Prognose für 2008 Reallöhne steigen erstmals seit Jahren

Wirtschaft paradox: Seit zwei Jahren brummt die Wirtschaft - doch die Reallöhne schrumpften. Für 2008 prognostizieren Ökonomen weniger Wachstum - aber die Reallöhne werden erstmals seit Jahren steigen. Das haben Wissenschaftler der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung berechnet.


Hamburg - Von einer Wende will Gustav Horn dann doch nicht sprechen: "Das Wort ist mir für diese Entwicklung viel zu groß." Eine "leichte Erholung" aber könne man bei den Reallöhnen im kommenden Jahr erwarten, sagt der Chef des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung SPIEGEL ONLINE. Nach den neuesten Berechnungen der gewerkschaftsnahen Einrichtung werden die inflationsbereinigten Reallöhne in Deutschland 2008 um immerhin 0,5 Prozent steigen.

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Die Gesamtprognose für das kommende Jahr veröffentlicht das IMK am 20. Dezember. Das Reallohnplus berechnet sich darin so: Die Inflation werde bei etwa zwei Prozent liegen, sagt Horn. Die Tariflöhne auf Stundenbasis werden den Ökonomen vom IMK zufolge im Schnitt um 2,3 Prozent steigen. Die effektiven Stundenlöhne - also das, was die Arbeitgeber tatsächlich zahlen - sogar um rund 2,5 Prozent. Sollten sich die Berechnungen bestätigen, wäre das das erste Mal seit Jahren, dass die effektiven Löhne gesamtwirtschaftlich gesehen über den Tariflöhnen liegen. Und es wäre die erste Reallohnsteigerung seit Jahren.

2004 etwa sanken die inflationsbereinigten Gehälter nach Zahlen des Statistischen Bundesamts um 1,2 Prozent, 2005 um 1,3 Prozent und 2006 um 0,9 Prozent. Sogar 2007 mussten die Arbeitnehmer dem IMK zufolge trotz Wirtschaftsboom effektiv ein Lohnminus von durchschnittlich 0,3 Prozent hinnehmen. Die teils hohen Tarifabschlüsse dieses Jahr (siehe Tabelle) konnten an dieser Entwicklung nichts ändern: Auch wenn in den Verträgen oft drei oder sogar über vier Prozent Lohnsteigerung vereinbart wurden, stiegen die Tariflöhne auf Stundenbasis berechnet im Schnitt um nur 1,9 Prozent, die effektiven Verdienste sogar nur um 1,8 Prozent. Die Inflation wird laut IMK-Berechnungen 2007 zudem einen Durchschnitt von 2,1 Prozent erreichen. Insgesamt können sich die Arbeitnehmer von ihrem Lohn also weniger leisten.

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Die positive Lohnentwicklung, die es laut IMK kommendes Jahr geben soll, überrascht angesichts der düsteren Prophezeiungen vieler anderer Ökonomen. Der viel gefeierte Wirtschaftsboom wird demnach abflauen. Wegen des extrem hohen Euro-Dollar-Kurses und des steigenden Ölpreises wurden viele Prognosen für das kommende Jahr sogar drastisch gesenkt. Laut ifo-Institut ist 2008 nur noch mit einem Wachstum von 1,8 Prozent zu rechnen - nach 2,5 Prozent in diesem Jahr. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) erwartet 1,9 Prozent, das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung traut der deutschen Wirtschaft nächstes Jahr sogar nur ein Plus von 1,7 Prozent zu.

Auch Finanzexperten sind pessimistisch: Ihre mittelfristigen Erwartungen misst das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in regelmäßigen Abständen. Im Dezember sank das Stimmungsbarometer um 4,7 Punkte auf minus 37,2 Punkte - und damit auf den niedrigsten Stand seit Januar 1993.

Und auch Horn sagt: "Das Wachstum wird im kommenden Jahr deutlich geringer ausfallen als bislang prognostiziert." Und Schuld an der unerwartet schlechten Lage ist seiner Auffassung auch, dass der Aufschwung an vielen Normal-Bürgern bisher vorbei gegangen ist. Denn das anhaltende Sinken der Reallöhne hat den Leuten die Einkaufslust verdorben: "Der Binnenkonsum ging dieses Jahr um 0,2 Prozent zurück. Das gab es in einem Aufschwungjahr noch nie", sagt Horn.

Dabei habe auch die Erhöhung der Mehrwertsteuer zum Anfang des Jahres erheblichen Schaden angerichtet: "Ohne Mehrwertsteuererhöhung hätte das Wachstum dieses Jahr bestimmt über drei Prozent betragen", so der Ökonom. Nur die hohe Nachfrage nach deutschen Produkten im Ausland hätte die Konjunktur gerettet. Nach den IMK-Berechnungen zog der Export in diesem Jahr um 7,6 Prozent an. "Wir hatten mit weniger gerechnet".

Nächstes Jahr werden aber auch die Ausfuhren nicht mehr für ähnliche Wachstumsraten wie dieses Jahr sorgen können. Und viele Gesetzesänderungen, auf die die Regierung hofft, werden Horns Meinung nach "größtenteils verpuffen". So etwa die geplante Unternehmensteuerreform. "Solche Steuerreformen haben generell weniger Wirkung als Ausgabensenkungen", sagt Horn.

Dass die Reallöhne 2008 trotzdem etwas anziehen werden, sei ein später Effekt des diesjährigen Booms, sagt Horn - und kein Grund für übertriebene Euphorie, findet der Ökonom außerdem. "Dazu ist der Zuwachs zu gering." Die Gewerkschaften sollten kommendes Jahr deshalb auch trotz der nachlassenden Konjunktur ruhig ordentliche Forderungen stellen, findet Horn. "Der Verteilungsspielraum ist noch nicht abgeschöpft." 3,5 Prozent durchschnittliche Steigerung seien im kommenden Jahr volkswirtschaftlich sinnvoll.

Und sollte die Wirtschaft 2008 doch noch mehr an Kraft verlieren als bisher erwartet oder aber die Preise zögen stärker an, würde der jetzt prognostizierte Reallohnzuwachs schnell wieder zunichte gemacht. Die großen Unbekannten in der Rechnung: der Euro- und der Ölpreis. Derzeit geht das IMK für 2008 von einem Durchschnittsölpreis von 95 Dollar pro Barrel (159 Liter) aus. Der Euro werde "die 1,50 Dollar im Blick" haben, glaubt Horn. Doch gerade bei diesen Zahlen haben sich Ökonomen auch in der Vergangenheit schon oft verrechnet.



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