Puma-Hauptversammlung Bockwurst trifft Gucci

Hauptversammlungen sind für Manager nie ganz einfach. Besonders schwer hat es heute Puma-Vorstandschef Jochen Zeitz: Er muss für die Übernahmepläne des französischen Luxus-Konzerns PPR werben. Hartnäckige Traditionalisten unter den Aktionären wollen überzeugt werden.

"Grüß Gott", ruft Andreas Nützel in den Raum. Sehr kräftig, sehr markig klingt das. "Puma-Aktionär der ersten Stunde" sei er. Und als solcher will der Franke mit den roten Pausbacken den rund 400 anwesenden Anteilseignern jetzt was sagen zum Übernahmeangebot des Luxus- und Handelskonzerns Pinault-Printemps Redoute (PPR  ) aus Frankreich. "Jetzt, wo man sich freuen kann, dass man in schlechten Zeiten nicht verkauft hat, jetzt kriegt man da über Nacht ein Angebot", sagt Nützel.

Er sagt das nicht empört. Er sagt das mit bayerischer Schlitzohrigkeit. Sogar Puma-Vorstandschef Jochen Zeitz, seit zwei Stunden mit unverändertem Gesichtsausdruck auf dem Podium, muss jetzt lächeln. Kritik muss er nicht fürchten, schließlich hat er Puma   groß gemacht, hat die marode Billigheimer-Klitsche 1993 als 30-Jähriger übernommen und sie seitdem hinter Nike und Adidas als drittgrößten Sportartikel-Konzern der Welt etabliert - und einen der angesagtesten noch dazu.

Dafür sind ihm die Anteilseigner dankbar. Auch Ur-Aktionär Andreas Nützel. Nur kann er bei all den Erfolgsmeldungen nicht verstehen, dass jetzt die Franzosen den Laden übernehmen sollen. "Da war ich bass erstaunt und subber überrascht", sagt er in breitem Fränkisch, "dass der Herr Zeitz hier so fröhlich verkündet: Gott sei Dank, mir ham an Käufer." Komisch sei das, wo doch dauernd gesagt werde, "wir hätten eine ganz tolle Zukunft".

Zeitz müht sich, den Aktionären das Angebot aus Paris schmackhaft zu machen. Am Vortag hatte PPR bereits der deutschen Beteiligungsgesellschaft Mayfair als Puma-Großaktionär deren 27-Prozent-Aktienpaket für 330 Euro pro Anteilsschein abgekauft. Jetzt wollen die Franzosen den übrigen Puma-Aktionären im Rahmen eines freiwilligen Übernahmeangebots ebenfalls 330 Euro pro Aktie bieten. Zeitz sagt, der Preis sei "fair". Ein anderes Angebot, etwa - wie seit Monaten gemunkelt - vom direkten Konkurrenten Nike, liege bisher nicht vor und sei für die Zukunft "recht hypothetisch".

"Warum soll ich aussteigen?"

Der Puma-Vorstand sei von den Franzosen als "idealem Partner" für Puma überzeugt, sagt Zeitz. Man werde sich nicht kannibalisieren sondern ergänzen. Unterm PPR-Dach finden sich bisher Luxus-Marken wie Gucci oder Yves Saint Laurent. Puma könne künftig "von der Design- und Beschaffungskompetenz von PPR insbesondere im Premiumsegment profitieren", wirbt Zeitz.

Doch die Aktionäre lassen sich nicht recht überzeugen. Das 330-Euro-Angebot ist ihnen offensichtlich zu niedrig. Gerhard Jäger von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) bezeichnet den PPR-Deal zwar "grundsätzlich" als positiv für Puma, doch "warum sollte ein Aktionär auf das Angebot eingehen, wenn er an der Börse mehr erzielen kann?" Tatsächlich klettert parallel zur Aktionärsversammlung am Nürnberger Stadtrand das Puma-Papier an der Börse auf 350 Euro. Anlegerschützer Jäger: "PPR sollte noch einmal über den Preis nachdenken." Und: Für eine Partnerschaft bedürfe es doch keiner vollständigen Übernahme durch PPR, meint Jäger. Die Franzosen hätten ja außerdem bereits ihre Absicht erklärt, den Puma-Vorstand selbständig weiterarbeiten zu lassen: "Warum strebt PPR dann bloß eine vollständige Übernahme an?"

Dem könnte auch entgegenstehen, dass manche Aktionäre gar nicht verkaufen wollen - egal zu welchem Preis. "Warum soll ich denn aussteigen?", fragt vor der Halle einer, der gerade mit dem Nürnberger Stadtbus angereist ist. "Puma ist doch eine gute Firma, die hat doch Tradition." Aber der mögliche Verkaufserlös? "Ach, ich bleib' lieber dabei."

Parallele zur Fusion von Daimler und Chrysler

Den Aktionären der Puma AG ist ihr Herkommen noch anzumerken. Von Global Player und Premiumsegment kann keine Rede sein. Der durchschnittliche Puma-Eigner kommt per Bus und Bahn oder mit Golf, Skoda oder Renault Twingo. Auf dem Parkplatz stehen nur drei schwere Mercedes-Limousinen. Und zu Mittag werden wahlweise Gulasch- oder Kartoffelsuppe mit Bockwürsten gereicht. Gucci ist ganz weit weg.

Im Plenum haben schließlich noch die Aktionärsvertreter von der "Kampagne für saubere Kleidung" ihren Auftritt. "Besorgt" sei sie über die Arbeitsbedingungen bei den Puma-Zulieferern im Ausland, sagt Sandra Dusch Silva. Puma lasse trotz Rekordgewinnen "Kleidung unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen herstellen". Puma-Entwicklungsvorstand Martin Gänsler entgegnet, man sei Mitglied der "Fair Labour Association", die unabhängige Prüfungen der Produktionsstätten durchführen lasse. Bei Löhnen und Grundbedürfnissen der Arbeiter seien "industrieweite Lösungen gefragt", ein einzelnes Unternehmen könne da global wenig ausrichten.

Vielen geht das alles zu schnell

Der agil-erfolgreiche Vorstandschef Zeitz derweil konzentriert sich heute weiter auf das Werben für die Zusammenarbeit mit PPR. Bei Aktionären und Angestellten genießt er hohen Kredit, den einen beschert er schöne Gewinne und Ausschüttungen, für die anderen hat Puma allein im vergangenen Jahr 2650 neue Arbeitsplätze geschaffen, davon in Deutschland rund 150, berichtet Zeitz stolz. Und PPR, so betont Zeitz immer wieder, beabsichtige "keine Veränderungen im Bereich Personal".

Wie geht es jetzt weiter? Bevor die Aktionäre sich entscheiden können, muss zunächst die EU-Kommission den Übernahmewunsch von PPR durchwinken. Bei Puma rechnen sie damit bis Ende Juni. Dann werden drei Puma-Aufsichtsräte, die bisher von der Mayfair-Gruppe gestellt wurden, abgelöst durch PPR-Chef Francois-Henri Pinault und zwei seiner Manager. Bei der Abstimmung über diese Regelung enthalten sich am Mittwoch in Nürnberg eine Vielzahl von Aktionären. Nicht wenigen geht das alles zu schnell.

Andererseits vertrauen sie Zeitz. Schließlich hat er seine Leute bisher nie enttäuscht. Nur Ur-Aktionär Andreas Nützel ist sich nicht ganz sicher. Mit "Einigkeit und Fröhlichkeit" hätten sich auch Daimler und Chrysler einst zusammengeschlossen, funktioniert habe es dann aber nicht und den Aktienkurs gedrückt. "Insofern", grinst Nützel schelmisch in Richtung Zeitz, "wäre das dann natürlich doch ein Grund, diese 330 Euro jetzt als fair anzusehen".

Da lacht Jochen Zeitz herzlich mit.

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