen Kuchens. Eine Ausgeburt des Performance-Festivals "Burning Man" in der Wüste Nevadas. Das von der kalifornischen Künstlerin Lisa Pongrace entworfene Strommobil kommt auf eine Geschwindigkeit von elf Kilometern pro Stunde. Der Käufer darf sich dazu ein Sahnehäubchen seiner Wahl aussuchen: "Bringen Sie es zur Arbeit mit und mischen Sie die Kantine auf!"

Nützlicher sind der Kronleuchter aus Recyclingflaschen (12.000 Dollar), das Winzerseminar für zwei im Napa Valley (20.000 Dollar) und die dem legendären "Algonquin Roundtable" nachempfundene Plauderstunde mit Literaten und Publizisten (200.000 Dollar). Der künstlerisch verfremdete Goliathkäfer unter Glas dagegen (8500 Dollar) ist wohl eher ein sündhaft teurer Staubfänger.

Wenn schon Luxus - dann echten

Auch andere Anbieter reagieren auf die Krise. Sak's Fifth Avenue verzichtet diesmal ganz auf "Fantasy Gifts", und die meisten Nobel-Kaufhallen haben ihre Luxusinventare drastisch reduziert. Die Weihnachtsdekorationen an der Fifth Avenue sind zurückhaltender. Der gesamte US-Einzelhandel fürchtet für diese Weihnachtssaison einen erneuten Umsatzrückgang - wenn auch mit minus ein Prozent nicht ganz so schlimm wie im vergangenen Jahr (minus 3,4 Prozent).

Selbst Imitate von Nobelprodukten finden sich nur noch schwer. Denn die New Yorker Polizei machte bei einer Großrazzia 31 Verkaufsstände an der Canal Street dicht, die für Billigkopien von Luxusartikeln bekannt waren. Ware im Wert von einer Million Dollar wurde konfisziert. "Wir haben einfach keine Toleranz mehr", sagte Bürgermeister Michael Bloomberg dazu. "Es ist nicht fair gegenüber den Firmen, die in ihre Marken investieren."

Auch in diesen kargen Zeiten gilt: Wenn schon Luxus - dann echten.

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