Prognose Forscher bescheinigen Deutschland dauerhaftes Boom-Potential

Deutschland hat allen Grund zum Optimismus. Der Deutschen Bank zufolge ist das Land dank Kreativität, Wissensvorsprung und einer neuen Mittelschicht bestens aufgestellt. Bis 2020 sind jährlich im Schnitt 1,5 Prozent Wachstum drin, zeigt eine Prognose - die auch sagt, was Unternehmen jetzt tun müssen.

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Hamburg - "Wild West", "Zugbrücke hoch", "Skatrunde beim Nachbarn" oder "Expedition Deutschland" - der Think-Tank der Deutschen Bank Chart zeigen beschreibt die Zukunft der Republik mit einfallsreichen Begriffen. Vier Szenarien für das Jahr 2020 hat das Institut entwickelt, um herauszufinden, ob "Deutschland Vorreiter oder Nachzügler auf dem Weg in die Wissenswirtschaft" wird.

Die gute Nachricht: Am plausibelsten ist das Modell "Expedition Deutschland" (klicken Sie für die vier Szenarien).

Nach Ansicht der Experten wird sich in den kommenden zwei Jahrzehnten entscheiden, ob und wie Deutschland Probleme wie den demografischen Wandel oder die Veränderung der globalen Arbeitsteilung in den Griff bekommt. Den Ausschlag für die gravierenden Veränderungen der Jahre geben demnach vor allem das weitere wirtschaftliche und politische Erstarken vieler Schwellenländer.

So gehen die Deutsche-Bank-Experten für asiatische Länder wie China, Indien und Malaysia von einem durchschnittlichen Wachstum von über fünf Prozent pro Jahr aus. Für Deutschland heißt das nach Ansicht der Experten:

  • Die Strukturen von Wirtschaft und Gesellschaft werden sich radikal verändern.
  • Die Wirtschaft wird zu größeren Teilen projektbezogen arbeiten.
  • In der Spitzentechnologie werden neue Märkte erschlossen.
  • Wissen wird in Zukunft effizienter bewertet werden.
  • Der Staat wird deutlich weniger regulieren als bisher.

Diese Kernelemente für die Zukunft haben die Fachleute unter dem Begriff "Expedition Deutschland" zusammengefasst. Rund 15 Prozent der Wertschöpfung soll in Zukunft "Projektwirtschaft" liefern - bisher sind es rund zwei Prozent. Unter "Projektwirtschaft" werden meist zeitweilige, kooperative und oft globale Wirtschaftsprozesse verstanden. Unternehmen arbeiten dabei immer häufiger mit sehr spezialisierten Mitarbeitern für eine bestimmte Dauer zusammen - und profitieren so gegenseitig vom Wissen und Tempo der verschiedenen Fachleute. Davon könne besonders der Mittelstand profitieren, da er seine Spezialisierungsvorteile und die organisatorische Beweglichkeit nutzen könne, steht in der Studie.

Am Ende würden eine neue Gründungsdynamik und Innovationsprozesse entstehen, mit deren Hilfe der Sprung in neue Märkte gelingen werde. "Deutschland hat 2020 in Märkten für Spitzentechnologie und wissensintensive Dienstleistungen aufgeholt", heißt es. Innovation werde sogar zur Kernkompetenz Deutschlands, "Created in Germany" besonders in Asien und im Nahen Osten zur ersten Wahl.

Auf der Strecke blieben dabei aber viele Investitionen der Wirtschaft in langfristige Forschung und Entwicklung. Denn sie seien mit den dann eher kurzlebigeren Wertschöpfungsmustern oft schlecht vereinbar.

Comeback der neuen Mitte

Und das, obwohl Wissen und Bildung in den kommenden zwei Jahrzehnten enorm an Bedeutung gewinnen soll: Das intellektuelle Kapital einer Firma werde künftig in die Unternehmensbewertung miteingehen, prognostizieren die Experten der Deutschen Bank. Neben den traditionellen Bilanzkennzahlen würden in Zukunft auch die Forschungseffizienz, die Weiterbildungsbudgets und die Kooperationsrankings eines Unternehmens die Kapitalmärkte interessieren.

Damit verändern sich auch der Bildungsmarkt und die Bildungsangebote: Private Lernanbieter schießen aus dem Boden und bieten Wissensvermittlung in allen Bereichen an. Aber auch öffentliche Universitäten und andere Bildungseinrichtungen sind nach Phasen der Konsolidierungen effizienter geworden. Weil Wissen über Auf- und Abstieg mit entscheidet, investieren vor allem Bürger mit mittlerem Einkommen massiv in Bildung - "und qualifizieren sich damit für anspruchsvollen, aber auch gut bezahlten Aufgaben in der Projektwirtschaft".

Dazu würden aber nicht nur (wie vielleicht erwartbar) die jüngeren Arbeitskräfte zählen. Auch die gut gebildeten Älteren gehörten zu den Gewinnern. "Sie sind in 2020 intelligent ins Arbeitsleben eingebunden", heißt es in der Studie. Gemeinsam bilden sie das, was DB Research als das "Comeback der Mittelschicht" bezeichnet. Es bilde sich eine neue Mitte - während der untere Rand unter stärkeren Druck gerate und den Anschluss verliere. Niedrigverdiener hätten kaum Zugang zu den neuen Lernmärkten und stünden deshalb, egal ob alt oder jung, unter oft existenziellem Druck.

Leistung nur für Gegenleistung

Für sie ist der Staat zuständig, der seine Sozialtransfers - also Leistungen wie Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld - allerdings immer mehr mit Gegenleistungen verknüpft. Immer mehr soziale Dienstleistungen wie die Pflege werden dem Szenario zufolge privat organisiert. Gleichzeitig reduziert der Staat seine Einmischung und gibt bestimmte Aufgaben ab. Das sei die Folge von Legitimationsproblemen auf der einen und beengten finanziellen Spielräumen auf der anderen Seite. Der Staat im Jahr 2020 verlasse sich deshalb immer mehr auf die Ideen und Anregungen, die von Bürgern oder aus der Wirtschaft kommen.

Fazit der Studie: Das alles führt dazu, dass auch in Zukunft ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,5 Prozent pro Jahr erreicht werden kann. Allerdings nur, wenn die Unternehmen adäquat reagieren. Dazu gehöre unter anderem, Kooperationen mit anderen Firmen auf allen Ebenen zu forcieren, Wissen zur Kernkompetenz zu machen und massiv in Weiterbildung zu investieren. Nur so würden die Negativ-Szenarien vermieden.



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