Pressestimmen Die deutsche Medienlandschaft nach Kirch

Wie verändert der wahrscheinliche Einstieg von Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi das deutsche Fernsehen? SPIEGEL ONLINE präsentiert wichtige Zeitungskommentare des Tages im Überblick.


"La Repubblica" aus Rom

"Wie ein typisches Produkt des Landes, wie Pasta oder Mozzarella, ist Italien dabei, auch seinen Interessenkonflikt nach Europa zu exportieren. Es ist nämlich wahrscheinlich, dass (Berlusconis) Mediaset einen guten Teil der größten privaten deutschen TV-Gruppe kaufen wird, die bisher im Besitz von Leo Kirch gewesen ist. In früheren Zeiten hätte man die Einkaufstour eines italienischen Unternehmers im Ausland feiern müssen. (...) Stellen wir uns vor, das eine Einigung erzielt wird und Berlusconi einer der Herren über Sat.1 und ProSieben wird. Von dem Augenblick an hätte er ein direktes Interesse an der deutschen Gesetzgebung und daher an der Politik des Landes. (...)

Vollauf legitim, wenn er als Unternehmer auftritt; aber leicht peinlich, wenn er als italienischer Premier auftritt. Wenn er den Kanzler trifft, könnte er einige Klagen über die Parteilichkeit seiner Fernsehsender zu hören bekommen."



"Badische Neueste Nachrichten" aus Karlsruhe:

"Vor dem drohenden Ende seiner Laufbahn als Medienpionier entdecken auch Kritiker die guten Seiten an Leo Kirch. Zur Einsicht, dass Privatfernsehen noch sehr viel seichter sein kann, kommt die Sorge um Arbeitsplätze und Steuergelder. Vor ein paar Monaten noch war Leo Kirch die Idealbesetzung in der Rolle des Buhmann. (...) Jetzt ist plötzlich vieles anders; mit Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi greifen Medienfürsten nach den Filetstücken des Kirch-Konzerns, die in Deutschland einen Ruf wie der Leibhaftige genießen."



"Berliner Zeitung" aus Berlin

"Nun ist die Ära beendet. Kirch sagt: "Murdoch ist ein Haifisch. Haifische haben scharfe Zähne. Wer mit denen nicht schwimmen kann, der soll gar nicht erst zu ihnen ins Becken steigen." Um in dem Bild zu bleiben: Gemessen an Leo Kirch sind Rupert Murdoch und Silvio Berlusconi zwei besonders imposante Knorpelfische. Weiße Haie. Deutschlands Medienunternehmer und Politiker werden wohl oder übel zu ihnen ins Becken steigen müssen. Und Leo Kirch, dem Katzenhai, nachtrauern."



"Financial Times Deutschland" aus Hamburg

"Auch wer das Ende der hergebrachten Medienpolitik begrüßt, kann über die neuen Investoren auf dem deutschen Medienmarkt nicht begeistert sein. Ein Blick in Murdochs Londoner "Sun" und andere Zeitungen seines weltweiten Imperiums zeigt, dass in Deutschland die Grenzen des schlechten Geschmacks noch lange nicht erreicht sind. (…)

Noch problematischer ist die Rolle von Silvio Berlusconi. Zwar betont seine Firma Mediaset, Kirch sei lediglich eine Finanzbeteiligung. Aber in Italien machen die Sender des Medienzaren Berlusconi unverhohlen Propaganda für den Ministerpräsidenten Berlusconi. Wie kann ein Kanzler Schröder dem italienischen Regierungschef noch unbefangen begegnen, wenn der mitentscheidet, ob es ein Fernsehduell im deutschen Wahlkampf gibt?"



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