Prognosen Ökonomen erwarten mehr als vier Millionen Arbeitslose

Die Rezession gewinnt an Schärfe: Immer mehr Konjunkturforscher rechnen damit, dass der Abschwung in Deutschland bis Ende 2010 andauert. Mit gravierenden Folgen für den Arbeitsmarkt - die Experten fürchten, dass die Arbeitslosigkeit die Vier-Millionen-Marke deutlich überschreiten wird.

Kiel - Es sind beeindruckende Zahlen, die das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) vorgelegt hat: Für 2009 rechnet es mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung um 3,7 Prozent, teilte das IfW an diesem Donnerstag in Kiel mit. Im Dezember waren die Forscher noch von einem Minus von 2,7 Prozent ausgegangen. Auch für das kommende Jahr geht das Institut nun von einer negativen Rate von 0,1 Prozent aus. Bislang wurde ein leichtes Wachstum von 0,3 Prozent veranschlagt.

Maschinenbau: Wirtschaftsleistung sinkt wie seit Jahrzehnten nicht

Maschinenbau: Wirtschaftsleistung sinkt wie seit Jahrzehnten nicht

Foto: AP

Eine Stabilisierung der Konjunktur erwarten die Forscher im kommenden Jahr, ein spürbares Wachstum sogar erst zum Jahresende 2010.

Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) rechnet für dieses Jahr mit einem Rückgang des BIP um sogar 3,8 Prozent. Seit Herbst 2008 habe sich der Abschwung in einem Maße verschärft, das über eine zyklische Rezession deutlich hinausgehe, erklärte das HWWI am Donnerstag. Die Experten rechnen nicht mit einem raschen Aufschwung, glauben aber zumindest, dass sich die Lage bis zur Jahresmitte stabilisiert.

Auch die Europäische Zentralbank (EZB) rechnet erst 2010 mit einer Erholung der derzeit kriselnden Wirtschaft. Jüngste Wirtschaftsdaten und Umfrageergebnisse hätten weitere Belege dafür geliefert, "dass die Nachfrage weltweit wie auch im Eurogebiet im laufenden Jahr sehr schwach sein dürfte", schreibt die Notenbank in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Monatsbericht für März. Im nächsten Jahr werde dann "mit einer allmählichen Konjunkturerholung gerechnet".

Erstmals seit den 1930er Jahren rechnen die IfW-Forscher auch mit einem Abrutschen der gesamten Weltkonjunktur in eine Rezession. "Die Weltkonjunktur ist zum Ende des vergangenen Jahres deutlich stärker eingebrochen als von uns erwartet", begründet das IfW die gesenkten Prognosen. Für das laufende Jahr wurden die Erwartungen für die Weltproduktion nochmals deutlich reduziert. Nun werde ein Rückgang um 0,8 Prozent erwartet. Im Dezember waren die Experten noch von einem moderaten Wachstum um 0,4 Prozent für 2009 ausgegangen. Für das kommende Jahr rechnet das IfW indes mit einer etwas deutlicheren Erholung der Weltwirtschaft als bislang. Es wird ein Zuwachs um 2,1 Prozent nach bislang 1,9 Prozent erwartet.

"Die Rezession hat inzwischen alle Regionen erfasst", hieß es in dem Bericht. "Zwar bemühen sich die Regierungen und Notenbanken, den Bankensektor zu stabilisieren und die Konjunktur anzuregen." Eine konjunkturelle Wende sei allerdings vorerst nicht in Sicht. Auch der für das kommende Jahr erwartete Anstieg bleibe sehr mäßig.

Arbeitslosenzahl über vier Millionen

Die schlechten Wirtschaftsdaten haben auch Folgen für den Arbeitsmarkt, die Aussichten hätten sich deswegen stark eingetrübt, hieß es. Im Herbst 2009 dürften weit über eine dreiviertel Million mehr Menschen ohne Stelle sein als zu Jahresanfang, prognostizierten die IfW-Forscher. Im Jahresschnitt bedeute das einen Anstieg der Zahl der Arbeitslosen um 400.000 auf 3,6 Millionen. Im kommenden Jahr werde sich der Jobabbau fortsetzen, im Schnitt dürfte die Erwerbslosenzahl um 600.000 auf 4,3 Millionen steigen. Die Arbeitslosenquote werde auf 10,2 Prozent klettern und damit den höchsten Stand seit 2006 erreichen. Die HWWI-Experten gehen dagegen nur von einem Anstieg auf gut vier Millionen aus.

Zwar rechnen die Forscher damit, dass das milliardenschwere Konjunkturpaket der Bundesregierung Wirkung zeigt. In der zweiten Jahreshälfte 2009 werde vor allem die Bauwirtschaft anziehen. "Allerdings wird der Impuls, der dadurch auf die Konjunktur ausgehen wird, geringer sein als vielfach erwartet", schrieben sie.

Einerseits sei es unrealistisch, dass die staatlichen Bauinvestitionen so schnell aufgestockt werden könnten wie geplant. Andererseits reichten die Kapazitäten bei den Baufirmen nicht aus, so dass mit einem deutlichen Anstieg der Baupreise zu rechnen sei. Insgesamt dürfte die Wirtschaftsleistung mit dem Konjunkturpaket um etwa 0,75 Prozent höher ausfallen als ohne.

Geringes Lohnplus bremst Auswirkungen auf Jobmarkt

Ähnlich pessimistisch fällt die Prognose des IAB-Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit aus - aus seiner Sicht wird die Wirtschaftskrise den Arbeitsmarkt womöglich härter treffen als bislang erwartet. "Wenn wir die Winterarbeitslosigkeit berücksichtigen", sei es möglich, dass die Zahl von vier Millionen bei den Arbeitslosen überschritten werde, sagte IAB-Konjunkturexpertin Sabine Klinger. "Ob das bereits zur Bundestagswahl der Fall sein wird, bezweifele ich, weil September und Oktober saisonal bedingt gute Monate sind." Im September hatte das IAB noch mit einem Rückgang der Jahresarbeitslosenzahl 2009 auf 3,16 Millionen gerechnet.

Auswirkungen der tiefen Rezession auf dem Arbeitsmarkt werden nach Einschätzung der IAB-Forscher von mehreren Faktoren gebremst. Die strukturelle Arbeitslosigkeit sei gesunken, und der Arbeitsmarkt profitiere von der moderaten Lohnentwicklung der vergangenen Jahre. Zudem drängen aus demografischen Gründen 150.000 Menschen weniger auf den Arbeitsmarkt. Positiv sei auch das Konjunkturprogramm der Bundesregierung, das Beschäftigung erhalten solle. Dazu gehört auch die Erleichterung von Kurzarbeit, mit der Unternehmen Auftragsflauten für eine begrenzte Zeit ohne Entlassungen überbrücken können.

mik/sam/dpa-AFX/Reuters
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