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TELEPHON Quakt dazwischen

Siemens baute für die Post das angeblich modernste Autotelephon-Netz der Welt. Die Benutzer beurteilen das neue C-Netz etwas anders. *
aus DER SPIEGEL 16/1987

Wenn Hellmut K. Albrecht unterwegs auf Dienstreise seine Sekretärin anrufen muß, steuert er meist eine Telephonzelle an. Für wichtige Gespräche wagt der Vorstandsvorsitzende des Braunschweiger Verpackungsmaschinen-Konzerns Schmalbach-Lubeca nicht, sein Autotelephon zu benutzen.

Nur unter Schwierigkeiten kommt eine Verbindung zustande. Wenn es mal klappt, hören die Teilnehmer oft nur krächzende Laute, nach kurzer Zeit bricht die Verbindung ab. Albrecht über seine 14000-Mark-Anschaffung: »Hundsmiserabel«.

Dieser Ansicht sind viele Autotelephonbesitzer. »Grün geärgert« hat sich schon der Berliner Mittelständler Christoph A. Weidlich, »echt verbittert« ist der Lüneburger Taxi-Unternehmer Gerhard Zimmermann. »Eine Katastrophe, eine Zumutung«, urteilt Werner Fingerhut, Geschäftsführer der Essener Armaturenfabrik Josef Limberg.

Fingerhut hat nach heftigen Beschwerden erreicht, daß ihm die Post seit Dezember die monatliche Grundgebühr von 120 Mark erläßt. Gesprächsgebühren - Normaltarif: 23 Pfennig für acht Sekunden - fallen kaum an, denn das Telephon funktioniert fast nie.

Eigentlich sollte alles besser werden, mit dem neuen Funkfernsprechnetz C, das die Post im vergangenen Mai in Betrieb nahm. Nahezu flächendeckend ist die Bundesrepublik im Abstand von rund 25 Kilometern mit Sendern überzogen. Verläßt ein telephonierender Autofahrer den Bereich seines jeweiligen Senders, wird er blitzschnell an den nächsten Sender weitergeleitet. Unter der einheitlichen Vorwahl 0161 ist jeder Autotelephonbesitzer mit Anschluß im C-Netz zu erreichen. Fremde Lauscher können, dank einer sogenannten Sprachverschleierung, nicht mithören.

Erdacht und gebaut hat dieses System die Firma Siemens; der Haus- und Hoflieferant der Deutschen Bundespost. »Es ist«, lobt Siemens sein Wunderwerk der Technik, »das zur Zeit modernste, digital gesteuerte, zellulare Mobilfunknetz der Welt.« Leider funktioniert das Wunderding nicht immer so, wie es sollte. Manche Autofahrer sind mit dem C-Netz sehr zufrieden, andere finden es »nur vom Prinzip her eine tolle Sache«, so der Architekt Rudolf Brändle aus dem schwäbischen Münsingen.

»Das System«, schrieb Schmalbach-Lubeca-Chef Albrecht der Oberpostdirektion Hannover-Braunschweig, »ist schlicht unbrauchbar und unbenutzbar, und es ist eine unglaubliche Zumutung, daß seitens der Bundespost überhaupt ein derart imperfektes System als Dienstleistung angeboten wird.«

Das System sei schon in Ordnung, versichert Klaus Cziwinski vom Post-Ministerium - es hätten nur zu viele Leute ein Telephon in ihrem Wagen. Als das C-Netz im vergangenen Sommer, nach achtmonatigem Probelauf, in Betrieb ging »gab es einen Zulauf, mit dem wir absolut nicht gerechnet hatten«.

Der Andrang war absehbar. Das Autotelephon - Arbeitsgerät für hastige Geschäftsleute wie Statussymbol für Luden und andere Wichtigtuer- ist seit langem so begehrt, daß für einen der raren Anschlüsse Schwarzmarktpreise bis zu 20000 Mark gezahlt wurden. Absehbar war auch, daß viele Telephonbesitzer vom alten Bauf das vermeintlich perfekte C-Netz umrüsten würden.

Die Umsteiger hätten einen schweren Fehler gemacht, behauptet Weidlich: »Das alte B-Netz war besser.« Post-Kritiker Weidlich, der 1980 aus Ärger über den Service des Monopolunternehmens die »Bundesvereinigung Deutscher Autotelefonbesitzer« gründete, testete das neue System - und blieb dann im B-Netz, das noch bis 1992 betrieben wird.

Auch dieses System hat seine Tücken. Die Gespräche können abgehört werden; es rauscht; und wer sich aus dem jeweiligen Sendebereich entfernt, muß über einen näheren Sender neu anwählen. Aber das B-Netz funktioniert meistens, und es hat einen Vorteil, den das neue System nicht aufweist: Wer seinen Wagen verläßt, kann ein kleines Empfangsgerät in die Tasche stecken, das ihm mit einem Pieps-Ton mitteilt, daß er gerade im Auto angerufen wird.

Allerdings verkraftet das B-Netz, das Anfang der siebziger Jahre das antiquierte A-Netz ablöste, nicht mehr als 27000 Teilnehmer. Das C-Netz hingegen ist auf 200000 Anschlüsse ausgelegt.

Doch schon mit seinen derzeit 25000 Teilnehmern ist das neue System überfordert. Es kann passieren, daß selbst nach vielfachem Anwählen keine Verbindung zustande kommt. Im Hörer knattert und rauscht es, oder »es quaken dauernd Amateurfunker dazwischen«, _(Mit Anlage für Autotelephon in ) _(Quickborn bei Hamburg. )

wie der Essener Geschäftsmann Fingerhut berichtet.

Und immer wieder brechen in dem angeblich so tollen C-Netz Gespräche jäh ab. Wenn Fungerhut von Essen nach Dortmund fährt, ist wie von Geisterhand die mit viel Glück zustande gekommene Verbindung am Essener Stadtrand beendet. Fährt er nach Düsseldorf, endet das Gespräch ziemlich exakt auf halber Strecke. Zuweilen bricht die Verbindung schon nach wenigen Sekunden ab.

Noch bis Ende vorigen Jahres warf die Post C-Netz-Kunden absichtlich aus der Leitung. »Automatische Gesprächsbegrenzung« hieß der Trick, mit dem Post-Techniker mehr Gespräche möglich machten.

Wenn alle Kanäle besetzt sind, dann setzt der Computer weitere Anrufer auf eine Art Warteliste. Wurde die zu lang, machte der Computer einen Kanal frei, indem er die Verbindung kappte. So wurde mancher Fernsprech-Teilnehmer, der nach vielen Versuchen durchgekommen war, schon nach einer Minute wieder rausgeworfen.

Nach vielen Protesten schaffte die Post die »Gesprächsbegrenzung« ab. Und auch sonst, sagt Post-Sprecher Cziwinski, würde »der Dienst spürbar von Tag zu Tag besser«.

Warum er überhaupt so schlecht starten konnte, ist bislang nicht gänzlich aufgeklärt. So rätseln die Techniker noch immer, wieso die Gespräche manchmal kurz nach dem Wählen zusammenbrechen.

Ein wesentlicher Grund für den vielfachen Ärger sind offenkundig überwindbare Anfangsschwierigkeiten: Es gab zu wenig Sendestationen, und die arbeiteten mit zu geringer Leistung.

Erst Anfang vergangenen Monats waren, wie vorgesehen, endlich alle 170 Sender im Bundesgebiet installiert; die Sender haben, je nach Verkehrsdichte zwei bis 26 Kanäle.

Rund 750 Kanäle gibt es derzeit. Bis Ende dieses Monats sollen noch einmal 500 dazukommen, knapp 4000 Kanäle sollen bis Ende 1988 eingerichtet sein. Bis dahin werden die Autofahrer sich weiter über die vielen »Funklöcher« beklagen, bis dahin auch werden die verärgerten Post-Kunden versuchen, sich mit seltsamen Tricks zu helfen.

Rudolf Brändle aus Münsingen beispielsweise glaubt an die Richtstrahl-Theorie. Wenn der Architekt unterwegs meist auf den Strecken Stuttgart-Ulm und Tübingen-Leichlingen, ein grünes Lämpchen an seinem Telephon, Marke Philips, sieht, weiß er, daß das Gerät empfangsbereit ist. Dann stoppt er und fährt ein paar Meter zurück.

»Vom Sendestrahl getroffen«, parkt er seinen BMW ordentlich am Straßenrand und greift zum Telephon. Brändle hat damit eine Erfolgsquote, um die ihn mancher beneidet: Von jeweils zehn Gesprächsversuchen gelingt einer.

Mit Anlage für Autotelephon in Quickborn bei Hamburg.

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