Profitschwund bei Daimler Autokrise zwingt Zetsche auf Schnellspar-Kurs

Boni runter, weniger Leiharbeit und volle Konzentration auf die neue E-Klasse: Daimler-Chef Dieter Zetsche reagiert mit Sparplänen und Detailarbeit auf die Absatzkrise. Möglichst schnell muss er die Restbeteiligung am Pleitekandidaten Chrysler loswerden - die Verhandlungen sind hart.

Von , Stuttgart


Stuttgart - Einen Hang zur Dramatik kann man Dieter Zetsche sicher nicht nachsagen. Der Daimler-Chef gilt als nüchterner Zeitgenosse, den so schnell nichts aus der Bahn wirft. Doch selbst der sonst so gelassene Zetsche kam an diesem Dienstag nicht umhin, die Situation der Weltwirtschaft in den düstersten Farben zu schildern.

Daimler-Chef Zetsche: Chrysler belastet noch immer
DPA

Daimler-Chef Zetsche: Chrysler belastet noch immer

Für Daimler bestand das Jahr 2008 aus einem überaus erfolgreichen ersten Halbjahr - dann kam der jähe Absturz im zweiten halben Jahr. Grund dafür sei die schwerste Rezession in der Geschichte der Weltwirtschaft, ausgelöst durch die Finanzkrise, erklärte Zetsche während der Vorstellung der Jahresbilanz. "Was wir unter normalen wirtschaftlichen Bedingungen leisten können, haben wir im ersten Halbjahr bewiesen. Viele unserer Geschäfte waren auf sehr gutem Kurs", fasste er seinen Rückblick zusammen.

Das erste Halbjahr war es denn auch, das den Traditionskonzern vor dem Totalabsturz rettete. Insgesamt schloss Daimler 2008 mit einem Vorsteuergewinn (Ebit) von 2,73 Milliarden Euro ab - das ist deutlich weniger als 2007, als noch ein Ebit von mehr als 8,7 Milliarden Euro in den Büchern stand. Das Reinergebnis des Konzerns hat sich von rund vier Milliarden Euro auf 1,4 Milliarden verschlechtert. Ein Grund waren die drastischen Rückgänge der Pkw-Verkäufe. In den USA fielen die Zahlen auf den niedrigsten Stand seit 26 Jahren, in Europa erreichten sie ein Zwölf-Jahres-Tief.

Klotz am Bein

Noch kräftiger schlugen jedoch die Verluste der ehemaligen Konzerntochter Chrysler zu Buche, an der Daimler noch eine Beteiligung von knapp 20 Prozent hält. Finanzchef Bodo Uebber musste 1,8 Milliarden Euro an Darlehen und anderen Vermögenswerten abschreiben. 1,4 Milliarden betrug Daimlers Anteil am Verlust des von der Pleite bedrohten US-Konzerns.

Kein Wunder also, dass Zetsche die Anteile am liebsten so schnell wie möglich loswerden will. Derzeit verhandeln Daimler-Emissäre mit Co-Aktionär Cerberus und Chrysler über den Ausstieg. Doch so kurzfristig werden sich die Belastungen nicht reduzieren lassen. Cerberus verlangt von Daimler einen Zuschuss, den die Deutschen wegen der angespannten Finanzlage nicht zahlen wollen.

Dabei kann Zetsche einen Verlustbringer wie Chrysler angesichts der düsteren Zukunftsaussichten derzeit am allerwenigsten gebrauchen. Ohnehin machen sich die Daimler-Oberen über das Jahr 2009 kaum noch Illusionen. Weltweit werde die Nachfrage wohl noch einmal um rund zehn Prozent zurückgehen, erklärte Uebber.

Zwar verfüge man über genügend Reserven, um die Durststrecke durchzuhalten. Wie lange diese aber dauern wird, kann im Management niemand exakt voraussagen. 2009 haben die Experten beinahe schon abgeschrieben. Vereinzelt werden bereits Zweifel laut, ob sich in naher Zukunft überhaupt noch einmal Stückzahlen wie in der ersten Jahreshälfte absetzen lassen.

Rätselraten um Wolfgang Bernhard

Entsprechend großen Raum nahm der Rapport über die Maßnahmen ein, mit denen Daimler der Krise begegnen will. Dazu gehören weitere Effizienzsteigerungen und ein Abbau der Belegschaft, dem zunächst in erster Linie die Leiharbeiter zum Opfer fallen werden. Ein Stellenabbau in der Kernbelegschaft im Rahmen eines größeren Programms sei derzeit nicht geplant, erklärte Zetsche. Auch wolle man Universitätsabsolventen weiterhin Einstiegschancen bieten. Die natürliche Fluktuation aber werde man umfassend nutzen.

Gleichwohl werden die Mitarbeiter auf besondere Vorzüge verzichten müssen. Daimler wird die Gehaltsaufschläge auf das tarifvertraglich geschuldete Mindestmaß beschränken. Der Vorstand will sogar komplett auf Gehaltserhöhungen verzichten. Weiteres Geld soll im Rahmen des sogenannten GoFor10-Programms zur Effizienzsteigerung eingespart werden.

Eine wichtige Rolle könnte in diesem Zusammenhang womöglich ein interessanter Neuzugang im Management des Konzerns spielen: Wolfgang Bernhard. Der als Sanierer bekannte 48-Jährige soll sich zwar zunächst auf die Leitung der Schnelltransporter-Sparte konzentrieren, doch kaum ein Beobachter zweifelt daran, dass Bernhard seinen Einfluss im Konzern ausbauen wird - auch wenn Zetsche solche Gedanken als Spekulationen zurückweist.

Er erklärt, dass man Bernhard ohne "weitere Hintergedanken" angeheuert habe. "Wenn wir ihn für eine andere Aufgabe hätten einsetzen wollen, hätten wir ihn für eine andere geholt", sagte der Daimler-Vorstandsvorsitzende. Das Amt des Mercedes-Chef will Zetsche behalten.

An anderer Stelle jedenfalls will der Konzern nicht sparen, bei den Anstrengungen für Forschung und Entwicklung zum Beispiel - auch wenn die Mittel laut Zetsche nach Möglichkeit deutlich effizienter eingesetzt werden sollen.

Bangen um die BMW-Kooperation

Die Zusammenarbeit mit dem Münchener Rivalen BMW lässt dagegen noch auf sich warten. Zetsche dementierte Berichte aus den vergangenen Tagen, nach denen erste Verträge bereits unterschriftsreif seien. Finanzmann Uebber macht aber kein Hehl daraus, dass ihm das Geschacher der Techniker viel zu lange dauert. Die Einsparungen könnten erheblich sein. Experten schätzen sie auf einen dreistelligen Millionenbetrag.

Wie weit die Kooperation reichen wird, ist nicht absehbar. In Daimler-Kreisen gilt es aber als sicher, dass sie über den gemeinsamen Einkauf von Gurtrollen und Sensoren hinausgehen soll. Sogar von einem gemeinsamen Vierzylindermotor ist die Rede. Eine Gefahr für die Identität der Marken sieht Uebber nicht. "Ein und derselbe Motor wird sich einem Mercedes definitiv anders anfühlen als in einem BMW."

Doch aller Sparanstrengungen und Effizienzsteigerungen zum Trotz: Die nahe Zukunft von Daimler wird ganz entscheidend vom Kerngeschäft abhängen. Viel Hoffnung liegt auf der neuen E-Klasse, deren Verkauf gerade anläuft. Die Zahl der Vorbestellungen bezeichnete Uebber als ermutigend.

Wie sehr Daimlers nahe Zukunft von dem Modell abhängt zeigt, dass die E-Klasse-Produktion von Sparmaßnahmen verschont bleibt. Sollten die Verkäufe allerdings infolge einer verschärften Wirtschaftskrise wieder einbrechen, müsste Zetsche sein Sparprogramm wohl noch einmal überarbeiten.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.