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Prügelnder Oligarch Alexander Lebedew Moskaus letzter Königstiger

Alexander Lebedew ist der einzig verbliebene Lautsprecher unter den Superreichen Russlands: Vor laufenden TV-Kameras lieferte er sich eine Schlägerei, vor Gericht kämpft er gegen Putins allmächtigen Geheimdienst. Ein Porträt.

Alexander Lebedew ist ein Geschäftsmann mit Manieren. Seit der Banker, dessen Vermögen das US-Magazin "Forbes" auf rund 2,1 Milliarden Dollar taxiert, einst als KGB-Mann in London britische Zeitungen auswerten musste, pflegt er die Umgangsformen eines britischen Gentleman, und eine leicht spleenige Sammlerleidenschaft: Seine Stadtresidenz in Moskau ziert eine Kollektion Penisköcher aus Papua-Neuguinea. Zudem spricht Lebedew tadelloses Englisch. Ein Wort aber scheint im Vokabular des Oligarchen zu fehlen: Defensive.

Ende vergangener Woche brannten bei Lebedew alle Sicherungen durch: Der Oligarch saß in einer Talkrunde des TV-Senders NTW. Mit dem Moskauer Baulöwen Sergej Polonski sollte er über die Finanzkrise diskutieren. Die angeschlagene Weltwirtschaft aber geriet zum Randthema, während die Talkshow-Gäste gegeneinander stichelten.

Polonski versprach seinen Kontrahenten "ein paar auf die Fresse". Daraufhin sprang Lebedew auf, um den Rivalen vorsorglich mit einem Fausthieb zu Boden zu strecken. Die TV-Kameras zeichneten die Schlägerei auf, nur ausgestrahlt wurde der Eklat nicht mehr. Polonski, so rechtfertigte sich Lebedew später, sei aggressiv gewesen und habe sich bedrohlich verhalten. Er aber habe den Gegner "neutralisiert".

Die Rauferei ist so charakteristisch wie untypisch für den Unternehmer. Lebedew hat einerseits nie zu jener Kaste raubeiniger, russischer "Businesmeny" gehört, für die eine gewisse Brutalität Teil der Unternehmenspolitik ist. Andererseits kennt der Milliardär nur eine Taktik: Angriff als beste Verteidigung.

Weil maskierte Geheimdienstler im Dezember Büros seiner "National Reserve Bank" durchsuchten, hat Lebedew inzwischen selbst gern eine schwarze Strumpfmaske in Reichweite. Bei Interviews oder Vorträgen streift er sie über den Kopf, um sich möglichst lässig über die Attacke und seine Gegner lustig zu machen.

Der letzte Lautsprecher unter Russlands Superreichen

Der Unternehmer ist der Letzte seiner Art: Der einzig verbliebene Lautsprecher unter Russlands Klasse der Superreichen, der sich heute noch traut, öffentlich Premierminister Wladimir Putin zu kritisieren. Einst galten die Oligarchen als wahre Herren Russlands, weil sie in den neunziger Jahren Milliarden-Vermögen anhäuften und Präsident Boris Jelzin scheinbar nach ihrer Pfeife tanzte.

Die Milliarden sind den meisten zwar geblieben, doch seit Wladimir Putin Michail Chodorkowski, Russlands einstmals reichsten Mann und seinen vielleicht gefährlichsten Gegner, verhaften ließ, vermeiden die meisten der Superreichen öffentliche Kritik an Putin und seiner Regierung. Bei Interview-Anfragen wollen sie die Fragen gern im Voraus wissen, nur um Gespräche dann wegen "zu politischer Fragen" abzulehnen.

"Die Zahl unabhängiger Unternehmer in Russland sinkt schneller als die der Tiger", sagt Lebedew und spielt auf das vom Aussterben bedrohte sibirische Tier an, um das sich Premier Putin mehr kümmere als um seine Wirtschaftselite.

Klage gegen den Inlandsgeheimdienst FSB

Der Chef der "National Reserve Bank" zieht jetzt sogar gegen Putins mächtige Geheimdienste vor Gericht. Er hat Klage gegen den Inlandsgeheimdienst FSB wegen der Durchsuchung seiner Büros eingereicht und fordert 11,6 Millionen Dollar Schadensersatz.

Premier Putin verglich er jüngst gar in einem Interview mit Simbabwes Diktator Robert Mugabe. Wenn man Putin "noch 20 Jahre gebe", dann werde es in Russland sein "wie in Zimbabwe", so Lebedew.

Der Banker gefällt sich in der Rolle des Dissidenten unter den Superreichen, als Kämpfer gegen Filz und Machtmissbrauch. Korrupte Politiker und Beamte möchte er am liebsten "genauso behandeln wie Nazi- oder Stalin-Verbrecher". Gemeinsam mit Michail Gorbatschow sponsert er die angesehene Moskauer Zeitung "Nowaja gaseta", das Flaggschiff des investigativen Journalismus in Russland.

Als die Lebedew-Zeitung "Moskowskij Korrespondent" aber über eine angebliche Liebschaft von Premier Putin spekulierte, wurde das Blatt innerhalb von Tagen geschlossen. Damit habe er nichts zu tun gehabt, sagt Lebedew heute.

In seinem Lieblingsdomizil London freilich trauten sie dem lautstarken Kremlkritiker trotzdem lange nicht über den Weg. Als Lebedew dort Traditionsblätter wie den "Evening Standard" oder den "Independent" kaufte, unkte die Konkurrenz, er handle im Auftrag Putins, um Meinungsmacht beim britischen Erzrivalen zu kaufen.

Das sei "so wenig richtig wie die schmeichelnden Berichte, die mich zu einem zweiten Michail Chodorkowski oder gar Andrej Sacharow stilisieren, unserem Dissidenten und Friedensnobelpreisträger", hat Lebedew im Interview mit dem SPIEGEL  gesagt.

Zur pazifistischen Lichtgestalt taugt er angesichts der Schläge gegen Polonski tatsächlich nicht mehr.

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