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Ramschware Mensch

Von Sabine Kartte
aus DER SPIEGEL 31/1994

Machen wir doch einfach mal, was der Wirtschaftsminister sagt, dachten sich die Nürnberger Arbeitslosen und inszenierten ihren eigenen Schlußverkauf: 100 Arbeitslose, 20 Prozent Preisnachlaß pro Stück, 60-Stunden-Woche kein Hindernis, gern auch nachts und am Wochenende.

Und mit einemmal guckten alle hin: Zeitungskolumnisten, Politiker und Wirtschaftsverbändler wogen das Angebot, bemängelten, lobten, warnten. Dabei hatten es die Nürnberger gar nicht ernst gemeint - Ironie sollte es sein, beißend und bitter.

Ernst oder nicht - wer kann das noch auseinanderhalten in der Debatte um die Arbeitslosigkeit, die selbst ein Witz ist. Obwohl kein anderes Thema die Bürger, die Kassen, das soziale Klima so drückt, plappern Wirtschaftsweise und Wirtschaftsminister wie kleine aufgezogene Blechkasper immerzu dasselbe: Die Löhne müssen runter.

Niedrigere Einstiegslöhne für Arbeitslose schlägt Wirtschaftsminister Günter Rexrodt vor. Logisch: Wenn die Ware liegenbleibt, dann müssen die Preise sinken. Bei Schrauben und Bettwäsche ist das so. Auch bei Arbeitslosen? In der Chemie haben die Tarifpartner im Frühjahr die Einstiegslöhne für Langzeitarbeitslose um zehn Prozent gesenkt. Drei Hände reichen, um die Arbeitslosen, die dadurch einen Job gefunden haben, aufzuzählen. Arbeitgeberfunktionäre raunen sich längst zu, daß die Aktion ein Flop sei: Warum sollen Firmen, die für viel Geld Zehntausende von Beschäftigten nach Hause schicken, Langzeitarbeitslose einstellen?

Weil das in den USA auch so ist, sagt der Wirtschaftsminister. Millionen von Jobs seien da im Nu entstanden, nur weil die Arbeitskraft dort so billig ist. Na klar, warum sollen sich Arbeitslose nicht in der Versandhauspackerei verdingen oder Maschinen putzen? Befristete Verträge haben sie zumeist, ohne ausreichende Versicherung, und sie werden so schlecht bezahlt, daß es nicht einmal für das Existenzminimum reicht. So lassen sich Belegschaften nach Belieben auf- und abbauen, ohne Einarbeitungszeit, ohne Abfindungen. Ramschware Mensch.

Auch wenn die Arbeitslosen hierzulande mitmachten - sie fänden kaum genügend Jobs. Jeder Sachbearbeiter vom Arbeitsamt weiß, daß deutsche Unternehmen, wenn sie überhaupt einstellen, junge, qualifizierte, flexible Leute haben wollen und keine Problemfälle vom Arbeitsamt - auch nicht mit Rabatt. Die vielen Jobs für Niedriglöhner a la Rexrodt sind nicht da. Sie wurden ins Ausland verlagert oder werden von Maschinen erledigt.

In den neuen Bundesländern findet der Minister die niedrigen Löhne, die er sich wünscht. Für einen Metaller oder eine Buchhalterin zahlen die Unternehmer dort gut 20 Prozent weniger als im Westen. Werden deshalb massenhaft Leute eingestellt?

Der klassische Arbeitsmarkt hat sich verändert, die traditionellen Gewerbe schrumpfen, genügend Arbeitsplätze für all die Millionen wird es nicht mehr geben. Da können die Tariflöhne fallen, wie sie wollen.

Neue Arbeitsfelder müssen erschlossen, neue Arbeitsmärkte organisiert werden. Das schafft die Wirtschaft nicht allein. Im Osten versuchen Länder, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften gemeinsam, Ideen und Modelle zu entwickeln, Märkte für soziale Dienste, für Umweltjobs zu schaffen - ein Anfang immerhin.

Aber die vielen Blechkasper in Politik und Wirtschaft mit ihren immer gleichen Antworten machen gar nicht den Eindruck, als wollten sie ernsthaft über die Arbeitslosigkeit debattieren.

In diesem Land müssen Arbeitslose für sich selbst kämpfen. Die 100 Leute in Nürnberg haben es getan. Die Aufmerksamkeit, die sie mit ihren Flugblättern und Mahnwachen nicht fanden, wurde ihnen mit Hilfe des Wirtschaftsministers zuteil: Quatsch reden - und alle hören hin.

Die vielen Jobs für Billigkräfte sind nicht da

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