Private Verwaltung Wie Würzburgs Bürger König werden soll

Von

2. Teil: Internet statt Rathaus


Die Vorarbeit für das Projekt haben Betriebswirte der Uni Würzburg geleistet. Im Auftrag der Stadt untersuchten sie die Arbeitsabläufe der verschiedenen Behörden und Ämter. Das erschreckende Ergebnis: Fast die Hälfte der Prozesse in der Verwaltung werden für die Verwaltung selbst erbracht – sei es im Personalwesen, bei der Beschaffung oder im Zahlungsverkehr.

Noch schlimmer ist es, sobald Verwaltungsfremde mit ins Spiel kommen: 70 Prozent der Anträge von Bürgern sind fehlerhaft oder unvollständig, vor allem wegen schlechter Beratung oder schwer verständlicher Formulare. Für die Mitarbeiter in den Ämtern bedeutet das einen enormen Mehraufwand, der vermieden werden könnte.

Die Ergebnisse ließen sich getrost auf andere deutsche Städte übertragen, sagen die Wissenschaftler. In einer durchschnittlichen deutschen Kommune kommen 150 verschiedene IT-Verfahren zum Einsatz. Jede Abteilung hat ihr eigenes Computersystem, bei jedem Prozess müssen die Mitarbeiter viele unnötige Daten eingeben: jedes Mal den Namen, jedes Mal das Geburtsdatum, jedes Mal den Familienstand.

Arvato will noch deutlich mehr

Genau hier setzt das Konzept von Arvato an. Fehlerhafte Anträge sollen bald der Vergangenheit angehören – weil der Computer schon bei der Eingabe darauf hinweist. In Würzburg werden die Daten künftig über eine einzige Benutzerplattform verwaltet. Das Kfz-Kennzeichen eines Bürgers lässt sich dann gleichzeitig mit der Steuernummer seines Hundes eingeben – in einem einzigen Vorgang.

In ein paar Jahren können die Bürger ihre Amtsgeschäfte sogar selbst in die Hand nehmen. Über das Internet soll man die Geburt eines Kindes oder den Kauf eines neuen Autos anmelden können - von zu Hause aus, auch sonntags oder nachts. Ins Rathaus muss man dann nur noch, wenn eine Unterschrift nötig ist. "Das ist schon 'ne tolle Sache", lobt die Bürgermeisterin.

Bedenken wegen des Datenschutzes hat sie nicht. "Die Daten kommen nicht in den Einflussbereich von Arvato." Bei dem Unternehmen selbst sieht man das ähnlich. Ein Missbrauch sei ausgeschlossen, verspricht Manager Baron. "Das wäre auch hochgradig geschäftsschädigend."

Ginge es nach Arvato, dann wäre die Kooperation sogar noch enger geworden. Ein Modell wie im englischen East Riding - einschließlich der Verwaltung des kommunalen Haushalts - sei in Deutschland "generell auch denkbar", sagt Baron. "Rechtlich wäre das überhaupt kein Problem."

27 Millionen Euro lassen sich einsparen

Entsprechende Gespräche führt Arvato nach eigenen Angaben schon mit mehreren Kommunen. Der wichtigste Verbündete des Unternehmens ist dabei die chronische Geldnot der Städte und Gemeinden. "Gerade die Haushaltslage vieler Kommunen macht das lohnend", sagt Baron.

Ganz so weit wie in England will man in Würzburg allerdings nicht gehen: "Das ist ganz anders als bei uns", beeilt sich die Bürgermeisterin zu sagen. "Wir werden nicht privatisiert. Wir verkaufen keine Mitarbeiter an die Privatwirtschaft."

Vorerst ist das Projekt auf zehn Jahre angelegt. Während der Laufzeit hofft die Stadt, knapp 75 Stellen einzusparen, vor allem durch Effizienzgewinne bei den Prozessabläufen. In Geldeinheiten würde das rund 27 Millionen Euro entsprechen. Von dieser Summe muss die Stadt, wenn alles gut läuft, knapp zehn Millionen Euro an Arvato zahlen, sozusagen als Beratungshonorar. In diesem Fall ist das Projekt für beide Seiten ein Plusgeschäft. Läuft aber etwas schief, dann geht das Unternehmen leer aus. "Wir werden Arvato keinen Cent zahlen, wenn es keine Einsparung gibt", droht die Bürgermeisterin. Der Vertrag sei in dieser Frage eindeutig.

Für die Bürger allerdings wird der Gang zum Rathaus auch in Zukunft nicht billiger: Die Gebühren muss er nach wie vor bezahlen, sagt Beckmann. "Amtshandlungen finden ja trotzdem statt."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.