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»Prestigeobjekt mit geringem Nutzen«

Der Hanauer Unternehmer Jürgen Heraeus warnt Bonner Minister vor dem Einstieg in die Weltraumfahrt 30 Milliarden Mark will Bonn sich bis zur Jahrtausendwende den Aufbruch ins All kosten lassen - Milliarden, deren wirtschaftlicher Nutzen nicht zu erkennen ist (SPIEGEL 32/ 1987). In einem Brief an Wirtschaftsminister Martin Bangemann, Forschungsminister Heinz Riesenhuber und Finanzminister Gerhard Stoltenberg hat jetzt der Hanauer Unternehmer Jürgen Heraeus, 50, vor dem Weltraum-Abenteuer gewarnt. Heraeus, Mitinhaber der gleichnamigen Metallwaren-Fabrik, ist Präsident der Wirtschaftsvereinigung Metalle und sitzt im Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Industrie. Text-Auszug: *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Sehr geehrter Herr Bundesminister, mit Sorge verfolge ich die sich anbahnende Weichenstellung der zukünftigen Forschungspolitik der Bundesregierung. Es ist zu befürchten, daß kurzfristig nicht korrigierbare Entscheidungen gefällt werden, die im nachhinein zu heftiger Kritik führen und in ihrer Konsequenz die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft im Vergleich zu alternativen Strategien schwächen werden ...

Nach dem Stand der gegenwärtigen Diskussion ist ernsthaft geplant, einen neuen Schwerpunkt »Weltraumforschung« zu setzen, der nach meiner Information für die nächsten Jahre alle durch die Reduzierung der Atomforschung frei werdenden Mittel binden und die disponiblen Mittel des BMFT _(Bundesministerium für Forschung und ) _(Technologie. )

sogar darüber hinaus einengen würde.

In enger Kooperation mit Frankreich soll dabei die bemannte Weltraumtechnik intensiv betrieben werden.

Ich würde in einer solchen Festlegung eine eklatante Fehlentscheidung sehen und fürchte, daß die jetzige Meinungsbildung auf mangelhafte oder einseitige Information in dieser komplizierten Materie beruht.

Angesichts der Tatsache, daß wir uns in Zukunft in einem wirtschaftlichen Konkurrenzkampf mit einer Nation _(Gemeint ist Japan. )

befinden, deren Handeln auf einer abgestimmten Strategie zur Maximierung der eigenen internationalen Konkurrenzfähigkeit beruht, wäre die Konzentration der verfügbaren Förderungsmittel der Bundesrepublik auf ein Prestigeobjekt mit geringem volkswirtschaftlichen Nutzen und mit zweifelhaftem wissenschaftlichen Wert eine Tragödie.

Der Innovationseffekt der Weltraumfahrt hat seinen Zenit längst überschritten. Es ist unredlich damit zu argumentieren, daß irgendwelche ungeplanten Seiteneffekte in nachhinein zu einem angemessenen volkswirtschaftlichen Nutzen führen werden. Der internationale industrielle Konkurrenzkampf spielt sich in Zukunft ganz geplant auf banalen Gebieten unter Einsatz hochtechnologischer Mittel ab. Für spielerisches »trial and error« und für Zufallsergebnisse ist da kein Platz ...

Auch unter Weltraum-Enthusiasten herrscht übrigens überwiegend die Meinung, daß die bemannte Weltraumfahrt nicht anders als prestigemäßig-politisch zu rechtfertigen ist. Die enorme Steigerung des Aufwands durch Einbau des Menschen ist auch in einem als Grundlagenforschung definierten Programm nicht rational begründbar ...

Drei weitere Argumente gegen eine so einseitige Schwerpunktbildung sind zu bedenken: *___Das vorgesehene Steuersenkungsprogramm zwingt zu einer ____Senkung aller Subventionen, was auch für die ____staatlichen (F+E)-Ausgaben _(F + E steht für Forschung und ) _(Entwicklung. )

Knappheit der verfügbaren Mittel bedeuten wird. Ein langfristiges Großprojekt in der vorgesehenen Dimension ist ohne drastische Einsparungen in den übrigen (F+E)-Themen nicht vorstellbar und würde jede flexible Reaktion auf neue Herausforderungen für viele Jahre blockieren. *___Eine Förderung auf diesem Gebiet flösse nahezu ____ausschließlich wenigen von Großkonzernen kontrollierten ____Firmen zu, die bereits heute weitgehend außerhalb der ____marktwirtschaftlichen Konkurrenz von Staatsaufträgen ____leben. *___Die Schwerpunktbildung »Weltraum« würde auf Jahre den ____höchstqualifizierten technischen Nachwuchs aufsaugen, ____auf Großfirmen und auf Projekte konzentrieren, die ____nicht dem Druck der Marktkonkurrenz ausgesetzt sind ...

Die (F+E)-Strategie der nächsten zehn Jahre muß sich an dem Ziel orientieren, die BRD zu Japan konkurrenzfähig zu halten.

Da Japan die strategische Initiative übernommen hat, bleibt keine andere Wahl, als sich an dieser Strategie zu orientieren.

Das bedeutet, daß im Vordergrund der (F+E)-Förderung die volkswirtschaftliche Wirkung im Kurz- und Mittelfristbereich stehen muß (neben einer angemessenen, aber begrenzten Förderung langfristiger Grundlagenforschung) ...

Die Themenkreise, in denen die innovatorischen Entscheidungen fallen werden, sind kein Geheimnis, sondern vom MITI und von den japanischen Großfirmen unter neuen Schlagworten publizierte, strategische Felder, teils marktorientiert, teils technologieorientiert: *___"Die Informations-Gesellschaft« (Verknüpfung von ____Telekommunikation, Datenverarbeitung, Software, ____Dienstleistung als jeweilige technologische ____Schwerpunkte); *___"Mikroelektronik«, mit Zielrichtung höchster ____Integration, höchster Geschwindigkeit; *___"Optopia«, die breite Einführung der Optoelektronik, ____der Lasertechnik, der Lichtleitfaser in die ____Nachrichtentechnik, Meß- und Regeltechnik und in ____Konsumprodukte; *___"Mechatronics«, die Automatisierung der ____Fertigungstechnik unter voller Nutzung der ____Möglichkeiten der Elektronik; *___"Neue Materialien« als Hebel zu Basisinnovationen in ____den oben genannten Bereichen, aber auch zum Beispiel im ____Automobilbau.

Für eine adäquate, breite Förderung auf diesen Gebieten muß das BMFT in den nächsten Jahren seine Mittel bereithalten, wenn man das »rat race« mit den Japanern nicht von vornherein aufgeben will ...

In diesen vielfältigen Grundtechnologien und in ihrer relativ banalen Anwendung im Konsum- und Industrieprodukt sowie in der Dienstleistung wird die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Industrie entschieden werden, nicht in Großprojekten mit Prestigecharakter ...

Sehr geehrte Herren Bundesminister, ich möchte Sie bitten, meine Darlegungen als Ausdruck meines Engagements für unsere gemeinsame Zukunft entgegenzunehmen. Ich kann nicht erwarten, daß aufgrund meiner Meinungsäußerung in einem so gewichtigen Projekt die Weichen plötzlich anders gestellt werden. Ich möchte Sie aber unbedingt bitten, darauf hinzuwirken, daß einem breiten Kreis der deutschen Industrie und der deutschen Wissenschaft Gelegenheit gegeben wird, zu der zukünftigen Schwerpunktbildung in der Forschungspolitik Stellung zu nehmen, bevor Entscheidungen gefällt werden. Nach dem Stand der Dinge muß ich davon ausgehen, daß zu der bisherigen Meinungsbildung überwiegend die Gruppen beigetragen haben, die an der Realisierung eines Schwerpunkts »Weltraumforschung« aktiv beteiligt wären.

Ich möchte Sie auch bitten, den Wert einer demonstrativ gemeinsamen Haltung mit Frankreich in dieser Frage nicht zu hoch zu bewerten. Der mögliche Schaden einer verminderten Konkurrenzfähigkeit unserer Volkswirtschaft ist so hoch, daß man auch dieses politisch sicher bedeutsame Argument differenziert sehen muß.

Mit freundlichem Gruß

Dr. Jürgen Heraeus

Bundesministerium für Forschung und Technologie.Gemeint ist Japan.F + E steht für Forschung und Entwicklung.

Jürgen Heraeus
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