»Missbräuchlich und traumatisierend« ProSieben irritiert mit »Needle-Spiking«-Produktion

Eine Gruppe junger Frauen erhebt schwere Vorwürfe gegen ProSieben. Hat der Sender für ein TV-Experiment Nadelattacken in einem Klub simuliert? Ein Sprecher dementiert: Man habe lediglich einen Textmarker verwendet.
Zervakis & Opdenhövel: Beitrag über »Needle Spiking«

Zervakis & Opdenhövel: Beitrag über »Needle Spiking«

Foto: Michael De Boer / dpa

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Als sich Marie Becker Ende August mit Freundinnen in einem Berliner Klub zum Feiern traf, rechnete sie nicht damit, Teil eines Experiments zu werden. Sie sah das Din-A4-Plakat, das am Eingang hing und schmucklos auf »Dreharbeiten« hinwies. Sie erkundigte sich bei Sicherheitsleuten nach der Art der Aufnahmen, doch niemand wusste Genaueres. Und sie nahm das Kamerateam wahr, das neben der Garderobe eine kleine Interview-Ecke aufgebaut hatte. »Uns hat das alles nicht gestört, wir gingen von einem Beitrag über das Nachtleben in Berlin aus«, erinnert sich Becker. Sie war neugierig, nicht nervös. Hier möchte sie nicht mit ihrem echten Namen erscheinen.

Wenig später spürte die 27-Jährige beim Tanzen plötzlich einen Stich auf ihrem rechten Oberarm. Und sie sah, wie eine Frau an ihr vorbeihuschte. »Es fühlte sich wie Impfen an«, sagt Becker. Ein Piks, wie von einer spitzen Nadel.

Vorfälle in ganz Europa

Attacken dieser Art wurden in den vergangenen Monaten in ganz Europa aktenkundig – bekannt unter dem Namen »Needle Spiking«. In Großbritannien, Frankreich und Deutschland meldeten Betroffene auf Festivals und in Klubs, dass sie mit einer Nadel gestochen worden seien. Zahlreiche Frauen fühlten sich daraufhin unwohl, beklagten Symptome, die der Vergiftung mit K.o.-Tropfen oder ähnlichen Substanzen ähneln. Das Berliner Berghain warnt mittlerweile auf seiner Website, man solle beim Feiern aufeinander achtgeben.

Wie groß das Problem tatsächlich ist, ist unbekannt, vor allem medial wurde es stark aufgegriffen. Auch Marie Becker hatte davon gelesen – und war dementsprechend besorgt. Zum einen, weil sie den Klub, ein LGBTQ-freundliches Lokal in Berlin-Friedrichshain, bis dahin als sicheren Ort wahrgenommen hatte, als »Safe Space«, wie sie sagt. Zum anderen, weil sie in der Vergangenheit selbst Erfahrungen mit K.o.-Tropfen gemacht hatte. »Ich hatte panische Angst vor einem Kontrollverlust«, sagt sie. Und davor, plötzlich ohnmächtig zu werden.

Streit an der Garderobe

Also habe sie ihre Freundinnen darum gebeten, auf sie aufzupassen, leuchtete mit einer Taschenlampe auf die vermeintliche Einstichstelle, ohne etwas zu finden. An die Dreharbeiten dachte Becker nicht mehr, sagt sie. Das änderte sich rund eineinhalb Stunden später, als eine Bekannte die Clubbetreiber alarmieren wollte – wegen eines ähnlichen Stichs am Arm. »Wir haben daraufhin als Gruppe beschlossen, sofort zu gehen«, sagt Becker. Keine Sekunde länger wollte sie in dem Klub verbringen. Erst am Ausgang sei sie schließlich von dem Kamerateam angesprochen worden: Ob ihr denn etwas an dem Abend aufgefallen sei?

Mehrere Zeugen berichten davon, dass es anschließend zu einem Streit gekommen sei. »Wir haben uns beschwert, meine Bekannte wollte die Polizei rufen«, erinnert sich Becker. Eine Verantwortliche des Senders sei daraufhin in Tränen ausgebrochen, die Frauengruppe verließ geschlossen den Klub.

Dass die Kontroverse öffentlich wurde, hat mit Beckers Freundin Marie Luise Ritter zu tun. Die Journalistin und Autorin erzählte in einer Instagram-Story von dem Vorfall und rief ihre Follower und Followerinnen dazu auf, den Beitrag zu finden, wenn er denn ausgestrahlt wird. Auch sie habe schon Erfahrungen mit K.o.-Tropfen gemacht, erzählt Ritter – und erhebt schwere Vorwürfe gegen den Sender und die beteiligte Produktionsfirma:

»So was kann retraumatisierend sein, so was kann Panikattacken auslösen«, sagt sie. Und überhaupt: Welche Nadel wurde benutzt? Wurde sie desinfiziert, war sie steril? Oder war es eine »dreckige Sicherheitsnadel«?

Marker statt Nadel

Beim Sender widerspricht man der Darstellung der Frauen entschieden. Es habe sich bei den angesprochenen Dreharbeiten um einen geplanten Beitrag zum Thema »Needle Spiking« für die Sendung »Zervakis & Opdenhövel« gehandelt, sagt Sendersprecher Christoph Körfer. Zwar sei es richtig, dass die betroffene Person unwissentlich »Teil des Versuchs« wurde – gepikst habe man aber niemanden. Die Besucherinnen seien vielmehr heimlich mit einem Textmarker markiert worden. »Das ist komplett ungefährlich.«

Auch den Vorfall selbst schildert ProSieben anders als mehrere Zeuginnen, die an dem Abend anwesend waren: »Unmittelbar nachdem das TV-Team erkannt hat, dass die Dame nach der Berührung mit dem Textmarker verunsichert ist, wurde sie von unserer Reporterin aufgeklärt.« Man habe Frau Ritter und ihre Freundinnen sofort informiert, dass es sich nicht um eine Nadel, sondern um einen Textmarker handelte und worum es in dem Experiment ging. »Niemand wurde über ›mehrere Stunden‹ im Unklaren gelassen.«

»Missbräuchliche Situation«

Becker nennt diese Darstellung gegenüber dem SPIEGEL »krass unwahr«. Im Gegenteil habe sie sich bis heute gefragt, ob der Sender sie jemals über den Inhalt des Experiments aufgeklärt hätte, wäre sie dem Kamerateam nicht zufällig beim Verlassen des Klubs in die Arme gelaufen. Von einem angeblichen Textmarker habe sie erstmals durch die Antwort des ProSieben-Sprechers erfahren.

»Ich empfand die ganze Situation als sehr missbräuchlich«, sagt die 27-Jährige. Der Sender habe bewusst Frauen in Angst versetzt und verunsichert, um die Reaktion mit versteckter Kamera zu filmen. Sie verstehe das journalistische Anliegen, Menschen über Nadelattacken aufzuklären, sagt Becker. Aber: »Wenn man über Traumata informieren will, sollte man dabei vielleicht nicht erneut Menschen traumatisieren.«

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