Quam UMTS-Lizenz, sonst nichts mehr

Der kleinste deutsche Mobilfunkanbieter Quam wird auf das absolute Minimum zusammengestrichen. Möglicherweise werden die 200.000 Kunden auf andere Netzbetreiber umgeschaltet.


Zukunft sieht düster aus: Quam Filiale Hamburg
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Zukunft sieht düster aus: Quam Filiale Hamburg

München - "Es wird keine Neukunden-Akquise mehr geben", sagte Quam-Sprecher Matthias Andreesen. Lediglich die vorhandenen 200.000 Nutzer sollen seinen Worten zufolge weiter betreut werden. Dies werde zu einer deutlichen Reduzierung der Mitarbeiterzahl führen. Mit einem "Kernteam" wolle sich Quam künftig vollständig auf die Einführung der nächsten Mobilfunkgeneration UMTS konzentrieren.

Laut Andreesen werden alle notwendigen Maßnahmen ergriffen, um die Bedingungen für den Erhalt der UMTS-Mobilfunklizenz zu gewährleisten. "Wir haben die Lizenz, und wir halten die Lizenz", sagte der Sprecher. Aus Kreisen von Telefonica Moviles verlautete hingegen, es werde geprüft, die Kunden von Quam auf andere Netzanbieter umzuschalten.

Um seinen Kunden Mobilfunkdienste anzubieten, nutzt Quam das Netz von E-Plus. Dafür erhält E-Plus rund 670 Millionen Euro bis zum Jahr 2006.

Quam gehört zu einem in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz tätigen Firmenkonsortium des spanischen Mobilfunkanbieters Telefonica Moviles und der finnischen Sonera, das auch unter dem Namen Group 3G bekannt ist. Das Konsortium hatte in den jeweiligen Ländern UMTS-Lizenzen erworben. Die für mehr als acht Milliarden Euro ersteigerte deutsche Lizenz berechtigt Quam zum Betrieb eines UMTS-Mobilfunknetzes bis zum Jahr 2020. Dazu muss bis Ende 2003 ein Mobilfunknetz errichtet werden, das mindestens 25 Prozent der Bevölkerung in Deutschland mit UMTS-Diensten versorgen kann. Andernfalls kann die UMTS-Lizenz wieder entzogen werden. Die Bonner Telekom-Regulierungsbehörde sieht vorerst keine Notwendigkeit, die Vergabe der UMTS-Mobilfunklizenz an Quam zu prüfen. Ein Behördensprecher sagte, Quam habe über die Zukunft seines UMTS-Geschäfts noch keine endgültige Entscheidung gefällt. Vor dem Jahresende 2003 sehe die Behörde keine Veranlassung und keine Handhabe, die Erfüllung der Bedingungen für die UMTS-Lizenz zu prüfen.

Telefonica Moviles hatte als Hauptanteilseigner von Quam am Mittwochabend angekündigt, die Aktivitäten in Deutschland, Österreich, Italien und Schweiz neu ausrichten zu wollen.

Während die in Deutschland bereits laufende Vermarktung von GSM-Mobilfunkdiensten über das Netz von E-Plus eingestellt werden soll, wird der Umfang der Geschäftstätigkeit in Österreich und der Schweiz weiter reduziert. Deutschland galt als Test für die übrigen Aktivitäten der Gruppe. Bei einem Umsatz von 39,9 Millionen Euro belief sich der operative Verlust (Ebitda) bei Quam im zweiten Quartal auf 129,2 Millionen Euro. Zum Vorquartal stiegen die Verluste damit um rund 23 Prozent.

Wegen der verzögerten Marktreife der UMTS-Technologie wollen die Quam-Gesellschafter alle Investitionsentscheidungen über die künftige Mobilfunktechnik UMTS außerhalb ihrer Heimatmärkte so lange hinausschieben, bis sich die Marktbedingungen gebessert haben. Nachdem anfänglich in der Branche mit einem UMTS-Start im Jahr 2002 gerechnet wurde, wird nun der Beginn der Vermarktung zur Mitte kommenden Jahres erwartet.

In Unternehmenkreisen von Quam hieß es, die Neuausrichtungen des Unternehmens sei "völlig überraschend" gekommen und werde mehr als die Hälfte der gegenwärtig 900 Stellen kosten. Vor allem im Vertrieb werde die Stellenzahl voraussichtlich deutlich reduziert. Auf der Management-Ebene wird die Finanzgeschäftsführerin Katja Beyer nach Unternehmensangaben zum August ausscheiden. Nachfolger soll Stefan Würzner werden.

Vor gut zwei Wochen hatte bereits der Vorsitzende der Quam-Geschäftsführung, Ernst Folgmann, seinen Posten zur Verfügung gestellt und wird in den Aufsichtsrat wechseln. Bei Telefonica Moviles wurde der Executive Chairman, Luis Lada, durch Telefonica-Manager Antonio Viana-Baptista ersetzt. Lada wechselt in neuer Position zu Muttergesellschaft.

Von den Einschränkung der Geschäftsaktivitäten von Quam sind auch der niederländische Telekom-Konzern KPN und seine deutschen Mobilfunktochter E-Plus betroffen. E-Plus und Quam hatten über die Zusammenarbeit bei GSM hinaus vereinbart, ihre UMTS-Netze gemeinsam aufzubauen. Ein KPN-Sprecher sagte, durch den vorläufigen Rückzug von Quam aus dem UMTS-Geschäft sei die bisherigen Planung für den Netzstart in Deutschland im Jahr 2003 eingeschränkt. Die erhofften Einsparungen in Höhe von 750 Millionen Euro durch den gemeinsamen Netzaufbau würden nicht erreicht.

Analysten und Händler begrüßten den vorläufigen Stopp der UMTS-Aktivitäten von Sonera und Telefonica Moviles, was zu deutlichen Kursaufschlägen bei den Unternehmen sowie den Mobilfunkanbietern Vodafone, Orange, mmO2 und KPN führte.



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