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09. Juni 2006, 13:49 Uhr

Rätselraten

Merck torpediert Bayers Schering-Offerte

Der Milliarden-Poker um den Berliner Pharmakonzern Schering geht überraschend in eine neue Runde. Kurz vor Ablauf der Angebotsfrist des Konkurrenten Bayer für Schering sorgt der im Bieterstreit unterlegene Merck-Konzern mit massiven Käufen von Schering-Aktien für Aufruhr.

Frankfurt am Main - Bisher galt es als sicher, dass Bayer den Schering-Konzern in der größten Übernahme der Firmengeschichte für 16,5 Milliarden Euro schlucken würde. Mit der Offerte hatte Bayer das konkurrierende Angebot von Merck in Höhe von 14,6 Milliarden Euro gestoppt. Doch jetzt stockte Merck überraschend seinen Anteil an Schering von unter fünf auf inzwischen 10,1 Prozent auf.

Tablettenpackungen von Merck und Schering: Neues Angebot ist unwahrscheinlich
DDP

Tablettenpackungen von Merck und Schering: Neues Angebot ist unwahrscheinlich

Marktbeobachter rätselten heute deshalb über die Motivation der Darmstädter. "Merck ist unserer Einschätzung nach immer noch an einer Übernahme von Schering interessiert", mutmaßte ein Analyst. Andere glauben, das Familienunternehmen, das mit der Schering-Übernahme die eigene Pharmasparte stärken wollte, könnte sich mit Hedge-Fonds zusammen tun und so die Bayer-Pläne durchkreuzen oder eine Übernahme durch die Leverkusener in die Länge ziehen. Nach Angaben aus Branchenkreisen halten Hedge-Fonds bereits rund 20 Prozent an dem Berliner Traditionsunternehmen.

Merck selbst äußerte sich nicht konkret zu den Zielen im Übernahmepoker. In einer offiziellen Stellungnahme an die US-Börsenaufsicht SEC hieß es, Merck habe die Zukäufe getätigt, um seine Position für den Fall eines Scheiterns des Bayer-Angebots für Schering zu sichern. Ein erneutes Angebot von Merck für Schering würde Marktbeobachter und Branchenexperten jedoch eher überraschen. Im März hatte Merck noch mitgeteilt, im Bieterstreit nicht mehr nachlegen zu wollen.

Bei Bayer glaubt man unterdessen, es sei durchaus möglich, dass der Konzern bei der Übernahme auf den Merck-Anteil verzichten muss: "Wir müssen uns darauf einstellen, dass Merck uns seine Aktien möglicherweise nicht andienen wird", sagte Bayer-Finanzchef Klaus Kühn der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Durch die neue Entwicklung bestehe sogar das Risiko, dass die Mindestannahmequote von 75 Prozent von Bayer zum Ende der Frist am nächsten Mittwoch nicht erreicht werde.

Die Übernahme von Schering durch Bayer könnte am Ende nach Ansicht von Beobachtern trotzdem gelingen: "Auch wenn Bayer am 14. Juni keine 75 Prozent hat, kann sich Bayer mit Schering auf eine Übernahme einigen", sagte ein Düsseldorfer Analyst. Dafür gelte eine Frist von einem Jahr.

ase/dpa-AFX

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