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UNTERNEHMER Profi mit Knall

Der Ex-Gebrauchtwagenhändler und heutige Musikproduzent Jack White will sein Lebenswerk krönen - mit einem Börsengang.
aus DER SPIEGEL 50/1998

Andere Länder, andere Rhythmen. Jack White, der eigentlich Horst Nußbaum heißt und von Freunden früher »Hotte« oder »Nussi« genannt wurde, kennt sich da aus: Hierzulande klatscht man beim Viervierteltakt gern auf eins und drei, sagt er. Anders die Amerikaner: »Die klatschen grundsätzlich auf zwei und vier.«

Sein Gefühl für den richtigen Takt hat der Mann mit dem jugendlichen Lächeln früh trainiert. Schon bei den Pfadfindern sang er deutsches Liedgut. Später dann, er war mittlerweile Profifußballer beim PSV Eindhoven, grölte er im Mannschaftsbus Schlachtengesänge. »Da lernt man schnell«, faßt er diese Früherfahrungen zusammen, »wann eine Melodie knallt.«

Als seine Jahrgangsgefährten 1968 auf Deutschlands Straßen für Krawall sorgten und ideologische Debatten um Macht und Moral anzettelten, begann White, 58, Platten zu produzieren. Sein erster Erfolg war Roberto Blanco, der mit »Heute so, morgen so« das Deutsche Schlagerfestival 1969 gewann.

Danach ging es Knall auf Knall. Er produzierte Tony Marshalls »Schöne Maid«, baute Lena Valaitis auf, entdeckte das Ehepaar Nina und Mike, schickte den Kfz-Mechaniker Jürgen Marcus auf die vorderen Ränge der ZDF-Hitparade, schaffte mit Laura Branigan und ihrem Song »Gloria« seinen ersten Nummer-eins-Hit in den USA.

Längst weiß er nicht mehr, wie viele Auszeichnungen er wirklich bekam: Mehr als 300 Gold- und Platinschallplatten, so schätzt er, müßten es wohl sein. »So ein Talent«, schwärmt er von sich selbst, »wird einem nur vom lieben Gott verliehen.«

Seit September ist er nun der Vorstandsvorsitzende der Jack White Productions AG, die in der Branche auf einen Umsatz zwischen 15 Millionen bis 20 Millionen Mark geschätzt wird. Der Finanzdienstleister Gold-Zack will 15 Prozent der Firma übernehmen, und im Spätsommer 1999 sollen Aktien im Nennwert von 2,5 Millionen Mark an den Neuen Markt gebracht werden.

Mit dem Geld aus dem Börsengang will Jack White es noch mal richtig knallen lassen - weltweit. In diesen Monaten sitzt er oft am Marmorschreibtisch im Berliner Firmenbüro und plant seine persönliche Globalisierungsstrategie.

In Puerto Rico hat er sich in eine »Company« eingekauft, die Rap-Musik produziert ("Da hat's schon geknallt!"), in Amerika will er ein eigenes Plattenlabel gründen und sich an einem Tonstudio beteiligen, denn die USA sind der Schlüssel zum Erfolg in Europa. »Wer es dort in die Top 40 schafft, hat es leichter, von europäischen Radiostationen gespielt zu werden.«

Die Idee mit dem Börsengang kam ihm eher zufällig. Im Sommer lernte White den Münchner Chip-Broker Erich Lejeune kennen, der ihm voller Begeisterung von seinem eigenen Going Public erzählte. »Der hat mich irregemacht, im positiven Sinne«, sagt White, »mein Kopf hat angefangen zu rotieren.«

Denn geschäftstüchtig war er schon immer. »Das Geld liegt auf der Straße, man muß es nur aufheben«, sagt White, der vor seiner Karriere als Plattenproduzent mit anderen Jobs Geld verdiente: Er war Versicherungsagent, Marktforscher und Chef eines Gebrauchtwagenhandels. Dessen Umsatz steigerte er in nur sechs Monaten um 106 Prozent, wie er noch heute zu berichten weiß.

Seit neuestem ist er ganz auf Börse eingestellt. Wachsen will er, und zwar kräftig, Superstars einkaufen, Talente aufbauen, Künstler vermarkten. Entscheidend sei, die Phantasie der Börsianer anzuregen.

In den letzten Wochen hat Jack White mühsam lernen müssen, was ein Kurs-Gewinn-Verhältnis ist und was es mit dem Bookbuilding auf sich hat. Nicht, daß er alles verstanden hätte, er hat das schließlich nicht studiert, aber glücklicherweise gibt es Experten.

Seinen neuen Partner Dietrich Walther zum Beispiel, den Vorstandsvorsitzenden der Gold-Zack, der fest damit rechnet, daß sich der Umsatz der Jack White Productions AG in den kommenden Jahren vervielfachen wird. Er will aus dem Unternehmen eine »richtige Entertainment-Company« machen.

Das Klima an den Börsen scheint für solche Aktien günstig. Rolf Kunz, Analyst der Neu-Isenburger Value Management & Research, hält die Entertainment-Branche an den deutschen Börsen für unterrepräsentiert. Er gibt White daher gute Chancen: »Das ist eine sehr emotionale Aktie, und der Markt liebt solche Aktien.«

Andererseits: Gerade solche Firmen, die von einer Person abhängen, sind für den Anleger nicht ohne Risiko. Denn was passiert, wenn der Gründer und Macher ausfällt?

White hält diese Debatte für überflüssig. »Ich werde sicher 100«, erklärt er. In seiner Familie seien alle sehr alt geworden. Und außerdem: Er ißt gesund, er lebt gesund, er hat eine junge Frau. »Wo ist das Problem? Ich werde noch 30 Jahre arbeiten.«

Und Hits will er wie am Fließband produzieren, am liebsten solche, die »Magic haben«. Manchmal reiche eine Zeile, ein Wort, ein bestimmter Sound, um zu wissen, daß ein Lied »Magic hat«. Und wenn dieses geheimnisvolle Etwas in dem Song steckt, kann daraus ein Hit werden - »dann knallt es, daß die Kiste kracht«.

Die Konkurrenz beobachtet Whites Ausflug in die Welt der Börse wohlwollend. Der Münchner Musikverleger Hans R. Beierlein (Schürzenjäger, Udo Jürgens, Original Naabtal Duo) traut »dem Jack« alles zu - auch den Erfolg: »Der hat bewiesen, daß er ein Händchen dafür hat, den Amis Coca-Cola zu verkaufen.«

KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN

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