Ratingagentur Moody's veröffentlicht Liste bedrohter US-Firmen

Die Ratingagentur Moody's hat eine Krisenliste mit 283 Firmen veröffentlicht, denen die Pleite droht. Schon wird sie mit den "Todeslisten" des Neuen Marktes verglichen. Experten warnen vor diesem Vergleich - halten die Aufzählung aber für nützlich.

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Hamburg - In Zeiten globaler Rezession und angespannter Kreditmärkte stellt sich für viele Investoren die Frage, welches Unternehmen womöglich als nächstes in finanzielle Schwierigkeiten geraten oder gar in die Insolvenz rutschen könnte. Mit Moody's Investor Service hat jetzt eine der weltweit führenden Ratingagenturen eine Liste von US-Unternehmen veröffentlicht, die sie derzeit für am stärksten gefährdet hält.

Chrysler-Mitarbeiter in Warren, Michigan: Autoindustrie besonders bedroht
AP

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Die unter dem Namen "Unterste Stufe" veröffentlichte Liste nennt insgesamt 283 Unternehmen, die rund 23 Prozent aller US-Firmen mit einem spekulativen Rating darstellten. Nach Aussagen der Bonitätswächter wurden Unternehmen auf die Liste gesetzt, die ein Rating von Caa1 oder schlechter, ein B3-Rating mit negativem Ausblick oder ein B3-Rating besitzen, das auf eine Herabstufung geprüft wird.

Die Liste stellt ein breites Abbild der amerikanischen Wirtschaft und Unternehmenslandschaft dar. Sie nennt Firmen aus nahezu jedem Sektor - Telekommunikation ist darunter, aber auch Transport, Energie, Einzelhandel und Spielkasinobetreiber. Überproportional stark sind Firmen aus den Sektoren Medien und Automobilindustrie vertreten. So finden sich auf der Liste neben den Autobauern General Motors Chart zeigen, Chrysler und Ford Chart zeigenauch Medienunternehmen wie American Media Operations oder die Barrington Broadcasting Group.

Die Ratingexperten haben nach eigenen Angaben vor ein paar Monaten damit begonnen, die Liste auf Basis der vorhandenen Ratings zusammenzustellen, und wollen sie jetzt monatlich aktualisieren. Im vergangenen Jahr hätten sich nach dieser Methode nur 157 Unternehmen auf der Liste wiedergefunden. Den Anstieg auf 283 Firmen im März dieses Jahres interpretiert die Agentur als ein Indiz dafür, dass angesichts der Wirtschaftskrise und der verschärften Lage an den Kreditmärkten immer mehr Unternehmen in Bedrängnis geraten und ihnen schlimmstenfalls die Insolvenz droht. So schätzt Moody's, dass bis zu 45 Prozent der im "Bottom Rung" genannten Unternehmen 2009 ihren finanziellen Verpflichtungen nicht mehr werden nachkommen könnten.

Politur fürs ramponierte Image der Ratingagentur

Beobachter glauben, dass Moody's mit dieser Liste unter anderem ein Ziel verfolgt - das eigene Image zu verbessern. Das Ansehen von Ratingagenturen ist im Zuge der Finanzkrise drastisch gesunken - denn es wurde offenbar, wie falsch manche Agenturen Firmen bewertet haben. "Ich sehe in diesem neuartigen Produkt den Versuch der Ratingagentur, das eigene Renommee zu verbessern", sagt Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank, zu manager-magazin.de.

Bonitätswächter wie Moody's, Standard & Poor's und Fitch nehmen für die Investoren eine wichtige Funktion ein, indem sie Unternehmensanleihen nach einer bestimmten Systematik klassifizieren und damit einen Anhaltspunkt über die Bonität des Unternehmens und die Ausfallwahrscheinlichkeit der zu leistenden Zahlungen auf die Papiere geben. Gerade mit Blick auf spektakuläre Unternehmenspleiten in der Vergangenheit habe diese "Leuchtturmfunktion" der Ratingagenturen für die Finanzmärkte stark gelitten, sagt Hellmeyer. Darüber hinaus zogen sich die Ratingexperten die Kritik zu, sie hätten unzureichend und zu spät über die Probleme hypothekenbesicherter Wertpapiere gewarnt, deren Ausfall als zentrale Ursache für die Finanzkrise gilt.

Mit der Liste versuche Moody's nun, das angekratzte Image aufzupolieren. Auch wenn die ihr zugrunde liegenden einzelnen Ratings der Unternehmen den Kapitalmärkten bekannt sein müssten, dürften sie dennoch in ihrer neuartigen Zusammenschau als eine Art Frühwarnsystem über Unternehmensschieflagen und mögliche Pleiten nützlich sein. "Mit der jetzt aufgestellten Liste erhöht Moody's für Investoren die Transparenz, indem sie laufend verdeutlichen, welches Unternehmen dazu kommt und warum es herausfällt", sagt Hellmeyer.

So hat Moody's allein in den Monaten Januar und Februar 73 US-Unternehmen der Liste hinzugefügt, unter anderem die Halbleiterhersteller AMD und Freescale oder den Fotografiekonzern Eastman Kodak. Letzterer indes zeigte sich darüber wenig erfreut. In der Onlineausgabe des "Wall Street Journals" wies ein Eastman-Sprecher "Spekulationen" über eine nachlassende Finanzkraft des Konzerns als "unverantwortlich" zurück. Eastman Kodak sei finanziell solide aufgestellt und werde auch in Zukunft ein starker Wettbewerber sein. Der Konzern schließe das Jahr mit mehr als 2,1 Milliarden Dollar an liquiden Mitteln ab sowie einer handhabbaren Schuldbilanz.

Andererseits zeigen 24 Abgänge von der Liste - die meisten allerdings wegen Insolvenz -, dass Moody's mit seiner als neuem Frühwarnsystem verstandenen Liste so falsch nicht liegen kann.

Blogger loben die neue "Todesliste"

Stellt sich die Frage, wie die Investoren weltweit auf diese neuartige Aufzählung reagieren werden. Angesichts der Tatsache, dass sie vor allem mittelgroße Unternehmen in den USA im Fokus hat, dürfte ihre Wirkung begrenzt sein, glaubt Hellmeyer. "Als Frühwarnsystem kann die Liste für Analysten des amerikanischen Unternehmensmarktes - insbesondere des Midcap-Marktes - hilfreich sein. Eine große Wirkung auf die internationalen Finanzmärkte leite ich von dieser Liste aber nicht ab."

In Internetforen wie main-blog.de wird die Krisenliste von Moody's bereits mit den "Todeslisten" des Neuen Marktes verglichen - und willkommen geheißen ("Und endlich gibt es auch wieder eine vernünftige aktualisierte Todesliste"). Die unter anderem von Börsenbriefen und Anlegermagazinen seinerzeit verbreiteten "Todeslisten" spekulierten darüber, welchem Unternehmen in der Dotcom-Krise die Pleite drohe. Diese Listen führten oft zu einer Verkaufspanik und ließen die Kurse der betroffenen Firmen in den Keller stürzen.

Laut Hellmeyer sei die Moody's-Liste "definitiv nicht" mit den Todeslisten des Neuen Marktes vergleichbar. "Bottom Rung", was man frei mit "Bodensatz" übersetzen könnte, sei einfach eine systematische Darstellung von kritischen Ratings bei US-Unternehmen. "Eine Todesliste ist sie in meinen Augen nicht. Sie ist vielmehr Ausdruck einer zyklischen Zuspitzung und Ausdruck der aktuellen Finanzkrise. Aber die Aussagen, die seinerzeit von den sogenannten Todeslisten des Neuen Marktes abgeleitet wurden, sind hier so nicht zulässig."



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