Putins Oligarchen Russische Milliardäre nehmen Europas Konzerne ins Visier
Hamburg Wiktor Wexelberg hat viele Stärken. Genügsamkeit gehört nicht dazu. Bis seine neue Prunkvilla in Kroatien bezugsfertig ist, hat sich der Oligarch aus Russland für ein halbes Jahr im Nobelhotel Sheherezad in Dubrovnik einquartiert. Kostenpunkt laut Medienberichten: 8500 Euro pro Tag.
Dabei ist der 50-Jährige kein verschwendungssüchtiger Hallodri, sondern ein Experte der Geldvermehrung. Sein Vermögen beträgt etwa zehn Milliarden Dollar. Die Beteiligungen seiner Investmentgesellschaft Renova, die ihm zu rund 80 Prozent gehört, werden mit elf Milliarden Dollar bewertet. So hat er zum Beispiel zusammen mit seinem nicht minder wohlhabenden Oligarchen-Kollegen Oleg Deripaska im März einen der mächtigsten Metallkonzerne geschmiedet: United Company Rusal deckt 12,5 Prozent der globalen Aluminiumproduktion ab, momentan bereitet der Weltmarktführer seinen Börsengang an der London Stock Exchange vor.
Von sich reden machte Wexelberg aber vor allem dadurch, dass er eine kleine, idyllische Alpenrepublik für sich entdeckt hat: die Schweiz. Er ist bereits Großaktionär bei den Maschinenbauern OC Oerlikon , Sulzer und Saurer, besitzt ein mondänes Terrassenhaus am Zürichberg - und beschäftigt den Schweizer Ex-Botschafter in der Bundesrepublik, Thomas Borer-Fielding, als persönlichen Berater. Einige Eidgenossen beäugen die Finanzinvestments des reichen Russen mit großer Skepsis: "Unheimlich! Russe will die halbe Schweiz kaufen", schrieb die Boulevardzeitung "Blick". "Die Schweizer Traditionsfirmen zittern", hieß es in dem Artikel. "Bald könnte über ihren Zentralen die russische Flagge wehen".
Im Visier hat Wexelberg längst auch Übernahmeobjekte in Deutschland: Man könne sich vorstellen, alternative Energieanbieter in Deutschland zu kaufen, verkündete Berater Borer-Fielding in einem Interview. Außerdem soll der Oligarch an den Leipziger Stadtwerken interessiert sein. Dass er Großes vorhat, daran lässt der Werbeslogan seiner Investmentfirma keinen Zweifel: "Ideen, die den Lauf der Geschichte prägen".
Ähnlich wie Wexelberg haben inzwischen etliche russische Investoren ausländische Firmen als lukrative Anlageziele entdeckt. Allein im vergangenen Jahr wickelten Unternehmen aus Russland 136 Fusions- und Übernahmegeschäfte außerhalb der eigenen Landesgrenze ab. Das hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG errechnet. Der Gesamtwert der Deals liegt demnach bei 9,8 Milliarden Dollar, 15 Prozent mehr als im Jahr 2005.
Im kommenden Jahr werden die Geldgeber aus dem Osten noch häufiger zugreifen, prognostiziert KPMG, "da zahlreiche russische Firmen planen, globale Unternehmen zu werden, in ausländische Märkte einzudringen und Joint Ventures mit ihren ausländischen Partnern zu gründen".
Notwendige Liquidität durch Rohstoffboom
Der Rohstoffboom hat den Oligarchen die notwendige Liquidität verschafft. "Russische Investoren sind bemüht, ihre Anlagen zu diversifizieren", erklärt Reiner Perau, Osteuropa-Experte des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), "Deutschland ist dafür der geborene Partner." In der russischen Wirtschaft herrsche Respekt für deutsche Konzerne, so Perau. Zuverlässigkeit und Produktqualität würden geschätzt.
Die Liste der russischen Großinvestoren, die sich in Deutschland engagieren, wird deshalb immer länger. Unlängst hat Oligarch Deripaska seinen Anteil an dem Essener Baukonzern Hochtief auf knapp zehn Prozent erhöht - wenige Wochen zuvor hatte er sich bereits beim österreichischen Konkurrenten Strabag eingekauft. Der Milliardär und Ex-KGB-Offizier Alexander Lebedew ist seit vergangenem Jahr an der Bocholter Charterfluggesellschaft Blue Wings beteiligt. Beim Münchener Luxusmodehersteller Escada sorgt seit einigen Monaten Großaktionär Rustam Aksenenko für Wirbel.
Allerdings herrscht auch hierzulande keine ungeteilte Begeisterung über den Beteiligungshunger russischer Geldgeber. Immer wieder deutet der Mischkonzern Sistema an, bei der Deutschen Telekom einsteigen zu wollen - zuletzt sprach sich Vorstandschef Alexander Gontscharuk für einen gemeinsamen Telekommunikationskonzern aus. Das Problem: Der Bund als größter Telekom-Eigner wollte bislang keine Aktien an den Investor aus Russland verkaufen.
Schreckgespenst Gasprom
Auch die globale Expansionsstrategie des Gasprom-Konzerns stößt hierzulande auf großes Misstrauen. Würde der staatliche Erdgasförderer bei Energiekonzernen wie RWE oder Eon einsteigen, gewänne er Einfluss auf die Versorgung deutscher Endkunden.
Kritiker argumentieren, die Abhängigkeit und politische Erpressbarkeit Deutschlands könnte sich damit erhöhen. Dabei ist Gasprom auf dem deutschen Markt längst aktiv: Der russische Energieriese betreibt gemeinsam mit der BASF-Tochter Wintershall den Gashändler Wingas.
Ängste werden auch dadurch geschürt, dass russische Oligarchen wie Wexelberg oder Deripaska als Schergen Putins gelten. Nur wer die Wünsche des mächtigen Kreml-Chefs befolgt, den lässt er gewähren. Der Präsident erwartet von seinen milliardenschweren Untergebenen gesellschaftliches und kulturelles Engagement. So kaufte Wexelberg im Jahr 2004 für etwa 100 Millionen Dollar eine Sammlung von Zaren-Ostereiern des Juweliers Fabergé. Er erklärte damals, er wolle die prunkvollen Goldschmiedekunststücke heimholen nach Russland. Ein aufsehenerregender Akt der Vaterlandsliebe.
Regelmäßig sprechen sich die mächtigen Manager mit Putin ab, auch über außenwirtschaftliche Strategien. "Die Oligarchen sind aber clever genug, zugleich ihre eigenen ökonomischen Ziele zu verfolgen", sagt Axel Lebahn. Er hat in den achtziger Jahren die Ländergruppe UdSSR bei der Deutschen Bank geleitet und fungiert heute als freier Russland-Berater für Unternehmen und Politiker. Die Angst in Deutschland vor Investoren aus dem Osten erscheint ihm bisweilen geradezu "psychotisch".
"Botschafter für real praktizierte Marktwirtschaft"
Schließlich seien Manager russischer Konzerne darum bemüht, "kontraproduktive politische Einflussnahmen des Kreml im eigenen Interesse abzuwehren". Lebahn betrachtet die Oligarchen gar als "unsere Botschafter für eine real praktizierte Marktwirtschaft in Russland": Je mehr Investoren sich im Westen engagierten, desto stärker würden umgekehrt auch hiesige Vorstellungen auf die russische Ökonomie übertragen.
Milliardäre wie Wexelberg gewännen durch Auslandsinvestments auch eine größere persönliche Unabhängigkeit zu Russland. "Die Oligarchen geben sich patriotisch, indem sie im Ausland Flagge zeigen", erklärt Russland-Experte Lebahn, "gleichzeitig können sie damit in aller Stille und völlig legal Kapitalflucht betreiben." Investitionen im Ausland seien schließlich vor dem Zugriff der russischen Behörden geschützt.
Wiktor Wexelberg führt die Geschäfte längst von Zürich aus, wo auch seine Renova Holding sitzt. Sein Berater Borer-Fielding sagt, der Oligarch zahle sowohl in der Schweiz als auch in Russland Steuern. In welchem Ausmaß, ist jedoch nicht bekannt. Unter den Eidgenossen ist bereits eine Debatte darüber entbrannt, ob die geltende Pauschalbesteuerung für Superreiche wie Wexelberg noch tragbar sei. Der Oligarch lebe "fast gratis" in der Schweiz, mokierte sich der Züricher "Tagesanzeiger", der den "Aldi-Tarif" für Milliardäre anprangerte.
Wexelberg dürfte solche Bissigkeiten entspannt verfolgen. Sollte es ihm in der Schweiz eines Tages nicht mehr gefallen, hat er ja immer noch ein schickes Domizil in Kroatien.