Quants Wie Computer die Märkte bewegen

Still und heimlich wälzen Computerprogramme die Finanzmärkte um. Marktbeobachter sehen schon das Ende traditioneller Aktienfonds, die noch auf das Gespür von Starmanagern setzen. Die Vorteile der neuen Quant-Fonds sind bestechend - aber krisenfest sind sie nicht.

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Hamburg - Frank Lingohr vertraut auf Chicco. So heißt das Programm, das der selbstständige Fondsmanager aus Erkrath entwickelt hat, um Tausende Aktien nach mehreren Kriterien gleichzeitig beobachten zu können. Der Computer meldet laufend Kauf- und Verkaufssignale. Unter anderem ist Chicco darauf programmiert, vom Konsens der Analysten in jedem Fall abzuweichen - und Lingohr hält sich daran.

Börsenhändler in Brasilien: Quants rollen weltweit die Märkte auf
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Bislang mit Erfolg, sein weltweit investierender Aktienfonds Lingohr Systematic LBB Invest Chart zeigen bekommt Bestnoten und fuhr in den vergangenen drei Jahren im Schnitt 20 Prozent Rendite ein. In diesem Jahr steht bis heute trotz der Finanzkrise immerhin ein Plus von zehn Prozent in den Büchern.

Lingohr ist zwar ein Pionier in Deutschland, aber längst nicht der einzige quantitative Fondsmanager. Die Quants, wie sie im Jargon genannt werden, rollen die Märkte auf, ob sie ihre Modelle mit Kosenamen wie Chicco zelebrieren oder nicht. Barclays Global Investors und Axa Rosenberg sind internationale Vorreiter, doch kaum ein Emittent kommt noch ohne Quants aus. Laut einer Studie von IBM werden inzwischen rund 30 Prozent des Aktienhandels von Rechnern gesteuert. Bis 2015 sollen es 90 Prozent sein.

Große Namen im Fondsmanagement, Intuition, Börsenstorys? Alles überflüssig. Quant-Fonds können den Börsenerfolg kostengünstiger bringen. Außerdem schalten sie menschliche Schwächen weitgehend aus. Die Rechner halten einmal festgelegte Anlagestrategien leichter durch als Manager, wenn sie dem Börsentrend zu widersprechen scheinen.

Von traditionellen Kollegen misstrauisch beäugt

Kein Wunder, dass viele traditionell arbeitende Kollegen die Quants misstrauisch beäugen. Viele der Quant-Manager sind fachfremde Quereinsteiger, oft Mathematiker oder Physiker, die im Fondsmanagement eine interessante und lukrative Anwendung ihrer spröden Wissenschaft gefunden haben.

Auch Carsten Große-Knetter, der bei der BHF-Tochter Frankfurt Trust die quantitativen Fonds leitet, hat in Physik promoviert, über theoretische Elementarteilchenphysik und Quantenfeldtheorie. Sein Chicco heißt BMR+. 23 verschiedene Fonds werden damit verwaltet, der größte Publikumsfonds ist der FT Europa Dynamik Chart zeigen. Aus der genauen Konstruktion seines Modells macht er ein Geheimnis, wie die anderen Quants auch. Schließlich ist eine Investmentformel als Erfolgsrezept einfacher zu kopieren als das Renditegespür eines traditionellen Managerstars.

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Den Erfolg seiner Fonds im Rücken, leistet sich Große-Knetter Understatement. Ganz nonchalant spielt er die Mathematik, die regelmäßig den Markt schlagen soll, auf "vier Grundrechenarten und ein bisschen Statistik" herunter. Man könne "einfach auf den Knopf drücken und sich zurücklehnen". Allerdings müsse das Modell ständig weiterentwickelt werden und mit großen Datenmengen gefüttert werden. Ganz ohne Aufwand ist der Ertrag also nicht zu haben.

Als Allzweckwaffe sieht er die Quants allerdings nicht. Auch Frankfurt Trust habe Spezialitäten wie einen Unternehmerwertefonds Chart zeigen für Aktien eigentümergeführter Firmen im Angebot. Die könne man gar nicht als Quants führen, "weil da die Story zum Unternehmen noch eine wichtige Rolle spielt". Trotzdem: "Quantitative Fonds machen ein breites Anlageuniversum auch für ein mittelgroßes Haus wie unseres möglich." So könne Frankfurt Trust 2000 Aktien weltweit beobachten und auch Märkte wie Hongkong oder Singapur abdecken, früher ein Privileg der großen Banken.

Mehr Rendite, weniger Risiko?

Aber sind Quant-Fonds auch für Anleger besser? Wenn immer mehr Fonds auf der Suche nach der perfekten Formel dieselben Kriterien anwenden, wird immer mehr Kapital in die gleiche Richtung geschoben - und die Renditeunterschiede gleichen sich an. Man könnte also genauso gut auf einen Index setzen, weil ohnehin niemand den Markt schlägt.

Diese Aussicht "könnte einen schon allmählich nervös machen", gibt Große-Knetter zu. Doch alle Quant-Manager tickten unterschiedlich. So bleibe der Markt ineffizient und mache dauerhafte Outperformance mit Quant-Modellen möglich. Zwar gebe es Phasen, in denen die Fonds hinter den Vergleichsindizes zurückblieben, die dauerten aber nie länger als zwei bis drei Monate. "Das Modell erholt sich immer sehr schnell."

Über die Performance von Quant-Fonds insgesamt gibt es kaum Untersuchungen - schon weil sie sich schwer definieren lassen. Es gibt zahlreiche verschiedene Anlageziele, Rechtsformen und Strategien. Außerdem ist die Grenze zwischen Fonds, über deren Anlage der Computer entscheidet, und solchen, die Computer als Hilfsmittel benutzen, fließend. Die Fondsratingagentur Morningstar zählt nach ihren strengen Kriterien nur 16 in Deutschland vertriebene Quant-Publikumsfonds.

Wenn Nobelpreisträger versagen

Die Kritik an den rechnergesteuerten Investments ist nicht neu, sie wurde bereits vor zwanzig Jahren laut. Als die Börsen am 19. Oktober 1987 weltweit um bis zu 45 Prozent einbrachen, schien der Crash für viele Börsianer aus heiterem Himmel zu kommen. Trading-Programme, die große Mengen von Kauf- oder Verkaufsorders gleichzeitig bewältigen konnten, waren schnell als Sündenbock ausgemacht.

Die Börsenaufsicht SEC gab den Programmen in ihrer Untersuchung der Ereignisse zwar nicht die Hauptschuld, machte sie aber mitverantwortlich für die Beschleunigung der Panikverkäufe. Sie ordnete an, den Computerhandel auszusetzen, wenn der Dow Jones Chart zeigen an einem Tag mehr als 50 Punkte gewinnt oder verliert (später wurde die Grenze auf zwei Prozent des Indexwerts angehoben). Im Washingtoner Kongress wurde sogar über ein Verbot des Computerhandels beraten.

Viel Häme kassierte das Komitee für den Wirtschaftsnobelpreis, nachdem es 1997 Robert Merton und Myron Scholes für ihr Modell der Bewertung von Derivaten ausgezeichnet hatte. Im folgenden Jahr verlor der Hedgefonds LTCM, der eben dieses Modell nutzte und mit den beiden Preisträgern im Direktorium warb, innerhalb von drei Monaten mehr als vier Milliarden Dollar.

Auch in der aktuellen Kreditkrise sind Quants ins Gerede gekommen. Besonders Hedgefonds, die auf mathematische Algorithmen setzen, hatten es in den ersten Wochen nach dem Platzen der Subprime-Blase schwer. Global Equity Opportunities, ein Fonds von Goldman Sachs mit , verlor Anfang August innerhalb einer Woche rund 30 Prozent an Wert. Drei Milliarden Dollar ließen sich die Bank und verbündete Investoren eine kosten. Kurz darauf erwischte es mit Global Alpha einen weiteren Quant-Fonds von Goldman Sachs. Vor allem mit Carry Trades zwischen Yen und australischem Dollar fuhr der Fonds im August ein Minus von 22,5 Prozent ein.

Finanzvorstand David Viniar erklärte die Verluste damit, dass die Märkte sich in dieser Ausnahmesituation völlig entgegen der historischen Erfahrung und der Annahmen der Quant-Modelle bewegten. "Wir erleben Dinge, die einer 25-fachen Standardabweichung entsprechen, und das an mehreren Tagen hintereinander", so die Entschuldigung.

Selbst Hedgefondsstar James Simons musste Anfang August einen zerknirschten Brief an seine Anleger schreiben und ein 9-prozentiges Minus bei seinem Renaissance Institutional Equities Fund eingestehen. Der ehemalige Mathematikprofessor galt bis dahin als Genie. Niemand hatte seine Formel so erfolgreich konstruiert wie er.

Immerhin schaffte Simons' Modell es noch bis zum Monatsende, den Verlust wieder auszugleichen. Trotzdem war ein weiteres Denkmal der Quant-Szene gestürzt.



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