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AFFÄREN Provision für das Netzwerk

Skandal in der Automobilindustrie: Ein Geheimbund von Einkäufern, genannt das »Netzwerk«, hat jahrelang bei Zulieferern von Volkswagen und General Motors abkassiert. Im Zentrum der Ermittlungen steht die Truppe des ausgeschiedenen VW-Kriegers López.
aus DER SPIEGEL 8/1997

Axel Landwehr ist ein Mann für alle Fälle. Der Inhaber der Landwehr Consulting AG im schweizerischen Zollikon bei Zürich ist Personalberater und vermittelt Führungskräfte an Industriekonzerne. Manager des Anlagenbaukonzerns ABB behaupten, daß sich Landwehr auch als Geldeintreiber versucht.

Am 3. September vergangenen Jahres traf sich Landwehr im Hotel Swissôtel in Zürich-Oerlikon mit Vertretern von ABB. In einem dreistündigen Gespräch soll Landwehr die Manager mit einer ungewöhnlichen Forderung konfrontiert haben: ABB habe noch eine Restschuld in Höhe von 1,2 Millionen Mark zu zahlen.

Diese Summe sei fällig für einen Auftrag, den ABB von der VW-Tochter Skoda erhalten habe. Für insgesamt 400 Millionen Mark baute die deutsche ABB-Tochter Flexible Automation die neue Lackieranlage bei Skoda. Es sei vereinbart worden, soll Landwehr gesagt haben, daß der Konzern für den Auftrag eine Provision von fünf Prozent der Gesamtsumme zu zahlen habe. Das sind 20 Millionen Mark.

Nach mehreren Gesprächen mit Landwehr erstattete ABB am 30. Januar gegen den Personalberater Anzeige wegen versuchter Erpressung. Demnach soll Landwehr angegeben haben, deutsche ABB-Manager hätten der Provisionszahlung zugestimmt. Sonst hätte ABB den Zuschlag nie erhalten. Über die Männer im Hintergrund, für die er den noch fälligen Betrag von 1,2 Millionen eintreiben wollte, soll sich Landwehr nur vage geäußert haben.

»Nicht ganz klar waren die Äußerungen Axel Landwehrs«, heißt es in der Anzeige, hinsichtlich der personellen Zusammensetzung des Netzwerkes. Er nannte jedoch unter anderem die Namen von prominenten Vertretern der Automobilindustrie. So wies er in diesem Zusammenhang etwa auf José Manuel Gutierrez, den ehemaligen Chefeinkäufer von VW, und sogar auf den ehemaligen GM- und VW-Topmanager José Ignacio López hin. Landwehr gab indes deutlich zu erkennen, daß auch er selbst zu diesem Netzwerk gehöre.

Gegenüber dem SPIEGEL dementierte Landwehr »die mir zugeschriebenen Äußerungen«. Er sagt, er kenne den mutmaßlichen Schmiergeldfall ABB/Skoda nicht, »ich kenne auch die ehemaligen VW-Manager López und Gutierrez nicht«. Auch López weist die Vorwürfe zurück. »Ich weiß nicht, wer Herr Landwehr ist«, sagt López, und »ich kenne kein Netzwerk«.

Die Zürcher Staatsanwälte nahmen die Anzeige des Weltkonzerns ABB, der für die Landwehr-Äußerungen mehrere Zeugen benannt hatte, sehr ernst: Am Mittwoch vergangener Woche wurden Landwehr und ein weiterer Helfer aus dem schweizerischen Zollikerberg verhaftet.

Die Fahnder durchsuchten Büro- und Privaträume der beiden. Die erste Durchsicht der beschlagnahmten Unterlagen erhärtete den Verdacht, daß es sich nicht um einen Fall von Kleinkriminalität handelt. Die Spuren führen offenbar zu einem großen Schmiergeld-Ring.

Der Personalberater Landwehr, so schildert es die ABB-Anzeige, habe bei den Gesprächen angegeben, »die Auftragsvergabe und -abwicklung in der Automobilindustrie« werde von einem »Netzwerk« kontrolliert.

Dieses Netzwerk soll sogar bis in die USA reichen. Die Truppe kassierte nicht nur Lieferanten ab, die an VW verkaufen wollten. Zahlen mußten seit Jahren auch Zulieferer, die einen Auftrag von General Motors (GM) bekommen wollten. Oft kam nur ins Geschäft, wer eine Provision von meist fünf Prozent des Auftragsvolumens überwies oder in bar aushändigte.

Vor wenigen Tagen meldete sich bei den New Yorker VW-Anwälten der FBI-Ermittler Clark. Im Auftrag des amerikanischen Justizministeriums untersucht Clark mögliche Fälle von Schmiergeld-Zahlungen an Manager von General Motors. Der FBI-Mann ließ durchblicken, rund 120 Personen stünden in dem Verdacht, Schmiergelder gezahlt oder erpreßt zu haben.

Alarmstimmung herrscht deshalb nicht nur bei Volkswagen, sondern auch beim größten Automobilproduzenten der Welt, bei General Motors. Schon im Dezember vergangenen Jahres hatten ABB-Manager ihre VW-Kollegen über den schwerwiegenden Verdacht informiert.

Am Rande des Managementforums in Davos traf sich VW-Chef Ferdinand Piëch vor zwei Wochen mit Spitzenmanagern von General Motors zu einem vertraulichen Gespräch über das heikle Thema. Die Manager aus Wolfsburg und Detroit, jahrelang zerstritten wegen des Vorwurfs der Industriespionage gegen López, entdeckten eine neue Gemeinsamkeit: Sie waren gleichsam schockiert vom Ausmaß der Korruption.

Nach den ersten Erkenntnissen wurden die Gelder auf Nummernkonten in Österreich, der Schweiz und Luxemburg eingezahlt oder von Briefkastenfirmen in Liechtenstein, der Schweiz und Luxemburg eingesammelt. Mitunter waren auch Boten mit Koffern voller Bargeld unterwegs.

Experten von VW und GM gehen davon aus, daß die Schmiergeld-Gang mehrere hundert Millionen Mark eingenommen hat. In einem einzigen Fall, dem Bau der ABB-Lackiererei bei Skoda, hat das Netzwerk nach Erkenntnissen der VW-Revisoren bereits 18,8 Millionen Mark kassiert. Bei den von Landwehr angeblich geforderten 1,2 Millionen handelte es sich nur um die fällige Restzahlung.

Piëch und die GM-Manager vereinbarten ein gemeinsames Vorgehen - kein leichter Schritt für den VW-Chef. Mit der Zahlung von 100 Millionen Dollar an General Motors hat Piëch gerade erst den drohenden Schadensersatz wegen der Affäre López abgewendet, da droht ihm ein neuer Skandal.

López engster Vertrauter Gutierrez wird durch die ABB-Anzeige belastet. Die VW-Ermittler, angeführt vom ehemaligen Reemtsma-Fahnder Dieter Langendörfer, haben den Spanier ebenfalls im Visier. Denn Gutierrez war bis zu seinem Abgang vor zwei Monaten im Einkauf zuständig für den Bereich Anlagen, in dem auch über die Skoda-Lackiererei entschieden wurde.

Langendörfer prüft mit einem Heer von Detektiven und der konzerneigenen Revision mehrere verdächtige Fälle. Sie gehen sogar einem ungeheuren Verdacht nach. Der Skoda-Chef Ludvík Kalma kam Ende November bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben (siehe Kasten Seite 84). Der einstige Kripo-Mann Langendörfer untersucht, ob es sich möglicherweise um ein Attentat gehandelt hat. Kalma soll Hinweisen auf die 20-Millionen-Schmiergeldzahlung nachgegangen sein.

Aufklären konnte die Langendörfer-Truppe einen Schmiergeldfall bei der VW-Tochter Seat. Der dortige Einkaufsleiter Gonzales Sevilliano und sein Kollege I. del Bano, Chef der Engineering-Abteilung, wurden bereits entlassen.

Francisco Garcia Sanz, ein Krieger aus der López-Truppe, muß ebenfalls um seinen Job bangen. Der Spanier, den Piëch erst vor kurzem zum Einkaufsvorstand der Marke VW beförderte, hatte sich vor einigen Jahren vom Baukonzern Hochtief sein Privathaus für knapp 400 000 Mark umbauen lassen und dafür keine Mark bezahlt (siehe Kasten Seite 86).

In Telefonaten mit Piëch und anderen Managern beteuert López seit Tagen immer wieder, er habe keine Schmiergelder kassiert. VW möge das öffentlich mitteilen. Für den umstrittenen Ex-Manager mag bei VW jedoch niemand solche Beteuerungen abgeben, solange das Ergebnis der internen Untersuchungen nicht feststeht.

Warum, fragen sich die Ermittler, hat sich López so vehement für die Auftragsvergabe an obskure Lieferanten eingesetzt? Ihre gelieferten Teile hatten oft eine so schlechte Qualität, daß sie in Wolfsburg aufwendig nachgebessert werden mußten.

Seit langem schon kursieren in der Automobilindustrie Gerüchte, die López-Truppe würde bei den Lieferanten nicht nur besonders niedrige Preise durchsetzen, sondern auch versteckt Provisionen kassieren. Beweisen konnte oder wollte dies niemand. Und so klangen diese Vorwürfe wie die bösen Verleumdungen neidischer Konkurrenten. Doch jetzt untersucht VW selbst eine Reihe von Hinweisen, die den Verdacht erwecken, die López-Mannschaft hätte von Lieferanten Provisionen genommen. Viele Spuren führen zu Briefkastenfirmen. Eine dieser Tarnadressen ist die Industrie-Handels-Aktiengesellschaft (Ihag) im liechtensteinischen Schaan.

Die Ihag verfügt, wie sie sich selbst lobt, über »Geschäftsbeziehungen zu Automobil-Herstellern«. Lange Zeit vermittelte sie gegen Provision Zulieferern Aufträge von General Motors, Opel und den GM-Firmen Vauxhall und Saab.

López und seine Krieger wechselten im März 1993 von General Motors und Opel zu VW. Anschließend erweiterte die Ihag ihre Angebotspalette. In einem Vertrag vom 17. Juni 1993 verlangt die Ihag nicht nur für Aufträge an GM und Opel Provision. »Das Exklusivrecht«, heißt es nun in einer Vertragsergänzung »gilt weiterhin für alle mit dem Volkswagen-Konzern verbundenen Werke weltweit, z. B. auch für Seat und alle anderen Fabriken, die VW- oder Auditeile verarbeiten«.

Die französische Firma Bertrand Faure, Hersteller von Sitzen und Sitzbezügen, kam dank ihrer prompten Provisionszahlungen gut ins Geschäft. Ab Ende der achtziger Jahre lieferte sie für die gesamte Astra- und Corsa-Produktion im GM-Werk Saragossa die Sitzbezüge.

Sobald Opel die Lieferantenrechnung bezahlt habe, gestand Samuel Silva, technischer Direktor bei Bertrand Faure, sei die Provision an die Ihag überwiesen worden. Auch die inzwischen liquidierte Deutsche Bobinet-Industrie GmbH in Trier und der holländische Sitzhersteller de Witte Lictaer zahlten an die Ihag. Im Juni 1993 bekam die Firma aus Liechtenstein noch einen neuen Zahler, den Polsterhersteller Zaklad Tapicerki Samochodowej aus Polen. Er sollte bei VW ins Geschäft kommen.

Beim Geldeinsammeln gingen die Vermittlungsfirmen offenbar strikt nach Branchen vor. Die Ihag kassierte bei Herstellern von Polstern und Sitzen. Eine zweite liechtensteinische Firma, die Tymar AG, bezog ihr Einkommen von den Herstellern von Lackieranlagen. Auf ihrem D-Mark-Konto Nr. 7839642 bei der Bank in Liechtenstein gingen häufig Provisionszahlungen des Anlagenbauers Eisenmann ein. Allein im Februar 1995 überwies die schwäbische Firma in zwei Teilbeträgen eine Summe von gut 400 000 Mark.

Die Firma Eisenmann, die zu den Vorgängen keine Stellungnahme abgab, ist mittlerweile der wichtigste VW-Lieferant für Lackieranlagen. Eisenmann kam nicht nur bei Seat ins Geschäft. Die Böblinger belieferten auch das Audi-Werk Neckarsulm und die neue VW-Fabrik in Brasilien mit Anlagen.

Zwei Tage nachdem die erste Zahlung des Maschinenbauers von 101 406 Mark auf dem Tymar-Konto einging, wurden 101 400 Mark in bar abgehoben. Ebenso verschwand auch die zweite Zahlung von Eisenmann im Februar über 300 000 Mark kurz nach Eingang wieder spurlos durch Barabhebung.

Der Fall zeigt, warum es so schwierig ist, die Hintermänner des Netzwerks zu enttarnen. Bei der Firma Tymar fungiert ein Hans-Peter Brüllmann als Verwaltungsrat, bei der Ihag ein Consul Dominique Voigt. Doch beide agieren nur als Statthalter. Die Profiteure bleiben im dunkeln.

Zu ihnen, sagt López, gehöre er nicht. »Der Name Tymar«, erklärt der ehemalige VW-Vorstand, »sagt mir nichts.« Auch zur Ihag stehe er »in keiner Beziehung«.

Bislang traute sich kein Lieferant, das Schmiersystem aufzudecken. Wer nicht zahlte, mußte damit rechnen, künftig keine Aufträge mehr zu bekommen.

Der Lackieranlagenhersteller Dürr bekam seit Anfang der Neunziger von Einkäufern von VW keine Großaufträge mehr. Ein Dürr-Manager glaubt auch den Grund dafür zu kennen: »Wir waren nicht bereit, unlautere Praktiken mitzumachen.«

ABB-Manager bekamen einen Eindruck davon, wie unverschämt, aber auch wie raffiniert die Geldeintreiber des Netzwerks agieren. Konspirativ wie in einem Geheimbund organisierten sie ihre Treffen mit den ABB-Vertretern.

Für ein Schreiben mit Anweisungen für eine Kontaktaufnahme benutzten sie ein kopiergeschütztes Spezialpapier. Das hatte noch eine weitere Besonderheit, ein Diamantenmuster unten rechts. Es sollte dem Empfänger bestätigen, daß es sich tatsächlich um einen Brief des Netzwerks handelte. Recherchen von ABB ergaben, daß dieses Papier von der Firma Fotorotar AG nur in sehr begrenzter Auflage bedruckt und vertrieben wurde.

Als Landwehr feststellte, daß ABB trotz aller Raffinesse der Provisionseintreiber nicht zahlen wollte, soll der Personalberater ganz unverblümt gedroht haben.

Landwehr habe gesagt, so schreiben die ABB-Manager in ihrer Anzeige, »daß bei Nichtbezahlung dieser Summe die ABB nicht nur bei laufenden und zukünftigen Auftragsvergaben übergangen werde, sondern daß sie auch Schwierigkeiten bei der Abnahme der bereits erfolgten Lieferungen zu erwarten habe«.

Diese Drohung, resümierten die ABB-Manager, »schien insbesondere in Zusammenhang mit der Lieferung einer Farbspritzanlage an den Automobilhersteller Skoda äußerst glaubwürdig«. Bei dieser Anlage, heißt es, sei es »tatsächlich zu Schwierigkeiten bei der Abnahme gekommen«. Eine weitere Verzögerung der Abnahme oder eine Nichtabnahme hätte für ABB »äußerst schwerwiegende finanzielle Konsequenzen« gehabt.

Im Gegensatz zu vielen anderen Lieferanten, die lieber schweigen und zahlen, riskierte ABB-Europa-Chef Eberhard von Koerber den Ärger mit dem Netzwerk. Der ehemalige BMW-Manager reagiert bei Schmiergeldfällen mehr als allergisch.

Er kann sich das harte Vorgehen gegen das Netzwerk allerdings auch eher leisten als manch kleiner Automobilzulieferer. Vom gesamten ABB-Umsatz machen die Lieferungen an die Automobilindustrie nur einen geringen Anteil aus.

Mit ihrer Anzeige haben die ABB-Manager eine Lawine losgetreten. Ihr könnten hochrangige Automobilmanager bis hin zu Vorstandsmitgliedern von Volkswagen und General Motors zum Opfer fallen. VW und GM hätten nach Ansicht Züricher Staatsanwälte gute Chancen, das Netzwerk zu zerschlagen. Die Konzerne müßten ihre Lieferanten auffordern, die abgepreßten Schmiergeldzahlungen zu offenbaren. Wenn die beiden Weltkonzerne den Lieferanten gleichzeitig zusicherten, sie anschließend nicht mit Auftragsentzug zu bestrafen, würden sich nach Überzeugung der Fahnder viele melden.

Ganz so einfach wird es nicht. Die Gang hat ihre Leute sogar auf einflußreichen Positionen bei den Lieferanten untergebracht. Der Personalberater Landwehr erzählte laut Anzeige, die Einstellung eines leitenden Mitarbeiters bei ABB sei einst auf seine Vermittlung hin zustande gekommen. Dieser Ex-ABB-Manager wird in der Anzeige beschuldigt, er habe die Zahlung von fünf Prozent Schmiergeld mit dem Netzwerk vereinbart.

Auf diese Weise könnte die Provisionsbande ihr Schmiergeldsystem perfektioniert haben: Wenn es um große Aufträge der Automobilindustrie geht, säße auf beiden Seiten des Verhandlungstisches ein Mitglied des Vereins.

Noch weiß niemand, wie viele hochrangige Manager von Volkswagen und General Motors ins Netzwerk verstrickt sind. Am Ende könnten die Einkaufsabteilungen der Konzerne möglicherweise recht verwaist aussehen. Gefahr droht auch für den VW-Vorsitzenden Piëch und GM-Chef John Smith. Sie müssen sich von ihren Aufsichtsräten fragen lassen, ob sie rechtzeitig allen Hinweisen gefolgt sind. Oder ob die Konzernchefs persönlich die Verantwortung für das jahrelange Treiben der Abkassierer übernehmen müssen.

VW-Chef Piëch hat sich dennoch entschlossen, die Korruptionsfälle so weit wie möglich aufklären zu lassen: »Wir werden das Problem lösen, und wenn wir dabei ganze Flure entvölkern.«

Richard Rickelmann
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