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Löhner Wiese: Teure Provinzposse

Foto: Matthias Lauerer

Provinzposse 400.000 Euro für eine Wiese

Deutschlands Städten fehlt das Geld, in Löhne in Ostwestfalen ist die Haushaltsnot katastrophal - doch für ein Stück Brachland zahlt das Städtchen seit 20 Jahren eine absurd hohe Pacht. Eine Geschichte von Boris Becker, politischer Schluderei und Steuerverschwendung der extremen Art.

Ganz unschuldig sieht sie aus, die Wiese. Dicht bewachsen, ein paar leere Plastikflaschen liegen auf dem Boden, verschandeln die spätherbstliche Idylle aus goldgelben Blättern unter Regenwolkenhimmel. Zwei Amselweibchen fliegen laut schimpfend in die nahe stehenden großen Eichen.

Die Stadt Löhne hat die Wiese gepachtet. Kosten allein in diesem Jahr: 15.866,88 Euro. Gesamtkosten bis Pachtende: 411.036,92 Euro, so hat es die Stadt ausgerechnet. Eigentlich war der Plan, dass hier Tennisspieler schnelle Bälle schlagen und jagen. Doch daraus ist nichts geworden - und deshalb avanciert die Stadt Löhne jetzt zu einem der krasseren Beispiele für Steuergeld-Verschwendung in der Republik.

Rückblende. Es ist 1989, Deutschland schwelgt im Tennisfieber, im Sommer wird Boris Becker den dritten Titel in Wimbledon holen. In der ostwestfälischen Provinzstadt Löhne will man auch vorne mitspielen. Der "Löhner Tennisclub Rot-Weiß" denkt an den Bau von zwei zusätzlichen Tennisplätzen, in "Eigenregie" - sprich: auf eigene Rechnung. Die Pacht für die 8264 Quadratmeter große Wiese neben dem Klubgelände, auf der das Sportparadies entstehen soll, übernimmt allerdings die Stadt. Und das gleich für fast drei Jahrzehnte.

Denn der Eigentümer der Wiese verbindet den Verkauf eines anderen Grundstücks, das die Stadt für den Bau der Rathausstraße dringend braucht, mit der Pacht - so heißt es zumindest später bei der Verwaltung. Also schlägt der Stadtrat zu. Ein entsprechender Vertrag für die Rasenfläche wird am 26. April 1989 unterschrieben. Er hat eine Laufzeit bis zum 30. September 2017. Der heutige Bürgermeister Heinz-Dieter Held (SPD) arbeitet damals als Stadtkämmerer.

Die Tennisplätze allerdings werden nie gebaut. Weil das Tennisfieber bald nachlässt und die vorhandenen Anlagen ausreichen. So gerät die Wiese in Vergessenheit.

Erst bei einer Sitzung des Sportausschusses Ende 2008 kommt die unglaubliche Pacht-Geschichte ans Licht, so berichtet es zumindest die "Neue Westfälische". Demnach war die Wiese im jährlichen Kostenbericht sonst immer bei den Grünflächen versteckt. Nun wurde die Pacht plötzlich den Kosten der Sportanlage zugerechnet - und trieb diese innerhalb eines Jahres in schwindelerregende Höhe. "Das ist sicherlich ein Zahlendreher, oder?", lautete der verdatterte Kommentar von Lutz Mattern (CDU) zur Endsumme auf dem Papier.

Stadt versinkt in Schulden

288.068,60 Euro hat die ungenutzte Wiese die Löhner von 1989 bis 2009 gekostet, und 122.968,32 Euro kommen für die Jahre 2010 bis 2017 noch hinzu. Mitte Oktober nahm der Bund der Steuerzahler Deutschland (BdSt) den Fall ins Schwarzbuch zur Verschwendung öffentlicher Gelder auf. Jedes Jahr veröffentlicht die Vereinigung die absurdesten Fälle, bei denen Steuergelder ohne Not verschleudert werden. Die Löhner Wiese schaffte es dieses Jahr unter die Top Ten. Die Bürgermeinung zum skurrilen Fall fällt im zugehörigen Internet-Forum saftig aus. "Schön wäre es, wenn der Stadtrat von Löhne jährlich zum Grasen auf die Wiese geschickt würde", wünscht sich da ein Herr Zimmermann. Und "K.S." schäumt: "Selbst wenn man das Geld in den Kamin geworfen hätte, wäre dabei zumindest für 1,5 Minuten Wärme entstanden."

Bei der Stadt Löhne gibt sich der neue Leiter Finanzen Bernd Poggemöller zerknirscht: "Verträge müssen eingehalten werden", sagt er hilflos. Der Landwirt, der die Wiese verpachtet habe, "hat sicherlich ein gutes Geschäft gemacht." Der Bauer selbst ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Für Löhne sind die Kosten eine schwere Last - um die Finanzen der Stadt ist es ohnehin katastrophal bestellt. Ende 2009 wird die 41.000-Einwohner-Stadt dem aktuellen Haushaltsplan zufolge einen Schuldenberg von 8,1 Millionen Euro angehäuft haben.

"Lachnummer der Nation"

Kein Wunder, dass Finanz-Chef Poggemöller "schlechtem Geld kein gutes hinterher werfen" möchte - er gedenkt die Wiese neben dem Tennisclub nun endlich zu nutzen. Im Sportausschuss gebe es einen Prüfauftrag, ob auf dem teuren Gelände nicht wenigstens ein Bolzplatz für Kinder entstehen könnte, sagt der Finanzer. Einen entsprechenden Vorschlag hatte die "Neue Westfälische" in einem ihrer Artikel gemacht.

Beim Bund der Steuerzahler ist man dennoch empört. "So etwas darf einfach nicht passieren. Hier wurde ein Vertrag geschlossen. Doch in ihm fehlt die Absicherung für den Fall, dass die Anlage nicht gebaut wird," sagt Doris Meierjohann, die die Bielefelder BdSt-Niederlassung leitet. "Ärgerlich auch, dass über die Jahre niemand davon erfuhr, weil man die Wiese zu 'Grünflächen' rechnete." Die nun aufkommenden Pläne für einen Fußballplatz hält die 55-Jährige für "den Versuch, nicht zur Lachnummer der Nation zu werden". Sie fragt: "Warum hat man diesen Bolzplatz nicht längst gebaut?"

Und der erste Vorsitzende des Tennisclubs Dieter Niedernolte? Sagt Dinge wie: "Zu dieser Geschichte habe ich keine Meinung." Dann lobt er noch den Kontakt zur Stadt Löhne. Dieser sei "hervorragend".

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