Raststättenkäufer Guy Hands im Interview "Mehr Burger King und McDonald's"

Für eine Milliarde Euro hat der britische Investor Guy Hands die Bonner Firma Tank & Rast gekauft - damit kontrolliert er fast alle Raststätten und Tankstellen an deutschen Autobahnen. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt Hands nun, was er mit den Rasthäusern vorhat. Und er sagt, warum er zu den 75.000 Wohnungen, die seine Firma in Deutschland schon besitzt, noch viele tausend hinzukaufen möchte.


Investor Hands: "Das ultimative Adrenalin-Geschäft, in dem Sie immer aufgewühlt sind"
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Investor Hands: "Das ultimative Adrenalin-Geschäft, in dem Sie immer aufgewühlt sind"

SPIEGEL ONLINE:

Herr Hands, genießen Sie es als Brite eigentlich, in Deutschland Autobahn zu fahren?

Guy Hands: Die Autofahrer sind disziplinierter als in Großbritannien, das ist tröstlich. Aber das Tempo kann einem schon Angst einjagen. Es ist viel höher als bei uns auf den Motorways. Ich persönlich fahre nicht gern so schnell.

SPIEGEL ONLINE: Vergangenen Monat hat Ihre Gesellschaft Terra Firma die deutsche Tank & Rast übernommen, den Besitzer von 720 Tankstellen und Raststätten an der Autobahn. Wann sind Sie auf diese Idee gekommen?

Hands: Ich habe schon seit 1998 darüber nachgedacht, die Stationen zu kaufen. Dass ich die erste besucht habe, ist länger her, das war wohl vor zehn Jahren ...

SPIEGEL ONLINE: ... als Tank & Rast noch dem Bund gehörte und ziemlich altmodisch war ...

Hands: Stimmt. Es hat mich sehr überrascht, dass die Raststätten bisher weniger verkaufsorientiert sind als bei uns in Großbritannien. Dort können Sie Geschenke kaufen, es gibt CD-Läden. Überall hängen Hinweisschilder. In Deutschland sind die Rasthäuser viel funktionaler. Sie tragen keinen sichtbaren Markennamen. Und während der Fahrt wissen Sie meist nicht, wann die nächste Raststätte kommt und welche Ausstattung sie hat.

SPIEGEL ONLINE: Dann werden Sie als neuer Eigentümer die deutschen Raststätten wohl in Fast-Food-Paläste und Shopping-Tempel verwandeln?

Hands: Nicht unbedingt. Deutschland ist ein besonderer Markt. Die Käufer sind noch immer sehr preisbewusst und wollen ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Im Moment besprechen wir uns mit dem Management von Tank & Rast und mit den Pächtern. Wir wollen ermitteln, was beim deutschen Kunden ankommt.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie schon erste Ideen?

Hands: Die Grundqualität der Raststätten muss einen gewissen Standard erreichen und überall ähnlich sein. In einige ältere Häuser werden wir Geld stecken, um sie über diese Schwelle zu heben. Ich glaube auch, dass es attraktiv wäre, mehr Nordsee-Theken, Burger Kings oder McDonald's einzuführen. Ich weiß nicht, ob das Essen gesund ist, aber es geht ziemlich schnell. Wenn Sie an der Autobahn anhalten, wollen Sie nicht unbedingt ein 45-Minuten-Menü.

SPIEGEL ONLINE: Die Grundidee von Gesellschaften wie Terra Firma ist, andere Firmen für Tiefstpreise zu kaufen, sie umzukrempeln und ein paar Jahre später mit möglichst üppigem Gewinn wieder loszuschlagen. Wann trennen Sie sich von Tank & Rast?

Hands: Wir wollen die Firma auf mittlere Frist behalten - fünf bis sieben Jahre lang, vielleicht länger. Unsere Erfahrung ist, dass man seine gelungenen Investments sehr gut wieder loswird. Deshalb ist man ständig versucht, zu früh zu verkaufen. In Großbritannien hat uns William Hill gehört, die Wettbüro-Kette. Die haben wir nach 13 Monaten für einen Profit von 140 Millionen Pfund verkauft. Heute sind die Anteile aber mehr als das Sechzehnfache wert.

Raststätte von Tank & Rast: "Eine gewissen Standard erreichen"
DPA

Raststätte von Tank & Rast: "Eine gewissen Standard erreichen"

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Heimat gelten Sie als eine Art Wunderkind Ihrer Branche. In Deutschland hatten Sie Probleme, überhaupt auf den Markt vorzudringen. Waren Sie erleichtert, als der jüngste Kaufvertrag fertig war?

Hands: Einen Deal zu machen ist seltsam. Es ist das ultimative Adrenalin-Geschäft, in dem Sie immer aufgewühlt sind - aber nie wirklich "erleichtert". Am Anfang hoffen Sie eine furchtbar lange Zeit, dass der Deal klappt. Sie sorgen sich, dass Sie ihn doch nicht bekommen. Dann, in der Sekunde, in der alles klar ist und Sie kaufen, sorgen Sie sich schon wieder: Wird alles funktionieren, wie kann ich das sicherstellen? Und am Schluss, wenn man wieder verkauft, ist man oft traurig.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen von Adrenalin - dabei kaufen Sie fast nur Firmen aus Branchen, die extrem langweilig und unspannend scheinen: Abfallentsorger oder Immobilienfirmen mit Massenwohnblocks.

Hands: Besonders sexy sind die nicht. Es würde bestimmt Spaß machen, mal für eine Firma wie Gucci zu bieten. Aber wir sind keine Designer - kommen Sie in unser Büro, dann sehen Sie es. Autobahnraststätten oder Standardwohnungen sind wahrscheinlich viel wichtiger fürs Leben als die Marken mit den großen Namen.

SPIEGEL ONLINE: Ihren ersten Deal haben in Deutschland gemacht, als Sie 64.000 der früheren Eisenbahner-Wohnungen übernahmen - damals das größte Immobiliengeschäft dieser Art. Fällt Ihr nächster deutscher Kauf wieder in diese Branche?

Hands: Wir haben uns in Deutschland durchaus noch andere Firmen angeschaut: Einzelhändler, Leasing-Gesellschaften, Hotels. Aber wir dachten uns, dass die Lust auf Konsum noch einige Zeit lang schwach bleiben wird und der Hotelmarkt überbebaut ist. Der Wohnungsmarkt dagegen ist sehr attraktiv.

SPIEGEL ONLINE: Die Preise vor allem für große Wohnanlagen werden aber kaum ins Unermessliche steigen.

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Hands: Dafür wird sich die Eigentümerstruktur verschieben. In Deutschland gibt es traditionell weniger Eigentumswohnungen als in anderen westeuropäischen Ländern. Wir glauben aber, dass die Deutschen genauso gern in einer eigenen Wohnung leben wollen wie etwa die Briten. Das deutsche Wohnungsgeschäft ändert sich also - weg von der Vermietung mit sehr, sehr geringen Renditen, hin zu einem Verkaufsgeschäft.

SPIEGEL ONLINE Viele Mieter sorgen sich aber, wenn ihre bislang öffentliche Wohnungsgesellschaft an einen ausländischen Finanzinvestor verkauft wird.

Hands: Deswegen bestehen die Verkäufer zunehmend auf Sozialklauseln im Vertrag, um die Mieter zu schützen. Für uns war das schon immer selbstverständlich. Wir bieten jedem Mieter an, seine Wohnung zu kaufen. Manche können sich das aber nicht leisten und sind als Mieter zufrieden. Dann behalten wir die Wohnung und vermieten sie weiter. Wir bestehen auch darauf, die Wohnhäuser nicht einzeln an andere Investoren zu verkaufen. Das ist ein sehr emotionales Thema. Viele dieser Investoren wollen die Anlage umbauen, Wohnungen zusammenlegen oder sie in Luxuswohnungen umwandeln.

Eisenbahner-Wohnungen (hier in Stuttgart): "Einnahmestrom sehr verlässlich"
DPA

Eisenbahner-Wohnungen (hier in Stuttgart): "Einnahmestrom sehr verlässlich"

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie in den kommenden Monaten noch einmal auf dem deutschen Immobilienmarkt zuschlagen?

Hands: Standardwohnraum in Deutschland ist zum heißen Markt geworden, vor allem für die großen amerikanischen Immobilien-Investoren. Der Einnahmestrom in diesem Geschäft ist sehr verlässlich. Man kann die Immobilien leicht als Kreditsicherheit benutzen. Die Preise sind im internationalen Vergleich noch immer sehr niedrig. Da werden einige unserer Wettbewerber höhere Preise bieten - für uns wird es schwieriger, neue Gebäude zu kaufen. Aber wir geben weiter konkurrenzfähige Angebote ab. Im Moment sehen wir uns ein paar Gebäudeportfolios genauer an. Bei einem sind wir kurz davor, unser abschließendes Gebot einzureichen.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt Spekulationen, dass Sie ein Auge auf Viterra geworfen haben, den Immobilienzweig von E.on mit 150.000 Mietwohnungen. Wenn der verkauft wird, wäre das die größte Transaktion dieser Art in der deutschen Geschichte.

Hands: Wir sehen uns alle großen Transaktionen an, die auf den Markt kommen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

SPIEGEL ONLINE: Ihr selbst erklärtes Ziel ist es, gut 40 Prozent Ihres Kapitals für Käufe in Deutschland einzusetzen. Warum suchen Sie sich kein wachstumsstärkeres Land aus?

Hands: Irgendwann in ihrem Lebenszyklus erlebt doch jede große und erfolgreiche Volkswirtschaft eine Phase mit wenig Bewegung. Alle beten herunter, wie schwach Deutschland sei. Sie vergessen, dass Deutschland in den letzten zehn Jahren immer noch gewachsen ist. Die Sozialsysteme sind zu teuer - aber die kann man auf lange Sicht anpassen. Die höchste Wachstumsrate in Europa hat Russland. Das ist großartig - aber heißt es, dass Russland als Ziel für Investitionen attraktiver ist als Deutschland? Wohl kaum.

Das Interview führte Matthias Streitz



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