Private Equity Finanzinvestoren fürchten Pleitewelle

Zu Boomzeiten kauften Beteiligungsgesellschaften im großen Stil deutsche Firmen und bürdeten ihnen teilweise hohe Schulden auf. In der Krise schlittern nun einige der Übernahmeopfer in die Insolvenz. Die renditeverwöhnten Finanzinvestoren geraten in den Sog des Abschwungs.

Von Mark Fehr


Hamburg - Beim Autozulieferer Edscha aus Remscheid war es Anfang der Woche soweit: Das Unternehmen musste Insolvenz anmelden. So wie dem Hersteller von Cabriodächern und Autoscharnieren erging es auch schon dem Bremsbelaghersteller TMD Friction und dem Branchenkollegen Stankiewicz, einem Lieferanten von Schallisolierungen. Aber nicht nur Autozulieferer trifft die Pleitewelle: Zuletzt erwischte es den traditionsreichen Modelleisenbahnbauer Märklin.

Edscha-Mitarbeiter: Aus für die Cabriodächer
Edscha

Edscha-Mitarbeiter: Aus für die Cabriodächer

Die Pleiteopfer haben eines gemeinsam: Sie gehören Finanzinvestoren. Deren Geschäftsmodell besteht darin, sich an mehr oder weniger vielversprechenden Firmen zu beteiligen. Das Geld dafür leihen sie sich von Banken, die Schulden reichen sie oft an die Übernahmeopfer weiter. Diese müssen dann Zins und Tilgung abstottern.

Das Prinzip funktioniert aber nur in guten Zeiten, denn der Ansatz der Finanzinvestoren ist gewagt. Sie rechnen mit steigenden Umsätzen und schrauben bei den aufgekauften Firmen die Kosten runter. Dafür krempeln sie diese von Grund auf um, denken sich neue Strategien und Strukturen aus.

In schlechten Zeiten wiegt die Schuldenlast aber umso schwerer und zieht die durch die Krise ohnehin schon angeschlagenen Unternehmen noch weiter nach unten. Klar, dass die betroffenen Firmen dadurch besonders anfällig sind.

Unter den Autozulieferern ist Edscha der bislang größte Pleitefall. Die Firma zählt nach eigenen Angaben mit einem Umsatz von mehr als einer Milliarde Euro zu den 100 weltgrößten Automobilzulieferern. Seit 2003 gehört Edscha dem amerikanischen Private-Equity-Fonds Carlyle. Grund für die Edscha-Pleite ist natürlich auch der Umsatzeinbruch durch die Wirtschafts- und Autokrise. Aber Arbeitnehmervertreter machen den Investor für die Pleite verantwortlich.

"Ausgesaugt bis zur Blutleere"

"Carlyle hat Edscha ausgesaugt bis zur Blutleere", sagte Werner Neugebauer, Bezirksleiter bei der IG Metall Bayern, Anfang der Woche. Das Unternehmen habe die Schulden für den eigenen Kaufpreis bedienen und seine Gewinne an den Finanzinvestor abführen müssen. Deshalb habe Edscha kaum Eigenkapital bilden können, das nötig gewesen wäre, um die schwere Krise zu überstehen.

Das Unternehmen begründet die Pleite mit der Automobil- und Finanzkrise. In einer Pressemitteilung zum Insolvenzantrag verweist Edscha auf die massiv rückläufigen Umsätze im Automarkt und den verschlechterten Zugang zu Finanzierungen auf den Kapitalmärkten.

Angesichts der Märklin-Pleite geraten auch Kingsbridge Capital und Goldman Sachs in die Kritik. Die Investmentfirmen hatten den Modelleisenbahnbauer vor etwa drei Jahren übernommen. Kurz vor der Insolvenz verhandelte Märklin mit seinen Banken über eine Kreditverlängerung. Doch die lehnten ab. Begründung der Geldinstitute: Zu viele Geschäftsführerwechsel und teure Beraterverträge seitens der Märklin-Eigentümer.

Die Investoren hingegen empören sich über diese Entscheidung: "Das Verhalten der Banken ist sehr merkwürdig", sagte ein Insider zu SPIEGEL ONLINE, "vor allem zu Beginn der Spielwarenmesse". Eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft habe Mitte Februar ein Sanierungsgutachten vorstellen sollen. "Offensichtlich haben es die Banken nicht für nötig befunden, dieses Gutachten abzuwarten." Auch über eine Zinsstundung oder ähnliches hätten die Institute erst gar nicht verhandeln wollen.

Vor allem bei den Autozulieferern haben sich Finanzinvestoren stark eingekauft. Die Krise am Automarkt macht die Lage dieser Unternehmen besonders prekär, denn sie sind wegen der Kaufpreisfinanzierung hoch verschuldet.

Bereits im Dezember erwischte es den Zulieferer TMD Friction. Der Leverkusener Hersteller von Bremsbelägen war 2001 vom britischen Private-Equity-Unternehmen Montagu für mehr als 750 Millionen Euro übernommen worden. Wie üblich bürdete die Beteiligungsgesellschaft der Tochter die Finanzierung der eigenen Übernahme auf, so dass die Schuldenlast stieg. Später bekam TMD Probleme, weil die Firma massiv gestiegene Materialkosten nicht an die Kunden weiterreichen konnte. 2006 gab Montagu deshalb die Kontrolle an die Fremdkapitalgeber ab. Seitdem sind die Fonds Davidson Kempner, Clearwater und Eos an dem Zulieferbetrieb beteiligt.

Insolvenz angemeldet hat auch Stankiewicz, eine Spezialfirma für Schallisolierungen. Stankiewicz beliefert unter anderem Audi, Daimler, BMW und VW und gehört seit 2006 dem niederländischen Fonds Gilde. Nach Presseberichten braucht auch der Dichtungshersteller Saargummi, der zur Beteiligungsgesellschaft Odewald & Cie gehört, frisches Geld von den Eignern. Saargummi-Investor Odewald ließ dazu auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE mitteilen: "Die Kapitalbasis von Saargummi wurde durch die Gesellschafter gestärkt, der Gang der Geschäfte ist angesichts des wirtschaftlichen Umfelds befriedigend."

Demutsgeste bei den Finanzinvestoren

Die Pleitewelle bei den Autozulieferern könnte auch auf andere Branchen überschwappen. Denn generell werden Unternehmen in der Hand von Beteiligungsgesellschaften als besonders gefährdet gesehen. "Ein Viertel der deutschen Firmen, die im Besitz von Finanzinvestoren sind, könnten zu Restrukturierungsfällen werden", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" den Bereichsvorstand für Unternehmensfinanzierung bei der WestLB, Volker Brühl.

Die Private-Equity-Branche scheint das Problem erkannt zu haben. "Wir müssen unser Image verbessern, und dazu müssen wir so viele Unternehmen und Jobs erhalten wie möglich", sagte David Rubenstein, Mitgründer des Private-Equity-Hauses Carlyle auf einem Branchenkongress. Unter dem Motto "Super Return" - "Höchster Gewinn" - trafen sich in Berlin Vertreter von internationalen Investmenthäusern. Rubenstein sieht angesichts der Wirtschaftskrise eine Welle von großen Pleiten auf Private-Equity-Beteiligungen zurollen: "Wahrscheinlich werden mehr als nur ein paar große und bekannte Investments nicht überleben."

Rubensteins Aufruf an die Branche, auch Rücksicht auf Arbeitsplätze zu nehmen, ist in Finanzinvestoren-Kreisen selten zu vernehmen. Die neuen Töne liegen wohl auch im eigenen Interesse. Ein großer Teil des Investitionskapitals der Beteiligungsgesellschaften kommt nämlich von US-Pensionsfonds. Diese legen die Ersparnisse von amerikanischen Arbeitern und Beamten an und wollen, dass man mit ihrem Geld vorsichtig umgeht.

Der Carlyle-Mitgründer forderte seine Kollegen auch zur Selbstkritik auf: "Wir müssen bei uns genau das tun, was wir sonst immer unseren Portfoliofirmen verordnen." Nur so könne das Konzept Private Equity als bevorzugte Anlageform vieler Investoren aus der Krise hervorgehen.



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