Prognose des Trendpropheten "Drittjobs keine Seltenheit mehr"

Mehr Zeitdruck und Stress, noch mehr Angst vor der Kündigung: Der Zukunftsforscher Matthias Horx entwirft ein düsteres Bild der deutschen Arbeitswelt im Jahr 2004. Beim Einkaufen werde der deutsche Konsument weiter so geizig bleiben wie bisher - auch wenn die Konjunktur anzieht.


Frau bei der Büroarbeit: "Vabanquespiel zwischen Karrierezwängen und Organisations-Notwendigkeiten"
DPA

Frau bei der Büroarbeit: "Vabanquespiel zwischen Karrierezwängen und Organisations-Notwendigkeiten"

Kelkheim - "Wir gehen in eine Schnäppchen- und Geizkultur, weil Konsum eigentlich nicht mehr wirklich spannend ist", sagte Horx in einem Interview. "Wir haben einen mit allen Wassern gewaschenen Konsumenten, der weiß, wo er seinen Golf 5000 Euro billiger bekommt." Daher werde der private Konsum trotz Belebung der Konjunktur nicht merklich anziehen, prophezeite der Leiter des Zukunftsinstituts in Kelkheim.

Betroffen von der Krise sind laut Horx auch technologische Produkte, insbesondere in der Telekommunikation. Neuheiten wie Fotohandys würden beispielsweise schon "verramscht", sagte er. "Die technologische Enttäuschung, die digitale Desillusion, ist im vollen Gange."

"Zutiefst masochistische Kultur"

Horx sieht allerdings auch einen Gegentrend. So würden die Deutschen mehr Geld für die Bereiche Lebensberatung und Wellness ausgeben. "Man kauft sich Zeit und Aufmerksamkeit, um sich selbst zu entwickeln", erklärte er. In diesem Zusammenhang sprach er von einer "Industrie der Angst" und einer Kultur des Jammerns. "Deutschland ohne Jammern kann ich mir nicht vorstellen, dies ist eine zutiefst masochistische Kultur, die ihre Ängste hegt und pflegt", glaubt er.

Trendforscher Horx: Angst und Geiz und Masochismus
DPA

Trendforscher Horx: Angst und Geiz und Masochismus

Die Deutschen müssten im kommenden Jahr mit erhöhtem Leistungsdruck fertig werden, sagt Horx in einem anderen Interview vorher. Dies gelte sowohl für das Berufs- als auch das Privatleben. Die Häufigkeit von Jobwechseln werde zunehmen, angesichts anhaltender Rationalisierungsprozesse und verschärfter Arbeitsmarktregelungen werde Leistungsprinzip noch stärker als bisher Einzug halten. "Menschen mit Erst-, Zweit- und Drittjobs werden keine Seltenheit mehr sein."

Trend zu britischen Verhältnissen?

Im Privatleben steige die Unsicherheit vor allem für junge Frauen, prophezeit Horx. Ihre gestiegenen Ansprüche an Partnerschaft und Familien-Engagement machten die Entscheidung für Kinder zu einem ständigen "Vabanquespiel zwischen Karrierezwängen und Organisations-Notwendigkeiten." Da Männer immer häufiger in der klassischen Ernährerrolle versagten, wachse die Unsicherheit noch mehr.

Mittelfristig werde sich Deutschland den Ländern angleichen, die den "Wandel zur Wissensgesellschaft besser bewältigt haben", sagte der Institutsleiter weiter. Die bislang "zeitreichen" Gesellschaften wie Deutschland werde sich den "zeitknapperen" Ländern wie Großbritannien anpassen, in denen längere Arbeitszeiten dominieren.



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