ProSiebenSat.1 Rohner erst entmachtet, dann abgelöst

Seit Monaten wurde über eine Ablösung von Konzernchef Urs Rohner spekuliert. Nun hat sich Haim Saban von der Kirch-Altlast getrennt. Rohners Nachfolger stand schon seit Wochen fest.

Von Martin Scheele


Urs Rohner: Ende bei ProSiebenSat.1
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Urs Rohner: Ende bei ProSiebenSat.1

München - ProSiebenSat.1 Chart zeigen trennt sich zum 30. April von seinem Vorstandschef Urs Rohner. Nachfolger wird der Belgier Guillaume de Posch. Für Branchenkenner kommt die Ablösung von Rohner, dem die Entscheidung offenbar gestern von Haim Saban persönlich mitgeteilt wurde, nicht überraschend. "Durch den Einzug von de Posch in das Unternehmen hatte Rohner nicht mehr viel zu sagen", so ein Unternehmenskenner gegenüber manager-magazin.de.

Einst von Kirch aus der Schweiz importiert gab Rohner Zeit seiner Führung eine traurige Figur ab - erst recht im Vergleich mit seinem charismatischen Vorgänger Georg Kofler. Unter Rohners Führung hat sich der Abstand zum Marktführer RTL vergrößert.

Stuhl von Vorstand Doetz wackelt

De Posch, der als Vertrauter des ProSiebenSat.1-Hauptaktionärs Haim Saban gilt, war kurz nach dessen Einstieg in das Medienunternehmen in den Vorstand gerückt und wurde zum Chief Operating Officer berufen. Dem Führungsgremium gehören ebenso Peter Christmann (Vertrieb), Jürgen Doetz (Medienpolitik) und Lothar Lanz (Finanzen) an. Doetz und Lanz waren bereits vor dem Einstieg von Saban im Vorstand. Doetz' Posten wackelt allerdings auch, berichten Unternehmenskenner.

Im November und Dezember 2003 waren die Vorstände für Fernsehen und Information, Ludwig Bauer und Claus Larass, ausgeschieden. Beim Sender Sat.1 war es durch das Engagement von Saban auch zu personellen Veränderungen gekommen. So wurde der bisherige Geschäftsführer Martin Hoffmann durch den Schweizer Roger Schawinski ersetzt. Verabschiedet hatte sich auch Sat.1-Chefredakteur Jörg Howe, der in die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit bei KarstadtQuelleChart zeigen wechselte.

Warum kommt die Ablösung von Rohner gerade zu diesem Zeitpunkt? Die Antwort ist für Unternehmenskenner eindeutig: Saban hat an Rohner zum einen festgehalten, um die Kapitalerhöhung (280 Millionen Euro) nicht durch Führungsfragen zu gefährden und das Vertrauen der Anleger einzubüßen. Mittlerweile hat der Konzern gute Zahlen vorgelegt. Der Gewinn hat sich in 2003 verdreifacht, ein rigider Sparkurs wurde durchgesetzt. Der Aktienkurs hat sich leicht gebessert.

Zweitens mangelte es Saban an Alternativen. Gerhard Zeiler und Georg Kofler hatten für den Posten abgesagt. Drittens war Rohner angeblich auch bei Sabans Übernahme behilflich und wehrte lästige Mitbewerber um ProSiebenSat.1 ab. Zum Dank wurde Rohners Vertrag bis 2006 verlängert. Er bekommt schätzungsweise eine Million Euro Gehalt.

Rohners Nachfolger, der Belgier de Posch, gilt als Pay-TV-Experte. Er ist deshalb genau der richtige Mann für eine mögliche Fusion von Premiere und ProsiebenSat.1, die gemeinsam stärker beim Poker um die Bundesliga-Rechte auftreten könnten.



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