Radikal-Kapitalismus Russlands ruppige Telefon-Oligarchen
Hamburg - Es war ein sonniger Tag im Dezember, an dem Daniyar Omurzakov spürte, dass etwas nicht stimmte. Der Topmanager des kirgisischen Mobilfunkbetreibers Bitel hatte keinen Handyempfang mehr, dabei saß er in seinem Büro im Hauptgebäude des Telefonunternehmens. Er brauchte nicht lange nach den Schuldigen dafür zu suchen. Sie kamen zu ihm.
Etwa 50 Polizisten hatten in den Minuten zuvor das Bitel-Gebäude im Zentrum der kirgisischen Hauptstadt Bischkek umstellt. Kurz darauf stürmten Spezialeinheiten das Treppenhaus, besetzten die meisten Büros und die wichtigsten technischen Einrichtungen.
Dann schalteten sie die Server des Unternehmens ab, und von diesem Moment an hatten 90 Prozent der knapp 600.000 Handys in Kirgisien keinen Empfang mehr. Auch das Mobiltelefon Omurzakovs war plötzlich wie tot. Wenig später erreichten die Maskenmänner sein Büro.
Eine Frage des Umgangs
"Polizisten und Spezialeinheiten, getarnt mit schwarzen Masken, sind in unsere Büros eingedrungen. Fünf Minuten danach brach unser Netzwerk zusammen", beschreibt Erkanat Abeni den damaligen Zwischenfall gegenüber manager-magazin.de - Abeni ist ein Sprecher des Finanzinvestors Alliance Capital, der auf Umwegen an Bitel beteiligt ist. Omurzakov sei im Gebäude gefangen gehalten worden, zusammen mit einem hochrangigen Vertreter der russischen Mobilfunkfirma Mobilnyje Telesistemy (MTS).
Die Sache ist offenbar normales Business in Russland und den Anrainer-Staaten.
Der Erfolg von Omarzakovs Unternehmen Bitel hat Begehrlichkeiten geweckt - unglücklicherweise sowohl bei MTS als auch beim ebenfalls russischen Rivalen Alfa Group. Beide behaupten, längst die Aktienmehrheit an der Bitel zu besitzen - sie ist die einzige Telefonfirma im Lande mit einem technisch modernen GSM-Netz. Letztlich entschied Kirgisiens oberstes Gericht den Streit zu Gunsten der russischen Firma Reservspezmet, die wiederum zum Imperium der Alfa Group gehört.
MTS aber hält das Urteil des obersten kirgisischen Gerichts für "juristisch unbegründet", wie es mitteilen ließ. Deshalb will man sein Recht auf den Bitel-Anteil nun vor internationalen Gerichten verfechten. Die Sache ist also noch nicht ausgestanden, und bis dahin bleiben die Besitzverhältnisse an Bitel unklar.
Gefährliches Terrain
Eine kirgisische Sonderkommission hat zumindest so lange in den komplizierten Eigentümerstrukturen des Unternehmens gestöbert, bis wenigstens der Bitel-Vorbesitzer bekannt wurde: Es gehörte der Familie des kirgisischen Ex-Präsidenten Askar Akajew, die erhebliche Anteile daran via Reservspezmet an die Alfa Group verkauft haben soll. Das allerdings bestreitet MTS, die noch Mitte Dezember vergangenen Jahres den Kauf von 51 Prozent der Firma Tarino Limited von Alliance Capital bekannt gegeben haben. Der Finanzinvestor wiederum hatte mittels dieser Holding zuvor drei Offshore-Unternehmen auf der Insel Man erworben, die ebenfalls Ansprüche an Bitel anmelden.
Was sich anhört wie ein absurder Wirtschaftskrimi ist zum Lehrstück für westliche Unternehmer geworden, die sich für den russischen Markt interessieren - und gerade in Deutschland gibt es davon viele. Nach Angaben der deutschen Auslandshandelskammer zählen Firmen aus der Bundesrepublik zu den wichtigsten Russlandinvestoren, noch vor Konzernen aus den USA. Doch jetzt scheinen sich die Geschäftsbedingungen in Russland zu ändern.
"Die Phase, in der Russland ausländische Investoren brauchte, ist nahezu vorbei. Westliche Firmen müssen sich nun auch mal mit Minderheitsbeteiligungen zufrieden geben. Dann sollten die Konzernlenker allerdings wissen, worauf sie sich einlassen - und wie Firmen in Russland bisweilen miteinander umgehen", sagt Armin Raffalski, Senior Manager des Düsseldorfer Management-Consulting-Unternehmens Goetzpartners.
"Weiter kräftig bergauf"
Zumindest Russlands Mobilfunkbranche hat sich zu einem gefährlichen Terrain für Westfirmen entwickelt, die von ihren Heimatmärkten geordnete Rechtssysteme und mehr oder weniger verlässliche Geschäftspartner gewohnt sind. Doch auf Russlands Telekommarkt herrscht Goldgräberstimmung:
"Der dortige Mobilfunksektor hat in den Jahren seit 1999 pro Jahr um etwa 100 Prozent zugelegt. In den nächsten Jahren wird es wohl auch weiter kräftig bergauf gehen, wenn auch nicht mehr mit diesen Traumraten", sagt Telekomexperte Raffalski. Solche Aussichten lockten nicht zuletzt russische Geschäftsleute, die zwar kaum Ahnung von Mobilfunknetzen oder dem Telefongeschäft haben - aber ähnlich wie die Unternehmer der Ölbranche bringen sie oft beste Beziehungen zu wichtigen russischen Politikern und auch ein gewisses Maß an Rücksichtslosigkeit mit.
"Wir sind eher Finanzinvestoren", bestätigte Alfa-Group-Mitbesitzer Mikhail Fridman kürzlich dem "Wall Street Journal". "Wir betrachten uns nicht als Experten für die Branchen, in denen wir tätig sind." Das sind inzwischen nicht wenige: Über ein Geflecht von Firmen hält Fridman Beteiligungen an Öl-, Handels-, Bank- und Telekommunikationsunternehmen. Längst ist er in die Klasse der Superreichen Russlands aufgestiegen: Fridmans Vermögen wird auf sieben Milliarden Euro geschätzt. Gerne erzählt er, wie er dafür habe kämpfen müssen.
Teil zwei: Nie den Kreml gereizt
Noch an der Universität in Moskau sei er als jüdisches Kind aus dem ukrainischen Lvov von den anderen geschnitten worden. Statt zu Ende zu studieren, habe er deshalb als einer der ersten Russen Anfang der neunziger Jahre ein Import- und Exportgeschäft aufmachen müssen. Fridman handelte fortan so ziemlich mit allem, was zu bekommen war: Zucker aus Kuba und Öl aus Baku.
Das erwies sich später als Glücksgriff. Zusammen mit zwei russischen Emigranten als Geldgebern habe er ehemalige Staatsbetriebe im Dutzend aufgekauft und zur Tyumen-Oil-Gruppe zusammengefasst; das Unternehmen ist heute unter seiner russischen Abkürzung TNK bekannt.
Mit seinem neuesten Telefongeschäft aber hat Fridman vielleicht einen Fehler gemacht. Sein Griff nach Bitel in Kirgisien bringt ihn in Konkurrenz zu MTS. Und MTS wurde ausgerechnet unter dem Regime von Leonid Reiman, dem russischen Telekommunikationsminister, zu dem was es heute ist: der größte russische Mobilfunker.
"Ich habe bei meinen Geschäften stets darauf geachtet, nichts zu unternehmen, was der Kreml als Herausforderung seiner Kontrolle über die nationale Politik werten könnte", sagte der 42-jährige Fridman noch Wochen vor dem Bitel-Deal zu Reportern des "Wall Street Journals" - und begründete so seinen kometenhaften Aufstieg vom Niemand zum Multimilliardär.
Für westliche Firmen ist die Gefahr aus dem russischen Telekom-Markt noch viel größer. "Oft sind die Besitzverhältnisse an interessanten Unternehmen für Investoren so unklar, dass die bei ihrem Einstieg in den Betrieb gar nicht bemerken, mit wem sie sich anlegen", sagt ein Moskauer Rechtsanwalt, der unter anderem für westliche Telekomkonzerne als Berater arbeitet und anonym bleiben möchte. Die finnische TeliaSonera ist erst kürzlich in so eine Falle getappt.
Der skandinavische Konzern hat einen 43,6-Prozent-Anteil an dem drittgrößten russischen Mobilfunkunternehmen Megafon erworben. Auf den ersten Blick vielleicht ein Geschäft mit Perspektive: Megafon ist die einzige russische Telefongesellschaft, die eine landesweite GMS-Lizenz besitzt, und das ist im boomenden Mobilfunkmarkt Russlands ein riesiger Wettbewerbsvorteil. Doch seit einigen Wochen weiß TeliaSonera-Chef Anders Igel nicht mehr genau, mit wem er es bei Megafon eigentlich alles zu tun hat.
"Manche empfinden es als aggressiv"
Ein weiteres Drittel der Megafon-Anteile hält offenbar das Unternehmen Telecominvest, in der alle ehemals selbstständigen Telefongesellschaften aus Sankt Petersburg zusammengefasst worden sind; der Ex-Chef der Holding ist Leonid Reiman, Russlands Telekomminister. Weitere 25 Prozent an Megafon aber hat sich Mikhail Fridman gesichert, der dem Kreml-Minister damit schon wieder in die Quere kommt. Und jetzt beansprucht Fridman auch noch erhebliche Anteile von Reimans Telecominvest-Paketes - und wieder müssen Gerichte entscheiden, wem jetzt eigentliche wie viele Prozent an Megafon gehören.
Derzeit sind Klagen anhängig in der Schweiz, auf den Bahamas und den British Virgin Islands, in denen es vor allem um Vorkaufsrechte für Megafon-Aktienpakete geht. Bis das geklärt ist, bleibt TeliaSonera an einem teils gelähmten Unternehmen beteiligt.
Das allerdings kann dauern. Der Vorsitzende des angerufenen Züricher Schiedsgerichtes legte sein Mandat kürzlich nieder. Er beklagte sich, überwacht worden zu sein, und auch sein Müll sei durchwühlt worden.
Mittlerweile hat ein weiterer westlicher Telefonkonzern Probleme mit seinen Russland-Aktivitäten. Die norwegische Telenor sucht verzweifelt nach einer Lösung eines ähnlichen Streits. Es geht darum, wer bei Vimpelcom das Sagen hat, der Nummer zwei des russischen Telefonmarktes: Telenor, die einen Anteil in Höhe von 29,9 Prozent der Aktien und 26,6 Prozent der Vimpelcom-Stimmrechte halten oder Fridmans Alfa Group, die einen 24,5 Prozent schweren Aktienanteil an dem Unternehmen besitzt.
Telenor-Chef Jon Fredrik Baksaas warnte vor der vergangenen Vimpelcom-Hauptversammlung sogar die Kleinaktionäre des Unternehmens, Alfa-Vertretern eine Mehrheit im neunköpfigen Aufsichtsrat zu bescheren. Dann werde Telenor den Verkauf seines Russland-Geschäfts erwägen. Doch mehr als die Drohung ist bisher nicht passiert, und mittlerweile kontrolliert Alfa 32 Prozent der Stimmrechte an Vimpelcom.
Von höchster Stelle
"Das ist unser Stil, auch unsere Strategie, und die werden wir auch nicht ändern. Wir machen eine ganze Reihe Dinge, die manche Leute aggressiv finden", sagte Fridman lakonisch zu dem Fall.
"Bald werden finanzstarke russische Konzerne auch bei uns im Westen Fuß fassen wollen. Spätestens dann müssen sich unsere Firmen genau überlegen, wem sie im Falle eines Falles künftig die Beteiligung an ihrem Unternehmen gestatten wollen", sagt Goetzpartners-Experte Raffalski.
Vielleicht bekommt der russische Multimilliardär Fridman eher Probleme als die Telefongesellschaften hier zu Lande. Sein Kreml-Gegenspieler Reiman bekam den Chefsessel der Telecominvest einst von höchster Stelle - von Wladimir Putin. Denn Russlands Präsident war einst Geheimdienstchef von Sankt Petersburg und hatte in dieser Funktion die Aufsicht über die Telefonfirmen des Stadtgebietes. Kaum im Präsidentenamt, noch im August 1999, machte er aus Reimans Petersburger Staatskomitee für Telekommunikation ein neues Staatsministerium.
"Kein russischer Minister ist mehr als Leonid Reiman mit dem Markt verzahnt, den er eigentlich kontrollieren soll", schreibt "Moskowskije Nowosti". Und kein russischer Minister ist vielleicht so eng mit Präsident Putin befreundet wie Telekomminister Reiman.