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AFFÄREN Rat von Reh

Zäh und trickreich verteidigte ein Mainzer Ministerialrat die Mieteinnahmen aus einem Grundstück, das er sich auf dubiose Weise verschaffte.
aus DER SPIEGEL 1/1974

»Wo immer Not am Manne war«, so erinnert sich Egon Augustin, Ministerialrat im Mainzer Wirtschaftsministerium. habe er ausgeholfen -- »nicht als Beamter, sondern als Mensch«.

Bei einer Witwe im pfälzischen Dirmstein etwa machte er sich »in einer für mich schwierigen Zeit, als mein Mann schwer erkrankt war und dann auch verstarb«, um die Mehrung ihres »nicht unerheblichen Vermögens« verdient. Seine Nächstenliebe ließ sich der Hilfsbereite mit 25 (XX) Mark belohnen.

Einträglicher noch bahnte sich für den Ministerialrat, der zugleich der halbstaatlichen Rheinland-Pfälzischen Gesellschaft für Wirtschaftsförderung vorsaß. ein Grundstückshandel an. lind auch bei diesem Deal. der ihm und den Seinen immerhin 7900 Mark pro Monat einbringt, habe er -- so Augustin treuherzig -- nicht an sich gedacht.

Obgleich sein Ministerium für 27 Millionen Mark die Kais des neuen Industriehafens bei Germersheim hergerichtet hatte, fand ein 42 000 Quadratmeter großes Grundstück in bester Lage. so erinnert sich Wirtschaftsförderer Augustin heute. »überhaupt keinen Interessenten«.

Da traf es sich gut, daß der Beamte den Weinkaufmann Günther Reh, 45. aus Leiwen an der Mosel intensiv kennen- und schätzengelernt hatte. Denn der Augustin-Freund war auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten für seine Millionen. Diesem Hobby ging Reh so intensiv nach, daß ihm für seinen Weinbetrieb kaum noch Zeit blieb: Wegen »Unterlassens jeglicher Aufsichtsmaßnahmen«, Etikettenschwindels und allerlei Wein-Mixereien wurde er 1973 vom Karlsruher Bundesgerichtshof verurteilt.

Nach Trier und anderwärts, so Wirtschaftspromoter Augustin, habe er den Freund Reh geschickt -- nur nicht nach Germersheim. Daß dort Industriegelände brachlag. erfuhr der Weinhändler erst von dem Speditionskaufmann Hans Abt -- an den er freilich beiläufig von Augustin verwiesen worden war.

Abt wiederum mochte nicht ohne seinen Freund Augustin verhandeln, denn beide sind sich seit langem gewogen. Rasch erkannte Reh, wie er das amtliche Interesse des Ministerialbürokraten an seinem Geschäft zu steigern vermochte: Augustin sollte bei der Sache nicht leer ausgehen. Die drei beschlossen, gemeinsam das preiswerte Grundstück zu erwerben.

Doch da gab es noch ein Problem. Reh: »Mir war bekannt, daß beide Herren kein Vermögen besaßen.

Reh wußte Rat. Er behob die Not durch ein Darlehen von zweimal 250 000 Mark und legte den Rest selber dazu. Für rund eine Million Mark erstand das Trio am Germersheimer Hafen rund 1,7 Hektar, 6,70 Mark je Quadratmeter und errichtete dort eine Lagerhalle, weitere 45 000 Quadratmeter, gleich anschließend, hatte die Stadt für eine Lagerhaus GmbH reserviert.

Wer hinter dieser Firma steckte laut Handelsregister: Inge Augustin, geborene Müller. sowie die Damen Reh und Abt -. blieb dem Grundstücksverkäufer, der Stadt Germersheim, bis zuletzt verborgen. Um so größer war dann bei Bürgermeister Siegfried Jantzer nach eigener Erinnerung sein Erstaunen, als er beim Kaufakt vom Notar den Namen seines Freundes Egon Augustin erfuhr.

Dem Augustin nämlich, der bei ihm ständig ein und aus ging, wußte sich der Stadtschulze eng verbunden, denn beide waren schon einmal, 1968 auf Dienstfahrt an der Donau, auf Glatteis verunglückt.

Das ganze Geschäft schien dem Wirtschaftsförderer, Ministerialrat und Grundstückserwerber nach Wunsch zu gelingen. Sogar Helmut Kohl, Ministerpräsident im Land der Reben und Retorten, kam zu Besuch und gratulierte der Nahrungsmittelfirma Monda, die das Anwesen von Augustin und Co. gemietet hatte, zu ihrer neuen Fabrikanlage. Sein Ministerialrat, der heimliche Hausherr, hatte mit diesem Dank nicht gerechnet,

Dafür konnte er sich. Monat für Monat. erfreuliche Bewegungen auf seinem Konto besehen. Denn, geschäftstüchtig wie sie nun einmal waren, hatten die drei ihre Mieteinnahmen an die Steigerung der Lebenshaltungskosten gekoppelt und kassierten inzwischen mehr als 31 000 Mark monatlich,

Als im vorvergangenen Jahr der SPIEGEL (22 1972) erste Nachrichten über die ungewöhnlichen Nebenverdienste des egoistischen Wirtschaftsförderers veröffentlichte, wurde dem Augustin die Freude an dem mühelos erworbenen Besitz vergällt. Die Landesregierung zog ihren ins Gerede gekommenen Staatsdiener aus der Wirtschaftsförderungsgesellschaft zurück und verpflichtete ihn, den ergatterten Germersheimer Grundbesitz wieder aufzugeben,

Doch derlei Ansinnen hatte Augustin vorzubeugen gewußt. Der Ministerialrat, so hieß es im vergangenen Jahr zu einer Großen Anfrage der SPD im Mainzer Landtag, habe alles seinen Kindern Lukas, 14, und Jörg. 9. unwiderruflich vermacht und obendrein ausdrücklich auf jeden Nießbrauch verzichtet. Beide Willenserklärungen seien -- wie von der Landesregierung gefordert -- vor einem Notar abgegeben und Rechtens.

Doch Egon Augustin mochte sich su leicht nicht von seinem Besitz trennen, In einem dritten -- bislang unbekannten -- Schenkungsvertrag vom Freitag, dem 13. Oktober 1972, hatte er sich die Früchte seiner kaufmännischen Tätigkeit zurückgeholt. Seine Söhne verpflichteten sich in diesem Papier, dem Vater »auf jederzeitiges Verlangen ein lebenslängliches und unentgeltliches Nießbrauchsrecht an dem übertragenen Grundbesitz einzuräumen«.

So abgesichert, fühlt sich Augustin auch dem Disziplinarverfahren. das er gegen sich selbst beantragte, gewachsen. Die Nebeneinkünfte seiner Familie sind für ihn »keineswegs besonders muntere Einnahmen von attraktivem Umfang«.

Auch der parlamentarische Untersuchungsausschuß, dem er sich in den nächsten Wochen stellen muß, kann den Ministerialrat nicht schrecken, Der CDU-Sympathisant baut darauf, daß die CDU-Mehrheit der Parlamentarier ebenso wie er zu dem Schluß kommen werde, daß bei seinen Transaktionen von Spekulation »gewiß keine Rede sein« könne.

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