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28. Februar 2007, 20:53 Uhr

Protest im Airbus-Werk Varel

"Wir gehen jetzt nach Hause"

Von , Varel

Ein Befreiungsschlag sollte der Sanierungplan "Power8" für den krisengeplagten Airbus-Konzern werden. Doch jetzt geht der Ärger erst richtig los: Die Belegschaft wehrt sich. Im niedersächsischen Varel streiken die Beschäftigten gegen den angekündigten Verkauf des Werkes.

Varel - Plötzlich kommen alle vom Hof gestürmt, durch die Schranke, in Richtung Parkplatz, viele haben rote IG-Metall-Käppies auf dem Kopf, andere Airbus-Mützen. Es regnet und windet, die einen rennen auf den Parkplatz zum Auto, brüllen den Journalisten im Vorbeigehen nur ein "Wir gehen jetzt nach Hause" zu. Andere reden sich die Empörung vom Leibe. "Vor einem Jahr haben wir noch dem A380 bei den ersten Flugversuchen zugeguckt und eine Gänsehaut bekommen", wettert ein Mann. Jetzt habe man wohl ausgedient. Dabei hätten fast alle hier Familie und ein Haus.

Eine Frau steigt wortlos auf ihr Motorrad, rast dann so schnell über den Parkplatz, dass man zur Seite springen muss. "Die haben die Schnauze voll", sagt Betriebsrat Dieter Lange, der gerade dabei ist, ein Plastikbanner am Zaun aufzuhängen: "Wir streiten für unsere Zukunft", steht darauf. "Die Leute sind monatelang im Unklaren gelassen worden", schimpft Lange.

Das, was die Belegschaft heute zu hören bekam, war auch nur das Nötigste. Kurz bevor Airbus-Chef Louis Gallois in Toulouse der Presse seinen Plan präsentierte, wurden die Mitarbeiter in Varel auf den Hof gerufen. Wie bei einer Beerdigung standen sie stumm im Regen, mit aufgespannten Schirmen, und hörten, was der Betriebsrat auch gerade erst mit letzter Sicherheit erfahren hatte: 10.000 Stellen werden bei Airbus gestrichen, 3700 in Deutschland, und vor allem: Varel wird verkauft.

Da erwachte die Trauer-Gemeinde plötzlich zum Leben. Pfiffe wurden laut, rote IG-Metall-Fahnen wurden plötzlich geschwenkt. Und dann der Sturm nach draußen und das Aufhängen der Plastikbanner mit dem Zukunftsschwur. Die waren natürlich längst gedruckt. Der Verkauf war ja immer wieder in der Presse kolportiert worden. "Wir arbeiten heute nicht, morgen nicht, und übermorgen nicht", ruft Betriebsrat Lange. Er wirkt merkwürdig gelöst, wie viele, die noch vor dem Werk stehen. Endlich ist die Katze aus dem Sack. Jetzt kann man loslegen.

1300 Menschen arbeiten im Airbus-Werk Varel. Dass die Rede von Gallois heute das letzte Wort war, glaubt keiner hier. "Morgen beraten wir erst einmal, wie wir weiter vorgehen. Und lassen keinen rein ins Werk oder raus", sagt Lange.

Mit solch heftigem Widerstand hat man in der Airbus-Spitze nicht gerechnet. Dort dachte man bis heute eher, man habe das Schlimmste hinter sich: Monatelang hatten sich Deutsche und Franzosen im Verwaltungsrat um das Sanierungsprogramm "Power 8" gestritten, Politiker drohten, ein erster Präsentationstermin platzte, zuletzt verhandelten sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Staatspräsident Jacques Chirac.

Doch von dem, was schließlich ausgekungelt wurde, hält man im 25.000-Einwohnerstädtchen Varel gar nichts. "Das ist kein Kompromiss: Die A320-Produktion sollte schon immer nach Deutschland kommen, der A380 auch - da wird uns als Zugeständnis verkauft, was keines ist", wettert der stellvertretende Landrat Olaf Lies in die Mikrofone. Das, was "die Herren in Toulouse" für Varel beschlossen haben, werde man hier auf keinen Fall akzeptieren. Gerd-Christian Wagner, der Bürgermeister von Varel, drückt sich etwas vorsichtiger aus: "Das ist unverständlich", sagt er, "wo doch das Werk, also zumindest nach unseren Informationen, hoch profitabel ist", sagt er. "Das ist der worst case."

Denn dass es unter einem neuen Hausherrn im Airbus-Werk nur schlechter werden kann, davon ist man überzeugt. Gleich werde das Werk sicher nicht schließen, heißt es immer wieder. Aber sicher würden viele Jobs gestrichen und die Gehälter gekürzt. "Und vor allem droht das Werk den Anschluss an die Zukunft zu verlieren", sagt Lies in Kameras und Mikrofone. Derzeit werden in Varel vor allem Komponenten und Werkzeuge aus Aluminium gefertigt. CFK - so die Abkürzung für superleichte Kohlefaserverbundstoffe - heißt aber der neue Trend im Flugzeugbau. Und den müsse man auch in irgendeiner Form nach Varel bringen, davon sind die Beschäftigten überzeugt. Und das geht nur mit Airbus.

Eigentlich sollte man glauben, dass die Spitze des Konzerns das so mühsam verhandelte Sparprogramm nicht so einfach zurücknehmen wird. Schließlich hat man monate-, wenn nicht sogar jahrelang an dem komplexen Sanierungsplan gearbeitet und um ihn gestritten. Außerdem ist die Krise, die die Lieferverzögerungen beim A380 ausgelöst haben, die Gelegenheit, um den behäbigen Konzern im Eiltempo schlank zu trimmen. Doch die Entschlossenheit der Vareler lässt Zweifel aufkommen, ob die EADS-Spitze sich nicht doch verkalkuliert hat.

Varel am Nachmittag: Die Belegschaft geht heim, das Protestplakat bleibt.
DPA

Varel am Nachmittag: Die Belegschaft geht heim, das Protestplakat bleibt.

Außer in Varel haben heute auch die Belegschaften der Werke in Nordenham und Laupheim die Arbeit niedergelegt. Und nach langen Fehden zwischen deutschen und französischen Gewerkschaften haben sich sogar die Arbeitnehmervertreter beider Länder endlich zusammengerauft. Gestern wurde ein gemeinsamer Forderungskatalog verkündet. Parallel zu den deutschen Arbeitnehmern gingen heute auch in Frankreich Airbus-Beschäftigte nach der Verkündung von "Power 8" einfach nach Hause.

Gibt es also wirklich noch Chancen, etwa den Verkauf von Varel zu stoppen? Bürgermeister Wagner zieht auf diese Frage nur unschuldig die Augenbrauen nach oben. Zum Streik würde er ja nie aufrufen. Seine Ansage ist deshalb simpel: "Ein Flugzeugbauer kann nur mit Arbeitnehmern Flugzeuge bauen."

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