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SPIEGEL-Selbstkritik Wo wir mit unseren Prognosen richtiglagen – und wo nicht

Jahr für Jahr geben SPIEGEL-Redakteure Einschätzungen ab, wie sich die Wirtschaft entwickeln wird. Hat 2019 gehalten, was wir vorausgesagt haben?
aus DER SPIEGEL 2/2020
Foto: KARSTEN THIELKER

Der Aufstieg von Jennifer Morgan an die Spitze des Walldorfer Softwarekonzerns SAP begann mit einem Gefühl der Verwunderung. Ihr Foto war im Oktober 2019 wirklich in jeder deutschen Zeitung zu sehen. Denn sie hatte geschafft, was vor ihr keiner Kollegin gelungen war: "Ich fand es sehr überraschend, dass ich die erste Frau bin, die ein Dax-Unternehmen führt", sagte Morgan danach.

SPIEGEL-Leser dürfte es weniger verblüfft haben. Vor einem Jahr hatte die Wirtschaftsredaktion neun Prognosen formuliert, wie 2019 verlaufen könnte. Es ging um große Fragen: Wird es zum Brexit kommen? Kann ein Handelskrieg ausbrechen? Gelingt es der Autoindustrie, die Entwicklung zur Elektromobilität anzutreiben – oder wird sie getrieben? Und natürlich: Wird bis Ende des Jahres eine Frau Vorstandschefin sein? Ein Jahr später ist es Zeit, die Einschätzungen – wie im damaligen Text versprochen – zu überprüfen.

So viel lässt sich sagen: Mit den meisten Thesen lagen wir gut, zum Beispiel mit dem Ausblick auf die Konjunktur. Der Aufschwung werde sich abschwächen, eine Rezession könne aber abgewendet werden, lautete der Tenor.

Die Zahl der Erwerbstätigen werde mit mehr als 45 Millionen einen Höchststand erreichen, hieß es damals – derzeit sind es 45,3 Millionen. Das Steueraufkommen steige auf mehr als 800 Milliarden Euro – die Summe ist annähernd erreicht. Und die Zahl der Arbeitslosen könnte weiter sinken – sie rutschte zwar nicht unter zwei Millionen wie prognostiziert, aber die Tendenz stimmte.

Brexit-Demonstranten

Brexit-Demonstranten

Foto: EVENING STANDARD / INTERTOPICS/ EYEVINE

Angemessen war auch der Ausblick, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt. Das globale Wachstum fällt mit voraussichtlich gut drei Prozent etwas geringer aus als erwartet. Der neue Protektionismus schwächt die Volkswirtschaften, der Austausch von Waren und Dienstleistungen zwischen den USA und China leidet. Der Konflikt der Supermächte ist jedoch – wie prognostiziert – nicht eskaliert, sondern hat sich in Teilen sogar entschärft. "Erst wird gedroht, dann verhandelt", lautete damals die Einschätzung.

In der Brexit-Frage schlugen wir als wahrscheinliches Szenario ein Abkommen mit der Europäischen Union vor. Und so kam es auch. Am 17. Oktober haben die EU-Staaten einen Brexit-Deal gebilligt. Dass der Austrittstermin zwischenzeitlich dreimal verschoben wurde, haben wir nicht vorhergesehen.

Brauchbar waren auch die Prognosen über die Trends auf dem Immobiliensektor. Seitwärts sei die grobe Richtung, in die sich die Märkte bewegten, so die Erwartung. In der Tat läuft heute das Geschäft je nach Sektor unterschiedlich, mit Handelsflächen ist es zuweilen schwierig, während bei Wohnungen die Dynamik anhält und die Quadratmeterpreise weiter steigen, insbesondere in den Metropolen. "Es werden nach wie vor viel weniger Wohnungen fertiggestellt als nötig." Genauso könnte man es heute wieder schreiben.

Für die deutsche Automobilbranche lautete die apodiktische Vorhersage: "Die Weichen für die große Transformation in der Autoindustrie werden 2019 gestellt" – was kaum übertrieben war: Nichts beschäftigt die Fahrzeughersteller gegenwärtig mehr als die Frage, wie schnell sie Fortschritte in der Frage der Elektromobilität erzielen können.

Containerlager

Containerlager

Foto: JONAS WRESCH

Dass Flugreisen 2019 teurer würden, hat sich bewahrheitet, zwar nicht um gut 7 Prozent, wie damals geschätzt, aber immerhin um 5,2 Prozent (von November 2018 bis November 2019). Ebenfalls zutreffend war das Urteil, dass sich die Vertrauenskrise beim Sozialnetzwerk Facebook auch 2019 fortsetzen würde. Nicht bestätigt hat sich die Vermutung, dass Sheryl Sandberg, die Vertraute von Unternehmensgründer Mark Zuckerberg, ihren Job verlieren könnte. Dafür wanderten andere hochrangige Manager bei Facebook ab.

In einem Punkt allerdings lagen unsere Prognosen komplett daneben: Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve hat die Leitzinsen nicht angehoben, sondern in drei Schritten gesenkt, zuletzt im Oktober.

Und dass die Zinsentscheidungen aus Washington nichts Gutes für Aktionäre bedeuten würden, hat sich damit auch als Trugschluss erwiesen: Der Dow Jones ist im vergangenen Jahr um 20 Prozent gestiegen.

Acht von neun Thesen haben halbwegs gepasst. Das ist eine ordentliche Quote, zumal es Anfang vergangenen Jahres keinesfalls naheliegend war, dass es, wie wir geahnt hatten, in den kommenden zwölf Monaten eine Frau an die Spitze eines Dax-Konzerns schaffen könnte. Jennifer Morgan hatten wir nicht auf dem Plan.

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