Projekte in Not Offshore-Windkraft kämpft mit der Finanzkrise

Im großen Stil wollen Bundesregierung und Energiekonzerne Windkraftanlagen vor der deutschen Küste aufbauen. Doch die Finanzkrise und Grenzstreitereien blockieren die Projekte. Nun soll ein Offshore-Gipfel im Umweltministerium die Wende bringen.

Von Sebastian Knauer


Hamburg - In der Nordsee toben derzeit kräftige Winterstürme. Meterhohe Wellen schlagen gegen eine jüngst vor Borkum verankerte Plattform, die später als Umspannwerk für zwölf große Windanlagen des ersten deutschen Offshore-Windparks Alpha Ventus der Konzerne Vattenfall Chart zeigen, E.on Chart zeigen und EWE dienen soll.

Offshore-Windanlage (vor Dänemark): "Eine gefährliche Krise"
AFP

Offshore-Windanlage (vor Dänemark): "Eine gefährliche Krise"

Eigentlich ein gutes Wetter für die Windmüller, die mit den kräftigen Winden ihre riesigen Rotoren auf hoher See antreiben wollen. Doch von den ersten sechs Windtürmen, hoch wie der Kölner Dom, die noch 2008 kohlendioxidfrei Strom erzeugen sollten, ist bis zum Horizont nichts zu sehen.

Mit Spezialschiffen waren die riesigen, dreibeinigen Fundamente aus Norwegen zum Einbau 45 Kilometer vor der deutschen Küste bereits angeliefert worden. Hoher Seegang und starker Wind vereitelte jedoch den Baubeginn. Jetzt liegen die Bauteile wieder an einem Ausrüstungskai im niedersächsischen Wilhelmshaven.

Der Zeitverzug kommt den Beteiligten vor wie ein böses Omen. Die Pioniertechnik soll der Bundesrepublik eigentlich helfen, bis 2020 rund 40 Prozent Treibhausgase einzusparen und so die selbstgesteckten Ziele zu erreichen. "Wir schlittern bei der Offshore-Windkraft in eine gefährliche Krise", urteilt nun Fritz Vahrenholt, Geschäftsführer der RWE-Tochterfirma Innogy, die selbst Windparks vor der britischen Küste betreibt.

RWE Innogy sicherte sich im Dezember durch den Erwerb der niedersächsischen Projektentwicklungsgesellschaft Enova Energieanlagen einen ersten deutschen Standort 40 Kilometer nordwestlich der Nordseeinsel Juist. Mit dem jetzigen Einstieg bei der Projektgesellschaft will das Unternehmen einen deutschen Windpark mit voraussichtlich 960 Megawatt fertigstellen. Der Offshore-Park Innogy Nordsee 1 soll dann so viel Strom wie ein Kernkraftwerk liefern. Die Gesamtinvestitionen kalkulieren die Verantwortlichen mit 2,8 Milliarden Euro. Geplante Inbetriebnahme: 2015.

Doch bringt die Finanzkrise die ambitionierten Pläne der Energiekonzerne ins Wanken. Während die Großkonzerne gefüllte Kassen für den Ausbau der erneuerbaren Energien haben, klemmt es bei den Kleinen.

Entgegen allen Bekenntnissen zum Klimaschutz zögern die Banken gegenüber den meist stark fremdfinanzierten Projektentwicklern mit Kreditzusagen. Zudem haben sich kleinere Windparkinvestoren bei der aufwendigen Pioniertechnik offenbar übernommen. Und die großen Konzerne E.on oder EWE sperren sich, die teuren Leitungen zur Einspeisung des Offshore-Stroms jetzt schon zu verlegen, da noch gar keine Offshore-Windparks betriebsbereit seien.

Am Donnerstag fand im Bundesumweltministerium ein weiterer "Offshore-Gipfel" zu den Finanznöten der Öko-Stromer statt. Ergebnis: Im neuen Konjunkturpaket II soll auch die Off-Shore-Branche berücksichtigt werden. Tatsächlich hat der Bundesverband Windenergie in einer Umfrage unter den Mitgliedsfirmen ermittelt, dass "wegen der Finanzkrise momentan keine großen Offshore-Projekte realisierbar" seien.

"Finanzen bereiten Probleme"

Die Zeit drängt, denn vor allem kleinere Unternehmen stehen mit dem Rücken zur Wand. So musste der erste Bürgerwindpark Butendiek, der schon 2006 insgesamt 80 Anlagen vor der Nordseeinsel Sylt in Betrieb nehmen wollte, seinen Zeitplan deutlich anpassen. Nur der Einstieg des irischen Windinvestors Airtricity macht die Realisierung von Butendiek noch realistisch.

Ähnlichen Gegenwind verzeichnete der Windpark Nordergründe von Energiekontor, der 18 große Fünf-Megawatt-Anlagen in die Wesermündung stellen will. Die Finanzierung konnte nur mit Hilfe einer niederländischen Bank sichergestellt werden. Für den Geschäftsführer des Offshore-Projekts Sandbank 24, Ubbo de Witt, ist der "Zeitplan für das Klimaprogramm der Bundesregierung durch den verzögerten Offshore-Ausbau gefährdet."

"Wir halten an unseren Zielen für die Errichtung der Offshore-Windparks fest", sagt dagegen Michael Schroeren, Sprecher von Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD). "Aber die Finanzen bereiten in der Tat Probleme", fügt er hinzu.

Dabei feiert Gabriel den Ausbau der Windkraft gern als "kleines deutsches Wirtschaftswunder". So sind beim Hamburger Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrografie inzwischen rund 40 Windparks mit insgesamt fast 3000 Mühlen für Nord- und Ostsee beantragt. Zur zügigeren Abwicklung sollen dem Amt einige neue Stellen bewilligt werden, die aus erhöhten Antragsgebühren finanziert werden sollen. Genehmigt sind von den deutschen Offshore-Parks 20 Projekte.

Nach dem 2004 novellierten Gesetz über die Erneuerbaren Energien sollen die leistungsstarken Rotoren auf See wesentlich dazu betragen, den Anteil grünen Stroms von derzeit 14 Prozent bis 2020 mehr als zu verdoppeln.

Auch Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee, dessen Bundesamt für Seeschifffahrt die Interessenskonflikte der Windtürme mit den Wasserstraßen und dem Naturschutz austragen muss, setzt voll auf die Offshore-Anlagen. Er will eine zukünftige Flotte von Elektroautos vor allem mit dem Strom aus dem Wind speisen

Doch bis heute liefert kein einziger Windpark vor der Küste saubere Energie. Lediglich eine Versuchsanlage des Herstellers Enercon steht einige Meter entfernt vom Ufer bei Emden im Meer. Und die Firma Nordex hat im mecklenburgischen Rostock, 500 Meter entfernt von der Ostseeküste, eine Anlage in Betrieb. "Das ist für uns alles nearshore und nicht offshore", sagt Ulf Gerder vom Bundesverband Windenergie.

Grenzstreit mit den Niederlanden

Auch die Eröffnung eines weiteren "ersten deutschen Offshore-Windpark" war eher ein PR-Gag. Eigens reiste Minister Gabriel Ende Oktober zum Fototermin dazu in das friesische Hooksiel. Zusammen mit dem Investor Arngolt Bekker, 73, sendete Gabriel ein Lichtsignal, um die Fünf-Megawatt-Anlage in unmittelbarer Küstennähe in Betrieb zu nehmen. Wenigstens die großen deutschen Energiekonzerne investieren derzeit in die Windenergie auf hoher See - allerdings vor allem in Großbritannien und den Niederlanden.

Zu allem Überfluss behindern auch noch Grenzstreitereien den Ausbau. Zum Zankapfel zwischen Deutschland und den Niederlanden gerieten sechs Quadratkilometer Meeresboden des geplanten Windparks Riffgat nordwestlich von Borkum.

Zwar hat das örtliche Gewerbeaufsichtsamt Anfang 2008 der Firma Enova Energieanlagen, die jüngst von RWE Innogy übernommen wurde, schon einen positiven Vorbescheid für die Aufstellung von 44 Offshore-Anlagen zugestellt. Doch in ungewöhnlich scharfen Ton rügte der niederländische Außenminister Maxime Verhagen das deutsche Vorgehen, das "nicht mit europäischen Rechtsvorschriften vereinbar" sei.

Auch würden die über 100 Meter hohen Windmühlen vor der Nordseeinsel Schiermonnikoog gegen die "niederländische Horizontschutzpolitik" verstoßen. Die Winterstürme in der Nordsee wirken angesichts dieser Probleme noch wie das geringste Hindernis.



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