Geheime Zahlungen aus Russland NDR setzt im Fall Seipel Untersuchungskommission ein
Der preisgekrönte deutsche Fernsehjournalist und Putin-Biograf Hubert Seipel hat für seine Arbeit Hunderttausende Euro aus Russland erhalten und dies vor dem NDR, seinem Buchverlag und der Öffentlichkeit verborgen. Das haben der SPIEGEL und das ZDF am Dienstagabend enthüllt . Die Erkenntnisse gehen zurück auf vertrauliche Dokumente aus Zypern, die im Rahmen der internationalen Recherche »Cyprus Confidential« ausgewertet wurden. Hier erfahren Sie mehr zu den Hintergründen.
Jetzt reagiert der Norddeutsche Rundfunk und setzt eine Untersuchungskommission ein. Das Gremium unter Leitung des ehemaligen SPIEGEL-Chefredakteurs Steffen Klusmann soll die versteckten Zahlungen an Seipel überprüfen. »Es besteht der Verdacht, dass wir und damit auch unser Publikum vorsätzlich getäuscht worden sind. Dem gehen wir jetzt nach und prüfen rechtliche Schritte«, teilte NDR-Intendant Joachim Knuth mit. »Die Vorgänge um die Beauftragung und Umsetzung der Filme, die Hubert Seipel für den NDR realisiert hat, werden wir gründlich überprüfen.« Seipel sei zuletzt 2019 für den Sender tätig gewesen.
Nach den gemeinsamen Recherchen von SPIEGEL und ZDF hatte Seipel vor Jahren einen »Sponsorenvertrag« für ein Buchprojekt unterschrieben, im Original »Deed of Sponsorship« genannt, der mit 600.000 Euro sehr großzügig honoriert wurde. »Der Autor schreibt ein Buch über das politische Umfeld in der Russischen Föderation, das im Jahr 2019 veröffentlicht werden soll«, heißt es in dem Vertrag aus dem März 2018. »Der Sponsor möchte die Entwicklung des Projekts unterstützen und diese politische und historische Entwicklung durch die Unterstützung des Autors einem breiteren Publikum zugänglich machen.« Zudem sollte Seipel »logistische und organisatorische Unterstützung« während seiner Recherche in Russland erhalten.
Erste Vereinbarung offenbar schon 2013
Seipels »Sponsor«, sein Vertragspartner, ist laut Vertrag eine Briefkastenfirma namens De Vere Worldwide Corporation, die ihren Sitz auf den Britischen Jungferninseln in der Karibik hat. De Vere gehört augenscheinlich zum Firmengeflecht des russischen Oligarchen und langjährigen TUI-Großaktionärs Alexej Mordaschow, den die Europäische Union im Februar 2022 wegen seiner Nähe zu Wladimir Putin sanktionierte. Ein handschriftlicher Vermerk auf dem Vertrag mit Seipel legt außerdem nahe, dass es eine ähnliche Vereinbarung für eine Putin-Biografie bereits im Jahr 2013 gab. Seipel ist damit der erste renommierte westliche Journalist, von dem bekannt wird, dass er aus Putins Umfeld bezahlt wurde.
Seipel, der für das NDR-Fernsehen den russischen Präsidenten mehrfach interviewte, räumte auf Anfrage »Unterstützung« durch Alexej Mordaschow ein. Der mittlerweile sanktionierte Oligarch habe jedoch keinen Einfluss auf den Inhalt seiner Bücher gehabt, so Seipel. Tatsächlich heißt es im Vertrag, der Autor habe keinerlei »Verpflichtungen gegenüber dem Sponsor in Bezug auf das Projekt (weder in Bezug auf den Inhalt oder die Zusammensetzung des Buches noch in anderer Hinsicht) oder dessen Fertigstellung«.
2015 erschien Seipels Biografie »Putin. Innenansichten der Macht«. 2021 folgte das Buch »Putins Macht. Warum Europa Russland braucht«. Beide Bücher wurden vom Hamburger Verlag Hoffmann und Campe veröffentlicht. Der Verlag und auch der NDR teilten mit, nichts von den Zahlungen gewusst zu haben. Zu Beginn seiner Karriere vor Jahrzehnten hatte Seipel auch für den SPIEGEL gearbeitet.
»Cyprus Confidential« ist eine vom SPIEGEL und dem International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) angestoßene Recherche, die fragwürdige Geschäfte des EU-Landes Zypern aufdeckt. An den Recherchen zu »Cyprus Confidential« waren weltweit mehr als 270 Journalistinnen und Journalisten aus 69 Medienhäusern beteiligt, darunter neben dem SPIEGEL und dem ZDF auch die »Washington Post«, der britische »Guardian«, der österreichische »Standard« und Tamedia aus der Schweiz.