Prozess um DaimlerChrysler-Fusion Schrempp und Kerkorian kannten nicht das Kleingedruckte

Der Schadenersatzprozess des US-Milliardärs Kirk Kerkorian gegen DaimlerChrysler wird immer unübersichtlicher. Weil brisante Managernotizen auftauchten, mussten die Verhandlungen unterbrochen werden. Außerdem haben die wichtigsten Beteiligten zugegeben, dass sie nicht jedes Detail des Fusionsvertrags kannten.

London/Wilmington - Weder Kerkorian noch DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp hätten das 102 Seiten starke Dokument genau gelesen, mit dem der Zusammenschluss der beiden Konzerne zum fünftgrößten Autobauer der Welt besiegelt wurde, berichtet die "Financial Times" (FT) unter Berufung auf Zeugenaussagen. Kerkorian sagte demnach, er habe die Fusionsunterlagen nur "überflogen", bevor er seine Zustimmung gab. Auch Schrempp hat sich dem Bericht zufolge auf Experten verlassen, die für ihn die wichtigsten Teile des Vertrages herausfilterten. DaimlerChrysler-Aufsichtsratschef Hilmar Kopper habe vor Gericht sogar zugegeben, vor dem Zusammenschluss nicht einen einzigen Blick in die relevanten Unterlagen geworfen zu haben.

Nach Ansicht von Alan Paul, Fusionsexperte bei Allen & Overy ist das Desinteresse der Hauptaktionäre und Spitzenmanager an solchen Unterlagen nicht ungewöhnlich. "Ich fürchte, dass sie ziemlich lang und sehr langweilig werden können, was dazu führt, dass die Vorsitzenden sie nicht lesen", sagte er der "FT".

Im Falle des Schadenersatzprozesses von Kerkorian gegen DaimlerChrysler   geht es jedoch genau darum, wer welches Detail wann wusste. Der 86-jährige US-Milliardär und ehemalige Chrysler-Großaktionär Kerkorian fordert mehr als eine Milliarde Dollar Schadenersatz von DaimlerChrysler. Er wirft Vorstandschef Jürgen Schrempp vor, die De-facto-Übernahme des US-Autobauers als "Fusion unter Gleichen" ausgegeben zu haben. Den Aktionären von Chrysler sei damit einen höherer Wertaufschlag auf ihre Aktien vorenthalten worden.

"Das haben unsere Anwälte verschlampt"

Der Ausgang dieses Prozesses ist seit Dienstag wieder völlig offen, weil DaimlerChrysler in letzter Minute 61 Seiten eingereicht hatte, die handschriftliche Notizen zu den Verhandlungen zwischen Daimler-Benz und Chrysler enthielten. Sie stammen aus der Zeit vor der Fusion und sollten vom früheren Chrysler-Finanzchef Gary Valade angefertigt worden sein.

Nach Angaben von DaimlerChrysler sind die Dokumente durch ein Versehen nicht in den Unterlagen der Anwälte des Klägers Kirk Kerkorian gelandet. "Das haben unsere Anwälte verschlampt", sagte ein Sprecher des Unternehmens.

Dieser formale Fehler hat dazu geführt, dass Bundesrichter Joseph Farnan den Milliarden-Prozess vor dem Bezirksgericht in Wilmington am Dienstag unterbrochen hat - einen Tag vor dem Ende der Zeugenbefragung. Am kommenden Montag muss nun ein zweiter Richter, der "Special Master", klären, warum die Dokumente in den rund 500.000-seitigen Prozessakten fehlten. Die Verhandlung dürfte erst im Januar fortgesetzt werden. Richter Farnan bezeichnete den Vorgang als eine "ernste Angelegenheit".

Die Klägeranwälte spekulieren nun darauf, dass der Richter DaimlerChrysler Unterdrückung von Beweismitteln zur Last legt. In diesem Fall könnte er Kerkorian nach US-amerikanischem Recht zum Sieger in dem Verfahren erklären. Dies wäre aber wohl nur dann wahrscheinlich, wenn die neuen Dokumente DaimlerChrysler belastende Aussagen enthielten. Möglicherweise muss die ganze Zeugenvernehmung von neuem beginnen.

"Verlust von Unabhängigkeit"

Valade, der noch bis Jahresende im DaimlerChrysler-Vorstand sitzt, hatte das Material erst am Montagabend auf dem Flug von Detroit nach Wilmington an einen Anwalt des Konzerns übergeben. "Warum habt ihr das bisher nicht benutzt?", fragte Valade nach Unternehmensangaben. Danach sei festgestellt worden, dass es der Gegenseite und dem Gericht offenbar nicht vorlag. Zum Inhalt der Dokumente wurde offiziell nichts bekannt, weil Richter Farnan die Akten bis zur Klärung der Umstände zur Verschlusssache erklärte.

Beide Parteien werten die nun aufgetauchten Papiere als günstig für die eigenen Position. DaimlerChrysler-Sprecher Thomas Fröhlich sagte am Mittwoch in Stuttgart: "Es war unsere Absicht, die Notizen einzureichen, denn aus unserer Sicht stützen sie unsere Position, dass es sich um ein 'Merger of Equals' handelt." Kerkorians Anwalt Terry Christensen erwartet aufgrund der Unterlagen dagegen eine Wende zugunsten der Kläger. Er verwies dazu auf Formulierungen wie "fast eine Übernahme", "Verlust von Unabhängigkeit" und "unterbewertet, Verkauf für Gewinn", die in den Papieren zu lesen seien.

"Job und Karriere unsicher"

Als besonders pikant werteten Beobachter auch die Tatsache, dass die Seiten nicht nur Notizen von Valade, sondern auch von Thomas Stallkamp enthielten. Stallkamp, ehemaliger Präsident von Chrysler, hat in dem Prozess im Gegensatz zu Valade bereits ausgesagt. Er hatte im Zeugenstand geäußert, dass Chrysler und Daimler sich als ebenbürtige Partner zusammengetan hätten.

Stallkamps eigene Notizen aus dem Jahr 1998 sollen nun angeblich dieser Aussage widersprechen. Hier seien Anmerkungen wie "Belegschaft - Job und Karriere unsicher" zu lesen, sagte der Kerkorian-Anwalt. Im Zeugenstand hatte Stallkamp erklärt, es habe nach dem Zusammengehen zwar kulturelle Konflikte gegeben, es habe jedoch kein Machtkampf mit nationalistischer Prägung stattgefunden.

Wichtige Valade-Aussage könnte ausfallen

Christensen hat nun beantragt, dass Valade nicht mehr als Zeuge auftreten darf. Nur Kerkorian solle das Recht haben, das neue Beweismaterial zu verwenden. Nach Aussage Richter Farnans könnte der Antrag für DaimlerChrylser fatale Folgen haben. Noch-Vorstand Valade ist einer der wenigen Chrysler-Manager aus den Tagen vor der Fusion, die heute noch eine wichtige Rolle spielen. Seine Aussage könnte von zentraler Bedeutung für DaimlerChrysler sein.

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